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Gesellschaft

Evangelische Kirche: Noch eine ziemlich angesehene Moralinstanz

Der «Gemeinwohlatlas» der Schweiz platziert 110 Organisationen und Unternehmen in einem Ranking. Die Landeskirchen sind immer noch im vorderen Mittelfeld ­– zumindest die evangelischen.

Wer tut am meisten für die Gesellschaft? Diese Frage stellte eine Abteilung der Uni St. Gallen in Zusammenarbeit mit einer Hochschule in Leipzig in einer Umfrage bei fast 15'000 Schweizerinnen und Schweizern nach 2014, 2015 und 2017 dieses Jahr zum vierten Mal.

Die Schweizerische Rettungsflugwacht Rega hat 2019 den ersten Platz ergattert – wie zwei Jahre zuvor –, vor dem Spitex Verband und Pro Senectute. Auf der gängigen Schulnotenskala von 1 bis 6 erzielte die Rega in den vier Bereichen Aufgabenerfüllung, Zusammenhalt, Lebensqualität und Moral Notenschnitte von 5.23 bis 5.75. Auf den hintersten Rängen der 110 bewerteten Organisationen und Firmen landeten mit Uefa, Glencore, Fifa und Marlboro je zwei Fussballverbände und Unternehmen.

Auch Unternehmen tragen Verantwortung
Insgesamt finden 73 von 100 Befragten, dass dem Gemeinwohl in der Schweiz zu wenig Beachtung geschenkt wird. Und nahezu alle Organisationen haben aus Sicht der Bürgerinnen und Bürger einen geringeren Beitrag zum Gemeinwohl erbracht als noch vor zwei Jahren. Dabei schreiben 86 Prozent der Befragten neben dem öffentlichen und gemeinnützigen Sektor auch den privatwirtschaftlichen Unternehmen eine hohe Gemeinwohl-Verantwortung zu.

Insbesondere aber Grosskonzerne nehmen gemäss den Umfrageresultaten diese Verantwortung zu wenig ernst. Im Vergleich zu 2017 fallen sie besonders stark ab im Ranking. Nestlé und Coca-Cola werden um jeweils fast 15 Prozent schlechter bewertet, Amazon und Facebook um gegen zehn Prozent. Dies sei ein relativ grosser Sprung für eine Gemeinwohlbewertung, da diese auf den langfristigen Erfahrungen der Menschen mit einer Organisation beruhe, sagt Studienleiter Timo Meynhardt. «Nur wenn die Bevölkerung der Meinung ist, dass tatsächlich etwas sehr falsch läuft, kommt es zu solch grossen Änderungen in der Bewertung.»

Grosse Unterschiede bei christlichen Organisationen
Zu den grösseren Verlierern gehört im Gemeinwohlatlas auch die katholische Kirche. Sie schneidet um 8.8 Prozent schlechter ab als vor zwei Jahren und landet auf Rang 84. Den grössten Einbruch erzielte sie mit minus 10.3 Prozent im Bereich Moral. Deutlich besser platziert sind hingegen die Heilsarmee und Caritas auf den Rängen 10 und 11.

Und die Reformierten? Die «evangelische Kirche» schaffte es zwischen der Landi und dem evangelischen Hilfswerk «Terre des hommes» auf Rang 23. Anders als die Katholiken erzielte sie gerade im Bereich Moral mit 4.97 den besten Wert, vor der Aufgabenerfüllung, dem Beitrag zum Zusammenhalt und zur Lebensqualität. Insgesamt aber ging die Bewertung mit 2.4 Prozent ebenfalls leicht zurück.

Kirche mit «starkem Image»

Dass die reformierte Kirche trotz laufend geringeren Mitgliederzahlen relativ gut wegkommt, begründet Martin Leuenberger, Präsident des Pfarrvereins Bern-Jura-Solothurn, mit dem nach wie vor «starken Image» der Kirchen: «Ich bin auch nicht Mitglied bei Amnesty International, glaube aber zu wissen, für was die Organisation steht. Und ich schätze ihr weltweites Engagement.» Und er glaube, dass die Kirche nach wie vor Vertrauen geniesse.

Das erlebe er auch konkret im Pfarreralltag: «Wenn mir beispielsweise beim Trauergespräch auf die Frage, ob die Familie den Entwurf eines Lebenslaufs gegenlesen möchte, geantwortet wird: Sie finden schon die richtigen Worte», nennt Leuenberger ein Beispiel. Er sei zudem ein Verfechter des «starken Allround-Gemeindepfarramts». Damit könne das Image gepflegt werden, findet der Amsoldinger Pfarrer: «Wenn der Auftrag der Kirche, zu allen Menschen gesendet zu sein, weiterhin spürbar bleibt: in lokaler Präsenz und Engagement vor Ort.»

Das Lokale ist für Martin Leuenberger aber nicht die Grenze: Ebenso notwendig seien der weltweite Horizont und da und dort ein mutiges politisches Statement. «Dabei dürfen wir uns daran erinnern, dass die evangelisch-reformierte Kirche der Schweiz seit dem 19. Jahrhundert eine Säule unseres demokratisch-republikanischen Gesellschaftsmodells ist und sich für Rechtsstaatlichkeit stark macht», hält der Pfarrer fest.

Aufgefordert, mehr zu tun
Insgesamt forderten die Befragten im Gemeinwohlatlas 2019 Unternehmen und Organisationen auf, mehr für das Gemeinwohl zu tun, denn nahezu alle Unternehmen und Organisationen seien im Vergleich 2017 schlechter bewertet worden, teilen die Studienautoren mit. Eine schlechte Einschätzung könne viele negative Nebenwirkungen mit sich führen, da die meisten Schweizerinnen und Schweizer bei ihrem Einkauf oder bei der Jobwahl auf das Gemeinwohl achteten. Doch vor allem stelle es die zentrale Frage nach der Legitimation, die für jede Organisation unabdingbar sein sollte.

Der ehemalige HSG-Rektor, Peter Gomez, der das Patronat über die Untersuchung übernommen hat, meint zu den Ergebnissen: «Für Führungskräfte gibt es nur einen Weg, sich eine Meinung zur gesellschaftlichen Akzeptanz ihres Unternehmens zu bilden: Die Bürgerinnen und Bürger befragen und dann vor allem auch ernst nehmen.»

Marius Schären, reformiert.info, 2. Oktober 2019

Der Gemeinwohlatlas 2019 wurden insgesamt 14'946 Personen im Alter zwischen 18 und 93 Jahren für den Gemeinwohlatlas befragt. Verantwortlich für Durchführung und Umsehtzung ist ein Team des Center for Leadership and Values in Society der Universität St.Gallen (CLVS-HSG) in Zusammenarbeit mit dem Dr. Arend Oetker Lehrstuhl für Wirtschaftspsychologie und Führung der HHL Leipzig Graduate School of Management. www.gemeinwohl.ch