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Kirche

Citykirchen laufen den herkömmlichen Kirchen den Rang ab

Sie sind täglich offen für alle, ökumenisch geführt und ziehen Menschen mit unterschiedlichen Motivationen an. Der Glaube ist nur eine davon. Ein Erfolgsrezept, wie sich an der diesjährigen Citykirchen-Tagung in Bern zeigte.

Citykirchen sind mehr als einfach nur Kirchen in der Stadt. Sie unterscheiden sich deutlich von den traditionellen Gemeindekirchen. Zum Beispiel sind sie sonntags zur Gottesdienstzeit meistens geschlossen. Ansonsten stehen sie fast rund um die Uhr allen offen: Gläubigen jeglicher Religion, Kulturinteressierten, Randständigen, Stadtflaneuren.

Die ökumenischen Stadtkirchen sind seit den 1990er Jahren ein Erfolgsmodell: Während die meisten «normalen» Kirchen immer leerer werden, strömen jeden Tag Tausende in die offenen Kirchen. Sie stehen mitten in grossen Städten wie Zürich, Bern, Basel, St. Gallen, Genf, Zug oder Olten.

In der Offenen Kirche Heiliggeist in Bern trafen sich kürzlich Citykirchen-Vertreterinnen und Vertreter aus der Schweiz, aus Deutschland und Holland zu Vorträgen und Workshops. Selbstbewusst beschrieben beim Schlusspodium vier Pfarrerinnen und Pfarrer ihre jeweilige Kirche: Ein gastfreundliches Haus mit offenen Türen sei sie; eine Herberge für Menschen, Themen und Inhalte; ein Hafen, in den man jederzeit einschiffen könne; oder ein Brückenkopf, von dem aus Brücken in alle Richtungen geschlagen werden können.

Citykirchen als Werktagskirchen
Monika Hungerbühler, Pfarrerin an der Offenen Kirche Elisabethen in Basel, betonte, dass sie sich nicht als Konkurrenz zu den anderen Kirchgemeinden und Pfarreien in der Stadt verstehe: «Wir sind eine Werktagskirche, eine ohne Sonntagspredigten und ohne Gemeinde. Wir habe jeden Tag Angebote, die auch von den unterschiedlichsten Menschen genutzt werden.»

Etwas anders funktioniert die CityGemeinde Hafen-Konkordien im deutschen Mannheim. «Wir gehören zu denen, die noch eine Gemeinde und einen Sonntagsgottesdienst haben», sagte die evangelische Pfarrerin Ilka Sobottke. Dennoch gebe es Unterschiede zu herkömmlichen Pfarrgemeinden. «Unser Klientel beschränkt sich nicht auf kirchensteuerzahlende über Sechzigjährige. Bei uns treffen sich Menschen aus der ganzen Stadt und aus umliegenden Gemeinden. Alle können und viele wollen unsere Veranstaltungen besuchen.»

Ein Gewinn für alle
Die Citykirchen sind voll. Statt sonntags in den Gottesdienst zu gehen, finden sich immer mehr Menschen individuell an Werktagen in einer der offenen Kirchen ein. «Bei uns in der Offenen Kirche Heiliggeist ist das Publikum bunt gemischt», berichtet Andreas Nufer, Pfarrer an der Heiliggeistkirche. Es gebe alles: Junkies, Touristen, Gottesdienst- und Konzertbesucher, Laufpublikum, die Männer der Männergruppe, die Frauen der Meditationsrunde, Freiwillige Mitarbeitende, Sicherheitspersonal.

Das gebe natürlich Konfliktpotential, aber die unterschiedlichen Nutzerinnen und Nutzer würden sich gegenseitig auch beleben. «Durch die neue Nutzung der Kirche ist auch die traditionelle Kirchgemeinde offener geworden, progressiver, und die Gruppen vermischen sich», sagt Nufer. «So können wir als Citykirchenteam viel besser abschätzen, was die Menschen brauchen und wollen. Ein Gewinn für alle.»

Progressive auch in den Landgemeinden
Ist die Citykirche das Modell der postkonfessionellen Zukunft? Haben die bisherigen Formen der Kirchgemeinden ausgedient? Tatsächlich beobachtet der Zürcher Grossmünsterpfarrer Martin Rüsch Unterschiede in der Kirchenentwicklung auf dem Land und in der Stadt. «Wir sind in den multikulturellen Städten mehr gefordert, neue Formen zu suchen, die es möglich machen, unterschiedliche Gruppen und Interessen zusammenzubringen», meint der Theologe.

Und er glaubt, dass Citykirchen effektiv mehr bieten als einige Kirchen in ländlichen Gemeinden. «Und trotzdem», fährt Rüsch fort. «Auch auf dem Land gibt es Kirchgemeinden, die eine erstaunliche Dynamik entwickeln und vitale Formen des Zusammenlebens von Christinnen und Christen anbieten.»

Katharina Kilchenmann, reformiert.info, 25. September 2019