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Kultur

Die menschlichen Abgründe bleiben

Science-Fiction träumt von ferner Zukunft, in der technisch alles machbar ist. Der Mensch aber mit all seinen Ecken und Kanten bleibt ambivalent. Und damit die Frage nach Gut und Böse und nach Gott aktuell. Kurz vor Weihnachten lauft in den Kinos die neue Episode von «Star Wars» an – «Möge die Macht mit dir sein.»

Gott hat keinen Platz in der Welt der Science-Fiction. Zumindest auf den ersten Blick. Science-Fiction handelt von fiktivem wissenschaftlichem Fortschritt. So katapultiert
Jules Verne in seinem Roman «Von der Erde zum Mond» schon 1865 eine Rakete zum Mond. Dieser ist ein durch und durch materieller Ort. Das mittelalterliche Weltbild sah im Weltall den spirituellen «Äther», den Wohnsitz Gottes. Bei Jules Verne hingegen wird der Weltraum zum wissenschaftlich erforschbaren Raum. Science-Fiction beginnt mit der modernen Wissenschaft – ohne «Science» keine Science-Fiction.

«Trotz Fortschritt ist nicht alles Friede, Freude, technologischer Eierkuchen.»

Die Technologie schafft das Paradies
Science-Fiction träumt von einer Welt, in der nicht Gott das Paradies schafft, sondern die Wissenschaft und die Technologie. Besonders deutlich ist dies im Star-Trek-Universum, bekannt durch den spitzohrigen Vulkanier Spock. Nach dem dritten Weltkrieg Mitte des 21. Jahrhunderts stellt sich der Weltfriede ein: Alle Krankheiten werden besiegt, alle Menschen haben genug zu essen, man kann Nahrungsmittel direkt aus Energie gewinnen. Wie von Wunderhand, aber eben durch Technologie. Die Menschheit findet ihren Platz in der interstellaren zivilisierten Gemeinschaft. 

Doch selbst in dieser Welt ist nicht alles Friede, Freude, technologischer Eierkuchen. Denn die Menschen selbst sind nicht besser geworden, sondern bloss die Technologie. Die Machtkämpfe haben sich einfach von einzelnen Planeten auf die Ebene der Galaxien verschoben. Zunächst kämpft die Föderation der Planeten gegen die kriegerischen Klingonen, danach gegen die gerissenen Romulaner und schliesslich gegen die ruchlosen Kardassianer. Die Feinde gehen nicht aus, trotz technologischem Fortschritt.

Computerhölle für die Toten

In der materiellen Science-Fiction-Welt verschwinden neben Gott auch Himmel und Hölle, zumindest als fassbare Orte. Sie bleiben in fast schon ironischer Weise jedoch im menschlichen Herzen bestehen. In Iain Banks’ «Surface Detail» (2010) erschafft eine ausserirdische Spezies eine von Computern generierte, simulierte Hölle, in welcher die Toten gefoltert werden. Die Computerhölle dient als Drohkulisse gegenüber den Lebenden, um sie zu gewünschtem Verhalten zu zwingen. Dieses Vorhaben zeugt von den dunkelsten menschlichen Abgründen. Banks zeigt eindrücklich auf, dass auch eine technologisch entwickelte Gesellschaft ein finsteres Herz besitzt, das durch Technologie und Fortschritt nicht erklärt werden kann, geschweige denn durch Technologie und Fortschritt verschwindet.

Der Mensch erhebt sich zum Schöpfer
Gott mag zwar verschwunden sein, der Mensch mit all seinen Ecken und Kanten ist aber nach wie vor da. Das zieht sich durch viele Science-Fiction-Werke. So auch durch Mary Shelleys «Frankenstein» (1818). Frankenstein gelingt es, einen künstlichen Menschen zu bauen. Dieser ist ihm kräftemässig weit überlegen, aber hässlich. Angewidert und eingeschüchtert von seinem eigenen Geschöpf, flieht Frankenstein und lässt es allein. Doch erst durch diese feige Flucht macht Frankenstein das Geschöpf zum Monster: Es verbittert. Aus Einsamkeit und Enttäuschung, seinen Schöpfer nicht kennenlernen zu können. Nun trachtet es nach Rache.

«Ich habe Dinge gesehen, die die Menschen nicht glauben würden.»

