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Religionen

Immer weniger mit Religion am Hut

In der arabischen Welt bezeichnen sich immer weniger Menschen als religiös. Das zeigt eine kürzlich publizierte Studie. Nahostexperte Reinhard Schulze interpretiert die Resultate.

Immer mehr Menschen in der arabischen Welt kehren der Religion den Rücken zu. Zu diesem Resultat kommt eine Umfrage, die das Arab Barometer Netzwerk im Auftrag der englischen BBC durchgeführt hat. Forscherinnen und Forscher aus der arabischen Welt befragten mehr als 25'000 Menschen in elf Ländern in Nordafrika und der Levante zu unterschiedlichen Themen wie Frauenrechte, Migration und Sicherheit (zur Methodik siehe Kasten unten). 

Verlust in religiöse Institutionen
Auf die Frage der Religiosität gaben im Schnitt 13 Prozent an, nicht religiös zu sein. 2013 waren es noch 8 Prozent. «In erster Linie zeigt die Befragung einen ziemlich rasanten Vertrauensverlust in die religiösen Institutionen arabischer Gesellschaften», interpretiert Nahostexperte Reinhard Schulze das Resultat. «Innerhalb von fünf Jahren verlieren Menschen ja nicht in dem Umfang ihre Frömmigkeit.»
Während sich 2013 in Tunesien 15 Prozent als unreligiös definierten, waren dies in der jüngsten Umfrage rund 30 Prozent. Auffallend ist, dass vor allem in nordafrikanischen Ländern wie Tunesien, Marokko und Ägypten sich seit 2013 immer mehr Menschen als areligiös definieren. In den Ländern der Levante (Jordanien, Libanon, Irak, Palästina) hingegen haben sich die Zahlen seit 2013 nur leicht verändert.
«In Ländern wie Libanon beruhen Religionen weiterhin auf einer Konfessionsordnung. Zugehörigkeit wird dort vielfach entlang von Religionsgrenzen definiert. Dies sagt natürlich nichts über die tatsächliche Frömmigkeit oder Religiosität aus», erklärt der Direktor des Kompetenzzentrum Forum Islam und Nahost an der Universität Bern. «In Algerien, Tunesien und Libyen hingegen hat Religion stärker an Bindungskraft verloren, da hier die sozialmoralischen Milieus, die bislang die Religionen trugen, zunehmend erodieren. Dies zeigt sich auch darin, dass in Nordafrika grosse Teile der jüngeren Bevölkerung auch die Bindung an die Gesellschaft verlieren und bis zu 40 Prozent der Bevölkerung den Wunsch hegen, auszuwandern.»

Konsumorientierte Erlebnisfrömmigkeit versus ultrareligiöse Kampfbünde
Augenfällig in der Umfrage ist, dass sich 18 Prozent der unter 30-Jährigen als nicht-religiös bezeichnen. «Religion im Nahen Osten, und damit grossmehrheitlich der Islam, büsst seine normative Kraft ein und trägt vor allem unter der jungen Generation immer weniger zum sozialen Zusammenhalt in der Gesellschaft bei», sagt Schulze.
Insofern sei es, richtig zu sagen, dass die Gesellschaften im Nahen Osten immer weniger religiös seien. Das treffe aber nur auf jene Ordnung zu, die wir Gesellschaft nennen. «Die Prozesse in Ländern wie Syrien, Jemen, Libyen und partiell Irak zeigen, dass parallel zum Verfall der gesellschaftlichen Ordnung der Konsens, was Religion sei, massiv eingebrochen ist», sagt Schulze. Seit Beginn des 21.Jahrhunderts seien Phänomene wie beispielsweise eine personalisierte, konsumorientierte Erlebnisfrömmigkeit oder ultrareligiöse Kampfbünde zu beobachten. «In allen Fällen meinte die Eigenschaft <religiös> nicht mehr dasselbe», so Schulze.
Die Selbstcharakterisierung als nicht-religiös meint im islamischen Kontext zweierlei, erklärt Schulze: «Entweder die Negation einer sozialen Zugehörigkeit, dann ist sogar eine nicht-religiöse Religiosität möglich. Oder als Negation einer Religiosität, die aber die Zugehörigkeit zum Islam bestehen lässt.» Nehme man beide Optionen zusammen, werde deutlich, dass der Begriff «Islam» kaum noch den Bedingungen moderner Eindeutigkeit genüge. «Sagt man so von sich, man sei nicht religiös, dann kündet sich auch hier jener Verlust an Eindeutigkeit an, der für postmoderne Ordnungen so typisch ist», sagt der Professor für Islamwissenschaft und Arabistik.

