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Kirche, Politik

Mit offenen Armen – auch für Sea-Watch Kapitänin Carola Rackete

Kürzlich tagte die Synode der italienischen Waldenser-Methodisten-Kirche in Torre Pellice. Am letzten Tag der Synode wurde Alessandra Trotta mit 143 von 157 Stimmen zur neuen Moderatorin (Präsidentin) gewählt. Sie weilt am 9. November zu einem Gespräch in Bern. (Details in unserer Agenda). Und: Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete fand Unterschlupf bei den Waldensern: Aus Sicherheitsgründen.

„Den Nächsten zu lieben, das ist kein Gefühl, das ist ein modus vivendi: Es ist die Entscheidung, mit offenen Armen zu leben.“ So predigte die Waldenser-Vikarin Sophie Langeneck am Sonntagmorgen vor ihrer Ordination im Eröffnungsgottesdienst der Synode der Waldenser-Methodisten-Kirche und berührte damit ein Thema, das sich durch die Sitzungswoche gezogen hat. Vom Evangelium inspiriert, setzt sich die Waldenser-Kirche für eine Gesellschaft ein, die die Schwächsten mit offenen Armen aufnimmt – für ein Italien, das Spaltungen überwindet und dem Klima der Ausgrenzung durch einen offenen Dialog entgegentritt. Mit offenen Armen wurde auch die große Gruppe von 28 ausländischen Gästen empfangen, die aus Belgien, Deutschland, England, Frankreich, Österreich, Portugal, Schottland, Schweiz, Tschechien und den USA angereist waren – unter ihnen die Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, der Präsident des protestantischen Kirchenbunds in Frankreich, der Bischof der Methodistischen Kirche in Portugal sowie zahlreiche Vertreter der internationalen Freundeskreise. 

Im Ausnahmezustand
Die jährliche Synode der Waldenser-Methodisten-Kirche ist von einer besonderen Atmosphäre begleitet. Die kleine Bergstadt Torre Pellice befindet sich in einem Ausnahmezustand, es ist wie ein Kirchentag in überschaubarem Format: Die Unterkünfte sind ausgebucht, Bars und Restaurants überfüllt, jeden Tag gibt es kulturelle Angebote. Kirche und Diakonie präsentieren ihre Arbeit an Ständen im Umfeld des Synoden-Hauses, alle Gemeinden in Italien und im Ausland sind durch ihre Pastoren und Pastorinnen und Delegierte vertreten. Für die Synodalen, Gäste und Mitarbeiter ist diese Woche eine Gelegenheit, das Netzwerk zu festigen und sich für den Arbeitsalltag nach der Sommerpause stärken und inspirieren zu lassen.

 Abschied …
Mit dieser Synode endete die siebenjährige Amtszeit des Moderators Eugenio Bernardini. Es entspricht waldensischer Art, Leitungspersonen nüchtern zu verabschieden: Die Synode dankte für die geleistete Arbeit und bat um den Segen Gottes für ihn. Auf diesen einstimmig angenommenen Tagesordnungspunkt folgte minutenlanger Applaus. Mit Eugenio Bernardini ist die Waldenser-Kirche als wichtige Stimme in der Gesellschaft unüberhörbar geworden: Das gilt insbesondere für den vielfältigen Einsatz für Flüchtlinge, aber auch für das evangelische Profil der Waldenser-Methodisten-Kirche. In seine Amtszeit fällt das Treffen mit Papst Franziskus in der Waldenser-Kirche in Turin, bei der das Oberhaupt der katholischen Kirche um Verzeihung gebeten hat für die Verbrechen, die im Namen der katholischen Kirche den Waldenserinnen über Jahrhunderte angetan worden sind. Moderator Bernardini hat sich dafür eingesetzt, das sich die protestantische Spiritualität in der Öffentlichkeit zeigt, insbesondere im Kontext des 500jährigen Reformationsjubiläums. Nicht zuletzt hat sein klarer und effektiver Leitungsstil die Kirche inhaltlich profiliert und finanziell konsolidiert.

