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Kirche

Gottfried Locher: «Das Evangelium wachhalten – Lust und Last»

20.12.2019
Vor kurzem wurde aus dem Kirchenbund die Evangelische-reformierte Kirche Schweiz EKS. In den letzten Wochen machte die EKS mit der Diskussion über die «Ehe für alle» Schlagzeilen. Wo bleibt da die Einheit, wo das Bekenntnis? EKS-Präsident Gottfried Locher über Lust und Last, das Evangelium wach zu halten.

Herr Locher, mit Verlaub: Kaum jemand kennt die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz EKS oder den früheren Kirchenbund. Warum?
Bei der Gründung vor hundert Jahren ging es nicht um Öffentlichkeitsarbeit. Wichtig war die Beziehungspflege mit Bundesbehörden und mit der Landesregierung. Heute stehen wir an einem anderen Ort: Wir wollen gemeinsam Kirche sein, und wir wollen, dass diese Kirche sichtbar wird. Die neue Verfassung hilft uns dabei.

Konkret, was ist die zentrale Botschaft der EKS?
Im Mittelpunkt steht der Auftrag: Wir verkündigen das Evangelium von Jesus Christus in Wort und Tat. Dazu sind wir da. Und für mich persönlich ist das die grösste Motivation überhaupt.

Auch das neue Logo will eine Botschaft vermitteln – nämlich?
Das neue Logo zeigt ein einfaches rotes Kreuz. Aber ein Kreuz mit einer Besonderheit: In der Mitte ist es leer. Im Zentrum steht das Geheimnis des Glaubens. Das ist typisch reformiert: nicht zu viele Worte. So ist auch unser Logo, schlicht, schön, klar. Auch Menschen, die nichts mehr vom christlichen Glauben wissen, kennen dieses Symbol.

Das tönt alles sehr simpel, aber der Schritt zur EKS ist vor allem eine Strukturreform. Wie erklären Sie den Nutzen?
Struktur gibt Halt. Wir wollen verbindliche Gemeinschaft, dazu braucht es ein verbindliches Miteinander. Nicht alles kann man auf Gemeindebasis erarbeiten, und auch nicht alles in der Kantonalkirche. Manchmal müssen wir zusammenarbeiten. Sonst gäbe es zum Beispiel kein Gesangbuch, keinen Diakonieverband, keine Ausbildung von Pfarrpersonen und vor allem: keine Bibel.

Wie bringen Sie die EKS unter die Leute?
Wichtig ist nicht die EKS, wichtig sind die Gemeinden vor Ort. Wir helfen im Hintergrund, so verstehen wir uns selber. Wir möchten alle diejenigen unterstützen, die an vorderster Front das tun, was unser Auftrag ist: Evangelium verkündigen in Wort und Tat. Dazu haben wir einen Kurzfilm produziert, er zeigt etwas vom Leben in unseren Kirchen. Und es gibt neu bei uns sehr schöne Osterkerzen, Geschenkkerzen und Taufkerzen. Zudem haben wir einen EKS-Wein produziert. Der kommt jedes Jahr von einem anderen Kanton, als Zeichen unserer Gemeinschaft.

Warum braucht es die EKS?
Weil man Kirche immer nur zusammen mit anderen sein kann. Ich möchte mich zuhause fühlen in dieser Kirche, auch wenn ich mal an einem anderen Ort bin als in der eigenen Gemeinde. Ich möchte erleben, dass andere mit mir unterwegs sind, mit mir nach Gott suchen. Ich möchte Kirche auf drei Ebenen, in der Gemeinde, im Kanton und in der Schweiz.

Sie streben an, in der Gesellschaft ein christliches Zeugnis zu sein. Antiquierte Wunschvorstellung oder Realität?
Christus sagt: Ihr seid das Salz der Erde. Das ist nie antiquiert. Im Gegenteil, das kommt mir ziemlich modern vor. Die christliche Botschaft liegt immer wieder quer zur Mehrheitsmeinung. Salz der Erde ist etwas anderes als Zeitgeist. Das führt zu Widersprüchen und Spannungen, die wir in uns und im Zwischenmenschlichen oft erleben. Manchmal gelingt es auch uns Menschen, das Christsein überzeugend und eindeutig zu leben. Meistens sind wir aber ein Gemisch von Glaubwürdigkeit und Fragwürdigkeit.