Ausnahme Jemen
Während in allen befragten Ländern die Bindungskraft der Religion zurückgeht, hat einzig im Jemen die Religiosität zugenommen: 2013 bezeichneten sich rund knapp über 10 Prozent als nicht-religiös, 2019 waren es noch rund 5 Prozent. «Religiosität ist im Jemen primär ein Merkmal von Zugehörigkeit», erklärt Schulze. Seit 2005 habe die Konfessionalisierung der Religionen massiv zugenommen. «Auch hier erodiert die alte soziale Ordnung, die vor allem auf der Bindung an die Stämme beruht. Religionsgemeinschaften definieren neue Formen der Zugehörigkeit, zugleich werden diese in grosse konfessionelle Blöcke eingeteilt – vor allem als Sunniten und Schiiten.»
Reinhard Schulze zeigt sich in erster Linie von der Geschwindigkeit des Vertrauensverlust in die Religion und parallel dazu in die Gesellschaft überrascht: «Offensichtlich zeichnen sich jetzt die Langzeitwirkungen ab, die durch den Arabischen Frühling mit ausgelöst wurden.Ähnlich wie bei der sich durch den Saharastaub verstärkenden Gletscherschmelze gib es Ko-Faktoren, die dazu führen, dass sich der Vertrauensverlust verstärkt.»

Nicola Mohler, reformiert.info, 11. Juli, 2019 

 

Thesen zur Umfrage

 

Reinhard Schulze formuliert fünf Thesen als Reaktion auf die jüngste Umfrage des Arab Barometers Netzwerkes

1. Sicher ist, dass nun auch in der arabischen Welt die sozialmoralischen Milieus, die seit zwei, drei Generationen eine wichtige Heimat der islamischen Vorstellungswelten waren, schwinden. Damit verliert sich auch der Einfluss religiöser Bindung, was schliesslich zu einer Selbstdeutung als «nicht-religiös» führen kann.

2. Parallel schrumpft der Raum für eine islamische Öffentlichkeit, die seit den 1970er Jahren eine gewisse Hegemonie über die politischen Debatten ausgeübt hat. Die arabische Welt, so kann vermutet werden, folgt nun in Teilen der Gesellschaft dem Prozess der Entkonfessionalisierung, den Europa seit den 1960er Jahren erlebt hat und der zum Einbruch der alten sozialmoralischen Milieus geführt hat. 

3. Zugleich aber verstärkt sich – je nach sozialen, ökonomischen und politischen Umständen – die Konfessionalisierung. Beispiele hierfür sind Syrien, der Jemen und zum Teil der Irak.

4. Die Selbstbeschreibung als «Nichtreligiös» bezeichnet im islamischen Kontext den Verlust einer sozialen und lebensweltlichen Bindung an das Religiöse. Der Islam verliert damit die Autorität, die ihm in der Moderne zugewiesen wurde.

5. Dies ermöglicht, dass sich in Teilen der Gesellschaft die Zugehörigkeitsfunktion des Islam auflöst und durch eine personale Frömmigkeitsordnung ersetzt wird. In anderen sozialen Bereichen hingegen verstärken sich ultrareligiöse Deutungsmuster. Beide Tendenzen nehmen die alte religiöse Ordnung in die Zange. Verlierer sind die etablierten islamischen politischen Parteien, der islamische politische Diskurs und die islamischen Symbolwelten, die diese Ordnung repräsentiert hatten.

Die Studie im Überblick finden Sie hier: https://www.bbc.com/news/world-middle-east-48703377

Methodik:
Durchgeführt hat die Umfrage das Arab Barometer Netzwerk. Forscherinnen und Forschern aus der arabischen Welt interviewten 252407 Menschen in privaten Räumlichkeiten. Finanziert wird das Netzwerk von amerikanischen und arabischen Universitäten sowie der englischen BBC. 

Zu den befragten 11 Ländern gehören: Jordanien, Irak, Marokko, Lybien, Tunesien, Ägypten, Palästina, Algerien, Sudan, Libanon und Jemen. Mehrere Golfstaaten haben gemäss den Angaben von BBC den vollständigen und fairen Zugang zur Studie verweigert. Syrien konnte aufgrund der Kriegssituation nicht berücksichtigt werden.

Mehr Information zur Methologie: the Arab Barometer website

Reinhard Schulze:
Der Professor für Islamwissenschaft und Arabistik leitete von 1995 bis 2018 das Institut für Islamwissenschaft und Neuere Orientalische Philologie der Universität Bern. Heute ist er Direktor des Forums Islam und Naher Osten, welches er 2018 gründete. Das Forum versteht sich als transdisziplinäres Kompetenzzentrum für Dokumentation, Wissenstransfer und akademische Dienstleistungen im Bereich des Islam und des Nahen Ostens und zielt auf die Vermittlung akademischen Wissens und akademischer Erkenntnisse.
www.fino.unibe.ch