Mit Haut und Haaren
Die Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, Annette Kurschus, hat Eugenio Bernardini das Bronzekreuz der westfälischen Kirche überreicht – als Anerkennung für die enge Zusammenarbeit der beiden Kirchen in seiner Amtszeit, insbesondere im Einsatz für geflüchtete Menschen. In ihrem Grußwort beschrieb sie die Waldenser-Kirche als eine Kirche, „die sich selbst riskiert, um Zeugin der Hoffnung zu sein“. Nach Matthäus 25 begegnet uns im Fremden Christus selbst: Auf diese Perspektive haben sich die Waldenserinnen und Waldenser „mit Haut und Haaren“ eingelassen. Die Präses wies darauf hin, dass es auch in der westfälischen Kirche Gemeinden gibt, die sich auf den Weg gemacht haben, „Gemeinsam Kirche (zu) sein“. Nach dem Vorbild der „Humanitären Korridore“ hat die Evangelische Kirche von Westfalen das in diesem Jahr eingerichtete Projekt NesT vorangetrieben, bei dem Mentorengruppen in Deutschland die Verantwortung für besonders schutzbedürftige Flüchtlinge übernehmen, die von der UN-Flüchtlingshilfe ausgewählt werden.

… und Neubeginn
Am letzten Tag der Synode wurde Alessandra Trotta mit 143 von 157 Stimmen zur neuen Moderatorin gewählt. Sie ist nach Maria Bonafede die zweite Frau an der Spitze der Waldenser-Kirche, aber die erste Diakonin und die erste Methodistin in diesem Amt. In der Presse wurde sie schon vor der Synode als Nachfolgerin von Eugenio Bernardini angekündigt: Das war zwar unglücklich, hat aber zu keinen Diskussionen geführt, da ihre Kandidatur von einer breiten Basis getragen war und keine Gegenkandidat*innen nominiert worden sind. Frühere berufliche Etappen von Alessandra Trotta waren: Rechtsanwältin, Leiterin des Diakonie-Instituts La Noce in Palermo, Leiterin der Methodistischen Abteilung der Vereinigten Waldenser-Methodisten-Kirche, Mitglied der Tavola (Kirchenleitung) und Leiterin der kirchlichen Rechtsabteilung. Als Vizemoderatorin ist Pfarrerin Erika Tomassone aus Rorà in den Waldensertälern ebenfalls neu gewählt worden: Sie wird diese Aufgabe nebenamtlich wahrnehmen.

Wie eng die Kooperation unserer Kirchen in der Flüchtlingsarbeit in den vergangenen Jahren geworden ist, zeigt eine persönliche Anekdote.Sie betrifft Carola Rackete.

Motto: Die Letzten zuerst
Mit dem Motto „Die Letzten zuerst“ (Prima gli ultimi) setzt die Waldenser-Kirche einen Gegenakzent zum rechtspopulistischen „Italiener zuerst“, das die italienische Politik derzeit beherrscht. Die Regierungskrise in Italien hatte auch Einfluss auf das Synoden-Geschehen. Im Vorfeld der Synode wurde der Moderator dazu in mehreren Interviews befragt: Dabei rief er zu einem offenen Dialog zwischen den unterschiedlichen Positionen auf, damit die Probleme zum Wohl aller gelöst werden können. Auf der Synode wurde mehrfach der Verfall der Diskussionskultur in Italien beklagt und der Auftrag der Kirche bekräftigt, der alltäglichen Fremdfeindlichkeit und der gezielten Desinformation auf dem Rücken der Schwächsten entgegenzuwirken. Besondere Aufmerksamkeit in der italienischen Presse fand ein Aufruf der Synode an die Bürgermeister Italiens: Sie wurden aufgefordert, dem Beispiel Leoluca Orlandos in Palermo zu folgen, und in einem Akt zivilen Ungehorsams gegen das Dekret von Innenminister Salvini Flüchtlinge im Ordnungsamt zu registrieren, damit sie Zugang zu Sozialleistungen haben. 