Die neue Verfassung sieht einen starken Präsidenten vor. Dagegen gab es viel Widerstand. Warum, und was halten Sie dagegen?
Widerstand gegen «die da oben» ist immer gut, und zudem gut reformiert. Wichtig ist mir, dass wir Köpfe haben, die unserer Kirche ein Gesicht geben. Solche Gesichter brauchen wir vor Ort in der Gemeinde, wir brauchen sie aber auch im Kanton und gesamtschweizerisch. Wo immer wir arbeiten, brauchen wir Gestaltungsspielraum. Es braucht aber auch demokratische Spielregeln, die den Freiraum abstecken, den ich bewusst nutzen will. Mein Amt verstehe ich als Spezialpfarramt. Jedes Pfarramt braucht Gestaltungsfreiraum. Mir ist übrigens wichtig, dass auch meine Kolleginnen und Kollegen im Gemeindepfarramt viel Freiraum haben. Wir müssen aufpassen, dass wir das Pfarramt nicht zu stark «funktionalisieren». Am Schluss ist sonst alles verplant und durchstrukturiert, das kommt nicht gut. Pfarrpersonen müssen auch Leerzeiten haben, in denen sie etwa die Bibel lesen und diese für heute nutzbar machen können.

Sie machen gerne pointierte Aussagen. Als Funktionär oder Gottesdiener?
Als Pfarrer. Wir sind nicht dazu ordiniert, den Menschen nach dem Mund zu reden. Evangelium verkündigen in Wort und Tat, das versuche ich in meiner Arbeit zu tun. Manchmal gelingt es besser, manchmal schlechter. Immer aber habe ich vor Augen, dass es um einen Dienst geht, um Gottesdienst und deshalb um Dienst an den Menschen. Ich lebe bewusst aus dem Gottesdienst heraus, und ganz besonders aus dem Abendmahl. Von dort schöpfe ich die Kraft für die Arbeit als EKS-Präsident. Wir sind alle eingeladen, Gott dort zu dienen, wo wir gerade stehen. Ich suche nicht den Konflikt, sondern die Klärung von Fragen. Dabei ist es mir bewusst, dass das Amt des Präsidenten Projektionsflächen für allerlei Kritik bietet. Ich antworte, wenn immer möglich, auf Kritik, sofern sie nicht ausfällig wird. Herzensanliegen sind mir sympathisch.

Pointierte Aussagen haben gerade in den letzten Monaten gezeigt, dass es nicht sehr weit her ist mit der Einheit in der evangelisch-reformierten Kirche: Die «Ehe für alle»-Kontroverse birgt sogar die Gefahr der Kirchenspaltung. Wie beurteilen Sie dieses Risiko?
Wir sollten vielleicht etwas nüchterner an diese Frage gehen. Schliesslich glauben wir ja nicht an die Ehe, sondern an Gott, an Christus, an den Heiligen Geist. Ehe ist nicht Gegenstand unseres Bekenntnisses. Aber: Die Ehe ist Teil unserer Zivilisation. Wenn wir sie neu definieren, dann schaffen wir Spannungen. An dieser Stelle stehen wir heute. Im Christentum gibt es mindestens zwei Meinungen über die Ehe, eine konservativere und eine progressivere. In der Landeskirche hat es Platz für beide Ansichten. Sie haben damit zu tun, wie wir die Bibel lesen, und auch das tun wir sehr unterschiedlich. Dadurch bricht nicht gleich die christliche Zivilisation zusammen. Unterschiedliche Meinungen gehören zur reformierten Kirche, wie die Demokratie überhaupt. Die Einstellung zur «Ehe für alle» ist ein Brennpunkt des Frömmigkeitsstils.

Braucht es überhaupt noch ein Glaubensbekenntnis?
Wäre ich Koch, würde ich sagen: Das Bekenntnis ist die Kraftbrühe des Glaubens. Im Bekenntnis steckt die Essenz dessen, was wir über Gott, Christus, das Leben, den Tod und die Auferstehung sagen können. Darum ja, ich brauche Bekenntnisse, sie helfen mir, meinen eigenen Glauben besser zu verstehen. Ich mag besonders das Apostolische Glaubensbekenntnis, eines der ältesten, das es überhaupt gibt. Mir gefällt die Vorstellung, dass es lange vor mir schon Menschen gab, die dieselben Worte gesprochen haben. Und dass diese Worte auch lange nach mir noch gesprochen werden. Ich fühle mich nicht eingeengt von diesen alten Formulierungen. Meine eigenen, modernen Worte finde ich meistens nicht überzeugender.

Ihr Lieblingsmotto ist «Einheit in der Vielfalt»: Wunschdenken oder Realität?
Einheit in Vielfalt wird gerade Realität in der neuen EKS. Die neue Verfassung ist ein erfreuliches Zeichen dafür. Aber Papier allein reicht nicht, nun müssen wir das alles mit Leben füllen, mit Erlebnissen. Wir brauchen beides, Einheit und Vielfalt. Vielfalt haben wir Reformierten sowieso, das ist unsere grosse Stärke. Einheit macht dort Sinn, wo wir wiedererkennbar sein möchten, dort, wo man uns als Gemeinschaft wahrnehmen soll. Das gilt nach innen, zum Beispiel für gemeinsame Elemente im Gottesdienst, und nach aussen, zum Beispiel bei öffentlichen Stellungnahmen. Und es gibt noch viel zu tun.

