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Gesellschaft

«Klimaschutz ist keine Religion»

Kurt Zaugg-Ott, Leiter der Fachstelle Kirche und Umwelt oeku, ist enttäuscht, dass sich nicht mehr Kirchen an der Klimademonstration beteiligen. Für ihn ist Klimaschutz keine Religion, aber eine absolute Notwendigkeit.

Herr Zaugg, warum sollen die Kirchenglocken am 28. September läuten?
Die Schülerbewegung fordert, unterstützt von vielen Wissenschaftlern, dass mehr für den Klimaschutz getan wird. Wenn wir mit den Kirchenglocken läuten oder die Uhr auf fünf vor Zwölf stellen, unterstützen wir diesen Notruf: Es ist Zeit zu handeln. Das war auch die Überschrift einer Resolution in der Zürcher Kirchensynode.

Bis jetzt machen nur 108 Kirche bei der Klimademo mit. Haben Sie mit einer höheren Beteiligung gerechnet?
Ja, im ersten Moment war ich über den Rücklauf etwas enttäuscht. Die E-Mails von «Fastenopfer» und «Brot für alle» sind anfangs Sommerferien rausgegangen. In der Zwischenzeit habe ich gehört, dass viele trotz unserer Medienmitteilung und dem Newsletter-Versand den Aufruf nicht zur Kenntnis genommen haben. Einigen scheint unser Anliegen nicht zu passen.

Tun die Kirchen zu wenig für den Klimaschutz?
Ja, denn eigentlich haben sich die Schweizer Kirchen schon lange für einen stärkeren Klimaschutz ausgesprochen, beispielsweise für eine CO2-Abgabe auf Treibstoffe und für höhere Klimaziele. Aber sie haben dies etwas halbherzig getan, beispielsweise gerade dann, wenn eine Klimakonferenz stattgefunden hat. Sie haben aber kaum nachgedoppelt und sich aktiv für diese Ziele eingesetzt. Es ist fast nur bei Stellungnahmen geblieben.

Gibt es auch positive Beispiele?
Sicher. Es gibt einige sehr aktive Kirchgemeinden, die das Umweltmanagement «Grüner Güggel» einführen, systematisch Öl- und Gasheizungen durch erneuerbare Systeme ersetzen oder ganz einfach ihre Gebäude isolieren und versuchen, den Energieverbrauch zu senken. Das ist schon sehr viel.

Was können die Kirchen konkret für den Klimaschutz tun?
Sehen Sie, die Klimakrise ist auch eine Sinnkrise. Wir sind als Wohlstandsgesellschaft aufgefordert, unseren Lebensstil zu verändern. Doch viele empfinden es als Zumutung, wenn ihre liebgewonnenen Gewohnheiten infrage gestellt werden: Mehrmals pro Jahr mit dem Flugzeug reisen, in grosszügigen und gut beheizten Wohnungen leben, zwei oder drei Autos besitzen und täglich sein Stück Fleisch verzehren. Die Kirchen hingegen kennen eine starke Tradition der Genügsamkeit und Askese und sie sind lokal verwurzelt. Sie können die Menschen bei der Suche nach dem Lebenssinn unterstützen. Es ist fatal, wenn wir den Sinn unseres Lebens ausschliesslich mit Wohlstand und Konsum verbinden. Nächstenliebe, soziale Kontakte und das Engagement für eine lebbare Zukunft wären alternative Sinnangebote, die tragen. All dies wirkt natürlich sehr viel glaubwürdiger, wenn eine Kirchgemeinde ihren ökologischen Fussabdruck unter die Lupe nimmt und verkleinert. Eine Gemeinde kann so zum Vorbild für ihre Mitglieder werden.

Besteht nicht auch die Gefahr, dass der Klimaschutz zur neuen Religion wird und militante Verfechter auf den Plan ruft?
Selbstverständlich gibt es in der Klimaschutzbewegung Gruppierungen, die ungeduldig und militant sind. Das ist auch verständlich, wenn man auf die letzten Jahrzehnte zurückblickt. Seit 1990 haben wir es gerade mal geschafft, unseren CO2-Ausstoss zu stabilisieren. Das Ziel war aber, ihn zu reduzieren. Zwischen 2030 und 2050 sollten wir bei Netto-Null-Emissionen sein, also keine Treibhausgase mehr ausstossen. Sogar der Bundesrat anerkennt heute diese Notwendigkeit mit seinem neuen Ziel für 2050. Klimaschutz ist keine Religion, es gibt verschiedene Wege zum Ziel. Die Schülerbewegung, die auf den Strassen demonstrierte, hat die Gesellschaft wachgerüttelt. Damit hat sie eine prophetische Rolle übernommen – ohne diese bewusst gesucht zu haben.

Adriana Schneider, kirchenbote-online, 26. September 2019