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Wirtschaft

Dem Feuer übergeben

Es ist die letzte Station der meisten St. Gallerinnen und St. Galler: das Krematorium. Tag für Tag übergeben die Mitarbeitenden die Verstorbenen dem Feuer und begleiten Angehörige in ihrer Trauer.

Eine Viertelstunde bevor der Verstorbene dem Feuer übergeben wird, treffen die Angehörigen ein. Ursula Lauper bereitet sie auf die Einäscherung vor. «Ich drücke ihnen ein Holzherz in die Hand», erzählt die Geschäftsführerin des Krematoriums St. Gallen, «daran können sie sich festhalten.» Im Raum steht ein Holzsarg. Das Licht ist gedämpft, es brennt eine Kerze. Die Angehörigen treten zum Sarg, verabschieden sich, legen das Holzherz darauf. Nun betreten zwei Mitarbeiter des Krematoriums den Raum. Einer begleitet die Angehörigen, einer bedient die Einschiebevorrichtung. Der Sarg fährt langsam in den knapp 800 Grad Celsius heissen Ofen und wird durch die Hitze entzündet.

Bei der Kremation dabei
Neunzig Menschen pro Woche äschert das Krematorium St. Gallen durchschnittlich ein. Rund viermal sind Angehörige dabei, Tendenz steigend. Lauper befürwortet diese Entwicklung. Früher sei man dabei gewesen, wenn der Sarg ins Grab gelassen wurde. Heute könne man bei der Einäscherung dabei sein. «Rituale sind wichtig», betont Lauper, «um den Tod zu akzeptieren.»

Der Sarg fährt langsam in den Ofen ein und wird durch die Hitze entzündet.

Parfüm, Bier und Bilderrahmen
Die Kremation ist heute der Normalfall: Über 85 Prozent der Verstorbenen werden in der Schweiz eingeäschert. Nach dem Tod werden sie meist in ihrer Gemeinde aufgebahrt. Bestattungsunternehmen machen sie schön, kleiden sie ein und bringen sie ins Krematorium. Häufig gibt es noch Sargbeigaben. Das ist erlaubt, denn die Schadstoffe werden aus dem Abgas gefiltert. «Parfümflaschen, Bilderrahmen und Bierflaschen mussten wir aber rausnehmen», erzählt Lauper. Denn das heisse Glas gefährde die Mitarbeiter. Sie fanden aber Alternativen: Das Parfüm versprühten sie im Sarg, aus dem Bilderrahmen entfernten sie das Glas und das Bier gaben sie dem Verstorbenen in einem Becher mit. 

Mitfühlen, aber nicht mitleiden
Die Arbeit im Krematorium ist belastend. Sie fühle mit den Trauernden mit, sagt Lauper, manchmal habe sie auch Tränen in denAugen. Wie geht sie damit um? «Ich glaube an Gott, der mir hilft», erzählt die ausgebildete Trauerbegleiterin. «Daraus schöpfe ich Kraft.» Sie sei eine geerdete Person und stehe mit beiden Beinen im Leben. Vor Kurzem hat Lauper die Schwester ihres Partners eingeäschert. «Ich trauerte mit ihm.» Aber sie könne damit umgehen. «Einen Panzer lege ich mir nicht zu.»

«Am liebsten würde ich sie in den Arm nehmen und sagen: ‹Du darfst weinen.›»
Ursula Lauper

 

Bis zu 1200 Grad Celsius heiss
Die Einäscherung dauert in der Regel eine Stunde. Der Ofen erhitzt sich zwischendurch auf 1200 und kühlt gegen Ende wieder auf rund 800 Grad Celsius ab. Übrig bleiben die Knochen. Sie werden zu Asche verfeinert und in die Urne eingebettet. Was damit geschieht, führt manchmal zu Konflikten, weil der Wille des Verstorbenen nicht mit jenem der Hinterbliebenen übereinstimmt. Ist der Wille der Witwe wichtiger, die einen Ort zum Trauern braucht? Oder der Wille des Verstorbenen, der seine Asche über dem Säntis verstreut haben möchte? «Der Wille der Hinterbliebenen hat Vorrang», findet Lauper ohne zu zögern. «Sie müssen den Tod verarbeiten. Dazu brauchen sie einen Ort, an dem sie trauern können.» 

Abschied am Sarg
Die Verarbeitung des Todes beginnt schon vor der Kremation, wenn Angehörige sich von der aufgebahrten Person verabschieden. Das sei wichtig, damit man sehe, dass «das Leben aus dem Körper draussen» sei, findet Lauper. An der Urne könne man sich eigentlich nicht verabschieden. «Das ist zu abstrakt.» Nahe geht es ihr, wenn junge Menschen von jungen Menschen Abschied nehmen müssen: Junge Männer, die trauern, aber nicht wissen, wie. «Am liebsten würde ich sie in den Arm nehmen und sagen: ‹Du darfst weinen›», gesteht die Mutter zweier erwachsener Kinder. Denn Zeit allein heile nicht. «Tränen aber heilen – und immer wieder darüber reden.» 


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