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Gesellschaft

«Am Anfang fühlen sich die meisten unschuldig»

Die Theologin Franziska Bangerter Lindt arbeitete rund zwanzig Jahre als Gefängnisseelsorgerin. Bei den Gefangenen sei die Reue meist ein Prozess, fasst die Pfarrerin kurz vor ihrer Pensionierung ihre Erfahrungen zusammen.

Zwanzig Jahre hinter Gittern mit Strafgefangenen: Verschleisst dies einen nicht? «Ich habe meine Arbeit immer gerne gemacht, langweilig ist es mir nie geworden», erklärt Pfarrerin Franziska Bangerter Lindt. Zu keinem Zeitpunkt habe sie es bereut, Gefängnisseelsorgerin zu sein. Im Laufe der Zeit sei ihr aufgegangen, wie zerbrechlich das Leben ist und dass sie selbst privilegiert aufwachsen durfte.

Die 64-jährige Theologin kam als Tochter eines Berners und einer Britin in Biel zur Welt und ist in Sigriswil im Berner Oberland aufgewachsen. Dort verbrachte sie eine behütete Kindheit. Nach dem Theologiestudium arbeitete sie als Gemeindepfarrerin in Biel und danach bei der Fachstelle Migration der Kirchen Bern-Jura-Solothurn. Erst ab dem Jahr 2000, nachdem sie eine Ausbildung für Spital- und Gefängnisseelsorge absolviert hatte, kam die verheiratete Mutter zweier erwachsener Kinder mit dem Gefängnisalltag in Berührung. «Es war die absolut richtige Entscheidung, ins Gefängnis zu gehen», ist Bangerter Lindt noch heute überzeugt.

Männlich und ausländisch
95 Prozent der Gefangenen sind männlich, 85 Prozent der Insassen sind ausländischer Herkunft. Als Seelsorgerin begleitete Franziska Bangerter Lindt die Häftlinge im Gespräch, hörte ihnen zu und schenkte ihnen Zeit und Aufmerksamkeit. «Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass es keine Gefangenen gab, die einen nervten», erklärt Bangerter Lindt. In den Gesprächen ging es darum, noch vorhandene Ressourcen herauszuarbeiten, die helfen, einen Sinn oder künftige Aufgaben im Leben der Insassen zu finden. «Man muss die Tat vom Menschen trennen», sagt Bangerter Lindt. Dies erfordere viel Offenheit, speziell wenn man auf Menschen mit wenig Selbstreflexion oder völlig anderen Wertesystemen treffe. «Ich habe schon erlebt, dass ein muslimischer Mann nicht begreifen konnte, dass er hier in der Schweiz seine Frau nicht schlagen darf.»

Als Gefängnisseelsorgerin hatte es Franziska Bangerter Lindt auch mit Menschen zu tun, die ihre Tat bagatellisieren, verdrängen oder gleichgültig hinnahmen. Manchmal passte das Verbrechen so nicht zum Menschen, der vor ihr sass. Man sehe jemandem die Tat nicht an. Sie sei Menschen begegnet, die so gar nicht der landläufigen Vorstellung eines brutalen Schlägers entsprachen, sondern höchst umgänglich waren und freundlich und eloquent auftraten, erzählt Bangerter Lindt. Die Mehrheit zeige mit der Zeit Reue, dies nach einem allmählichen Prozess. «Am Anfang fühlen sich die meisten unschuldig», sagt Bangerter Lindt. Erst mit der Zeit erschliesse sich ihnen das Gefühl von Reue und sie übernehmen Verantwortung.

Selten Angst gehabt
Besonders herausfordernd sei der Umgang mit Insassen, die psychisch krank sind. Im Massnahmenvollzug verteilen sich die Vergehen in etwa zu einem Drittel auf Gewalt, Sucht oder Pädophilie. Angst habe sie jedoch in ihrer Arbeit ganz selten gehabt. Auch sei sie nie angegriffen worden. Das habe vermutlich damit zu tun, dass sie nie die Überbringerin der negativen Nachrichten war. «Die Gefangenen möchten mit mir reden, sie erleben mich in der Regel als positive Person.» Manchmal thematisierte die Seelsorgerin in den Gesprächen die Tat und suchte nach Möglichkeiten, nach Wiedergutmachung.

Gefängnis sei nicht gleich Gefängnis, erklärt Bangerter Lindt. Die angenehmen Gefängnisse befänden sich ihrer Erfahrung nach in Deutschland, Österreich und der Schweiz. In den meisten europäischen Ländern seien die Anstalten mangelhaft, ganz zu schweigen von denen auf anderen Kontinenten. «Es bleibt überall der Umstand, dass man im Gefängnis von der Aussenwelt abgeschnitten ist», resümiert Bangerter Lindt. Wichtig sei deshalb, dass man auch dem Personal Wertschätzung entgegenbringt.

Seelsorge für die eigene Psyche
In diesem Zusammenhang bemerkt Bangerter Lindt, dass sie auch für sich selbst Seelsorge betreiben muss. Dafür nehme sie Supervision in Anspruch und schöpfe im Kreise ihrer Familie und Freunde und in der Natur neue Kraft. Um mit den schwierigen Situationen umgehen zu können, brauche es ein intaktes privates Umfeld, gesunden Menschenverstand, Humor und eine gute Bodenhaftung.

Toni Schürmann, 8. November 2019