Grussworte
In diesem Kontext sind zwei Grusswort an die Synode zu erwähnen: eines von Heather Roy, Eurodiaconia-Generalsekretärin aus Brüssel, das andere von Monsignore Ambrogio Spreafico, Vorsitzender der Ökumene-Kommission der Italienischen Bischofskonferenz. Frau Roy stellte fest, dass wir in Europa immer häufiger die Tendenz haben, „to love things and to use people“: Als Kirchen und Diakonie müssen wir dem entgegentreten und uns dafür einsetzen „to love people and to use things“ – wie es die Waldenser-Kirche in überzeugender Weise tue. Monsignore Spreafico hob hervor, dass die Waldenser-Kirche mit ihrem prophetischen Einsatz für Flüchtlinge ein Vorbild für alle Kirchen sei. Dabei prägte er das Bonmot: „Eine Kirche ohne Profezei ziehe sich zurück in die Sakristei“ (una chiesa senza profezia si ritiri in sacristia).

Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete bei den Waldensern
Wie eng die Kooperation unserer Kirchen in der Flüchtlingsarbeit in den vergangenen Jahren geworden ist, zeigt eine persönliche Anekdote. Als vor einigen Wochen die deutsche Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete aus der italienischen Haft entlassen wurde, kursierte in den sozialen Netzwerken ein Interview mit ihr, in dem betont wurde, dass ihr derzeitiger Aufenthaltsort aus Sicherheitsgründen und wegen des noch laufenden Verfahrens streng geheim gehalten werden müsse. Meine Tochter, die vor drei Jahren ein Volontariat in Palermo gemacht hatte, meldete sich bei mir und sagte: „Die Wandlampen kenne ich - das ist doch das Waldenser-Institut La Noce!“ So war es – was wir natürlich für uns behielten. 

Bangkok-Papier
Intensiv diskutiert wurde auf der Synode der Aufruf der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen (Bangkok 2019) zu einem status-confessionis-Prozess, um der Kultur der Diskriminierung, des Populismus und Nationalismus zu widerstehen. Die Synode machte sich das Anliegen des Bangkok-Papiers zu eigen und regte eine Auseinandersetzung damit auf allen kirchlichen Ebenen an. Sie blieb aber zurückhaltend beim Begriff status confessionis: Angesichts der mit diesem Begriff verbundenen historischen Kontexte (z.B. Luther in Worms, Theologische Erklärung von Barmen), in der unsere Vorfahren unter Lebensgefahr ihre Glaubensüberzeugungen vertreten haben, erschien der Begriff in der gegenwärtigen Situation unangemessen. 

Aktuelle Situation auf dem Mittelmeer
Das Flüchtlingsprojekt Mediterranean Hope hatte zu einer Konferenz in der Mittagszeit eines Synodentags eingeladen. Die italienische Sprecherin der deutschen Flüchtlingshilfe Sea Watch, Giorgia Linardi, berichtete über die aktuelle Situation im südlichen Mittelmeer – ebenso wie Riccardo Gatti, Kapitän der spanischen Open Arms, der aufgrund der schwierigen Lage seinen Beitrag per Video-Botschaft übermitteln musste. Paolo Naso vom Evangelischen Kirchenbund in Italien beschrieb die prekäre Situation von vielen Tausenden Flüchtlingen, die in ganz Italien als Arbeitssklavinnen und -sklaven ausgebeutet werden: ohne soziale Absicherung werden sie für Hungerlöhne und unter unmenschlichen Versorgungsbedingungen meistens als Erntehelferinnen eingesetzt. Mediterranean Hope will durch Konferenzen auf diese Problematik aufmerksam machen und in Süditalien eine Anlaufstelle für Betroffene einrichten. 

Flüchtlingshelfer werden häufig kriminalisiert, einzelne sind mit bis zu 20 Jahren Haft bedroht worden, weil sie illegalen Einwanderern bei der Einreise geholfen und Unterschlupf gegeben haben. 