Robotermenschen
Frankensteins Monster ist ein Vorbild für die Androiden – Roboter in Menschengestalt. Sie bevölkern eine ganze Reihe von Science-Fiction-Werken. In Ridley Scotts «Blade Runner» (1982) rebellieren die versklavten Androiden gegen ihre menschlichen Herrscher. Diese fürchten sich vor ihren eigenen Geschöpfen. Deshalb haben sie ihre Lebenszeit auf vier Jahre beschränkt. Dagegen begehren die Androiden auf. Ihr Anführer Roy (Rutger Hauer) möchte von seinem Schöpfer wissen, wieso er ihn erschaffen hat. Und wieso seine Modellreihe nach vier Jahren «den Geist aufgibt». Hatte er denn überhaupt einen «Geist»? Als ihn der Kopfgeldjäger Rick Deckard (Harrison Ford) zur Strecke bringt, streckt Roy seine Hand gen Himmel und weist eindringlich auf seine einzigartige Existenz hin: «Ich habe Dinge gesehen, die die Menschen nicht glauben würden. Lodernde Angriffsschiffe unweit der Schulter Orions. Ich sah C-Strahlen glitzern in der Dunkelheit nahe des Tannhäuser Tors. All diese Augenblicke werden mit der Zeit verloren gehen, wie Tränen im Regen. Zeit zu sterben.» Mit seinem letzten Atemzug fliegt eine weisse Taube zum Himmel und hinterlässt Deckard im Zweifel darüber, ob der Android Roy nicht doch eine Seele besitzt. Woher käme sie denn? Seine Hersteller haben keine programmiert.

Auferstehung als Download
Damit stellt Science-Fiction die Frage, ob der Mensch über seinen Körper hinaus einzigartig ist. In der Neuauflage der TV-Serie «Battlestar Galactica» (2004–2009) verfügen die Androiden über sogenannte «Wiedergeburtsschiffe». Diese funktionieren wie eine Computercloud, beispielsweise Dropbox. Wenn der Körper eines Androiden stirbt, wird das Bewusstsein ins Wiedergeburtsschiff geladen und dort in einen neuen Körper eingesetzt. Handelt es sich da noch um die gleiche Person? Die Androiden zweifeln.

So nähert sich Science-Fiction dem Thema der Auferstehung. Es hängt mit folgender Frage zusammen: Ist die Person – das, was den Menschen ausmacht – an ihren Körper gebunden? Ähnliche Fragen beschäftigen auch die Jünger im Neuen Testament, als sie dem auferstandenen Christus begegnen. Die Antwort: Er ist der Gleiche, man kann seine Wundmale berühren. Trotzdem läuft er durch Wände und ist verändert. Wie soll die Auferstehung der Toten funktionieren, wenn der Körper doch in der Erde verrottet?

«Der Heilsbringer Anakyn Skywalker erinnert an eine Christusfigur.»

Darth Vader als gefallener Engel
Star Wars verlässt dazu die materielle Welt der Science-Fiction und flüchtet ins Übernatürliche: Eine «Macht» kann Tote zurückbringen. Dieselbe «Macht» zeugt mit einer Frau den Heilsbringer Anakyn Skywalker, eine Erlöserfigur, die an Christus erinnert. In seiner Zeugung klingt die Weihnachtsgeschichte an. Später wird Anakyn Skywalker vom Bösen korrumpiert und verwandelt sich wie ein gefallener Engel in Darth Vader.

Die Rückkehr Gottes
Mehr und mehr scheint sich in zeitgenössischer Science-Fiction die Erkenntnis durchzusetzen, dass nicht alles durch Technologie erklärt werden kann und muss. Oder wie es der Erzähler der «Expanse»-Reihe (Ty Franck, Daniel Abrahams) ausdrückt: «Das Universum ist immer merkwürdiger, als du denkst.» Das Übernatürliche und vielleicht gar Gott scheinen in der langen Entwicklung des Genres wieder einen Platz im Science-Fiction-
Universum gefunden zu haben.

Daniel Cojocaru, Anglist, kirchenbote-online, 27. November 2019

Daniel Cojocaru hat in Zürich englische Literatur studiert und in Oxford doktoriert. In seiner Dissertation untersuchte er Dystopien – Science-Fiction-Szenarien, die im Desaster enden. Er lebt in Winterthur und interessiert sich besonders für christliche Motive in Film und Literatur.