Wie wird der Zusammenhalt der teils so unterschiedlichen Mitgliedkirchen gefördert?
Die neue gesamtschweizerische Synode legt die grossen Linien der Zusammenarbeit fest. Durch neue Plattformen für Gottesdienst, Diakonie, Bildung, Kultur und anderes mehr. In der EKS begegnen sich Deutschschweiz, Romandie und das Tessin. Wir lernen voneinander. Zum Beispiel liturgisch: Es gibt einen Schatz an guten Ideen vom Boden- bis zum Genfersee. Und es gibt auch ganz praktisch viel Potential für mehr Zusammenarbeit, zum Beispiel bei Pensionskassenlösungen oder beim gemeinsamen Computereinkauf.

Wie werden die Kirchgemeinden einbezogen?
Die EKS sollte den Gemeinden nicht dreinreden. Gemeinden können, wenn sie wollen, zum Beispiel unseren Film benutzen. Oder sie können unsere Osterkerze in ihrer Kirche aufstellen. Oder darüber nachdenken, das EKS-Logo auch einmal als Gemeinde-Logo zu übernehmen – allerdings nur in Absprache mit ihrer Kantonalkirche. Je mehr wir gemeinsam machen, desto erkennbarer werden wir als Kirche.

Trotzdem: Ist alles nur Kosmetik oder gesellschaftsrelevante Veränderung?
Erinnern wir uns an den Auftrag: Evangelium verkündigen in Wort und Tat. Wer sich daran hält, weiss: Nicht wir verändern die Gesellschaft. Wir probieren vielmehr, das Evangelium wach zu halten, das die Gesellschaft verändern kann. Wichtig ist derjenige, dessen Evangelium wir weitergeben sollen: Stellen wir Christus in den Mittelpunkt, nicht die Kirche.

Interview: Roman Salzmann, kirchenbote-online, 20. Dezember 2019

Ein Film zur Kirche
Die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz (EKS) geht aus dem Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund (SEK) hervor. Sie gründet in der Verfassung, die von der SEK-Abgeordnetenversammlung verabschiedet wurde, und startet mit neuem Namen und neuem Logo. Ein Imagefilm wurde ebenfalls gedreht: www.evref.ch

 

Stellungnahmen einzelner Kantonalkirchen zur EKS
Ulrich Knoepfel, Kirchenratspräsident Glarus
Ich erhoffe mir, dass die Reformierten auch auf schweizerischer Ebene als verkündigende Kirche auftreten. Also als Glaubensgemeinschaft, welche die Gegenwart Gottes in unserem Land bezeugt. Mit dem neuen Emblem «Kreuz im Licht» wird deutlich, dass dieser Gott kein anderer ist als der Vater Jesu Christi. Das Offene in der Mitte des Kreuzes sehe ich als den kirchlichen Freiraum, in dem vielfältige Glaubensformen sich in ihrem gemeinsamen Zentrum – in Christus – finden.

Wilfried Bührer, Kirchenratspräsident Thurgau
Ich freue mich über den frischen Wind, der im SEK/ EKS weht. Dass der Start überschattet ist von den schwierigen Diskussionen rund um die Öffnung der Ehe für Gleichgeschlechtliche, ist zu bedauern, aber solches gehört nun mal «zum Geschäft».
Was das Logo betrifft, wurde von aussenstehenden Fachleuten gesagt, dass in einer multireligiösen Welt nicht konfessionsspezifische Eigenheiten in den Vordergrund gestellt werden sollten, sondern das für alle sofort als christlich erkennbare Kreuz. Mich hat das überzeugt. Mag sein, dass derzeit das Kreuz noch schnell mit «katholisch» in Verbindung gebracht wird, aber das wird sich ändern. Das Kreuz ist weltweit das Symbol des Christentums. Der Kirchenrat überlegt sich, ob und wie das Logo für die Thurgauer Landeskirche übernommen werden kann.

Martin Schmidt, Kirchenratspräsident St. Gallen
Was die EKS angeht, möchte sie stärker als Kirche auf nationaler Ebene und weniger als Bund wahrgenommen werden. Dazu gehören Predigt und Diakonie. Wichtig ist für mich, dass das gut koordiniert mit den Kantonalkirchen geschieht.
Im ausserreformierten Kontext, wo man zeigen will, wer man ist, ist das Kreuz anschlussfähiger. Darauf setzt sowohl die evangelisch-methodistische. Kirche EMK, die reformierte Kirche Aargau oder auch unsere St. Galler Kirche. Das Kreuz löst bei mir eine gewisse Ambivalenz aus, mutet etwas «katholisch» an. Ich hätte mir sehr gut ein Logo, das gegen innen wirkt, vorstellen können. Das Reformations-R hat sich ja in Windeseile in allen Kantonen etabliert und wäre gute Basis gewesen für die Entwicklung eines gemeinsamen Erkennungszeichens.