Prekäre Situation in Mexiko
Bewegend war auch der Beitrag „Eine Botschaft von den Grenzen der Vereinigten Staaten“ des amerikanischen Pastors Randy J. Mayer von der United Church of Christ in Arizona. Er beschrieb die prekäre Situation der Flüchtlinge an der Grenze zwischen Mexiko und den USA, die von 50.000 Grenzsoldaten bewacht wird. Den Flüchtlingen fehlt oft das Nötigste, Tausende Kinder sind von ihren Eltern getrennt worden, 10.000 warten auf ihr Asylverfahren, viele werden Opfer von Gewalt bis hin zu über 50 getöteten Flüchtlingen. Randy Mayer setzt sich seit dem Jahr 2000 für den Schutz und die Grundversorgung der Flüchtlinge ein. Flüchtlingshelfer*innen werden häufig kriminalisiert, einzelne sind mit bis zu 20 Jahren Haft bedroht worden, weil sie illegalen Einwanderern bei der Einreise geholfen und Unterschlupf gegeben haben. Er wies darauf hin, dass die flüchtlingsfeindliche Politik der USA zwar unter Trump einen Höhepunkt erreicht habe, aber bereits seit 25 Jahren unter vier Präsidentschaften betrieben wird. So seien beispielsweise während der Regierungszeit von Präsident Obama 200 Meilen Mauer an der Grenze zu Mexiko gebaut worden.

Kleine Zahlen, grosser Zuspruch
Im Eröffnungsgottesdienst der Synode sang ein Chor mit afrikanisch-stämmigen Sängerinnen und Sängern, der aus mehreren Gemeinden in Norditalien zusammengesetzt worden war: ein sichtbares Zeichen nach fast drei Jahrzehnten „Gemeinsam Kirche sein“. Mit dem eindrücklichen Segnungsritual, bei dem alle Versammelten die Arme segnend ausstrecken, wurden drei neue Pastoren und Pastorinnen ordiniert: Sophie Langeneck, Marco Casci und Nicola Tedoldi. Drei Ordinationen sind in diesen Zeiten außergewöhnlich für die Waldenser-Kirche, auf der vorigen Synode gab es keine Ordination. Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Anzahl der Pfarrerpersonen stetig verringert: vor 10 Jahren waren es noch 101, aktuell sind es 86. An der Theologischen Fakultät studieren nur sieben Frauen und Männer, die sich auf ein Pfarramt in der Waldenser-Methodisten-Kirche vorbereiten. Stärker frequentiert sind der Fernkurs Theologie mit 120 Studierenden sowie der neugeschaffene Masterstudiengang Interkulturelle Theologie. 

Die Waldenser-Kirche befindet sich nach eigenem Urteil in einem „stabilen Schrumpfungsprozess“. 

Stabiler Schrumpfungsprozess
Die Waldenser-Kirche befindet sich nach eigenem Urteil in einem „stabilen Schrumpfungsprozess“. Wie in unseren deutschen Kirchen, so gelingt es auch der Waldenser-Kirche kaum, Jugendliche und junge Erwachsene anzusprechen – abgesehen von diakonischen Projekten, in denen viele ehrenamtlich mitarbeiten. Mit nachdenklichem Lächeln verglich der Moderator die Lage in der Kirche mit der in Familien: Er meinte, dass „wir Eltern mit Beginn der Pubertät unserer Kinder die Erziehungsarbeit weitgehend aufkündigten und zum lieben Herrgott beten, dass alles gut gehen möge“. 

Den schrumpfenden Zahlen steht allerdings der nach wie vor sehr gute Zuspruch bei der Acht-Promille-Steuer gegenüber: 565.760 Italienerin haben die in diesem Jahr ausgezahlte Steuer der Waldenser-Methodisten-Kirche zukommen lassen, d.h. knapp 40mal mehr als die etwa 15.000 Kirchenmitglieder. Das entspricht 3,2 % aller Unterschriften bzw. etwa 43.200.000 Euro. Damit steht die Waldenser-Kirche an dritter Stelle der Acht-Promille-Empfänger, nach dem Staat und der katholischen Kirche. Das eingenommene Geld wird für soziale Projekte in Italien und im Ausland verwendet, nicht für die kirchliche Gemeindearbeit.

 

Text: Marco Sorg, Daniel Frei – Foto: Wikipedia – Kirchenbote SG, 2. Oktober 2019

 


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