Logo
Kultur

Film «Im Spiegel»: Geprägt vom Leben auf der Strasse

Anna Tschannen schneidet Obdachlosen die Haare. Welche Schicksale verbergen sich hinter den Gesichtern, die sich im Spiegel vor den Augen der Betroffenen und der Zuschauer verwandeln?

In Berlin, London und Paris sind sie allgegenwärtig. Menschen, die auf der Strasse leben. In der Schweiz sieht man sie weniger. Doch schon nur in Basel leben rund hundert Obdachlose. Und 200 Menschen haben keine eigene Wohnung, darunter auch Familien. Einige von ihnen setzen sich regelmässig in den Coiffeurstuhl von Anna Tschannen, etwa im Chor der Offenen Kirche Elisabethen. Seit über zehn Jahren frisiert sie in Basel in ihrem mobilen Salon Menschen, «die aus den gesellschaftlichen Strukturen gefallen sind».

Zusammen mit dem Regisseur Matthias Affolter brachte Anna Tschannen ihre Erlebnisse jetzt auf die Kinoleinwand. Im Film «Im Spiegel. Vom Leben im Verborgenen» erzählen ihre Kundinnen und Kunden aus ihrem Leben. Während Tschannen ihnen die Haare schneidet, schauen sie in den Spiegel und sehen, wie sie sich verändern. «Für manche bedeutet es eine grosse Überwindung, sich auf meinen Coiffeurstuhl zu trauen und sich auf eine Veränderung einzulassen.» Wenn das Gefühl der Scham verschwinde, beginnt das Gespräch, das sie berühre und beschäftige, so Tschannen. «Menschen frisieren, heisst für mich, ihnen ein Stück Menschenwürde geben», erklärte sie einmal im Kirchenboten. Der Austausch geschehe auf Augenhöhe. Und nicht alle wollen reden. «Ich merke schnell, ob jemand Nähe erträgt, etwas zulassen will oder nicht.»

Ein schmaler Grat
Besser als obdachlos, beschreibe das englische Wort «homeless» die Situation ihrer Kunden. «Es sind Menschen, die kein zu Hause haben.» Damit meint Anna Tschannen nicht nur ein Dach über dem Kopf, sondern auch die innere Heimatlosigkeit. Die Schicksale zeigten, so die Filmemacher, dass zwischen der Mitte der Gesellschaft und ihrem Rand ein schmaler Grat liege. Es gehe letztendlich um die Frage, ob wir nur für das, was wir leisten und besitzen, geschätzt werden, oder für das, was wir sind.

Beim Thema Armut habe ihn der andere Blick interessiert, meint Regisseur Matthias Affolter. Menschen, die durch die Maschen des Sozialstaates gefallen seien, blickten von aussen auf die Gesellschaft, «und wir blicken oft aus einer Distanz auf sie». Dieses Gefühl, nicht dazuzugehören, und die Scham darüber prägten das Leben von armutsbetroffenen Menschen oft mehr als der materielle Mangel. «Wie behält man seine Würde und Selbstachtung, wenn man keine Funktion mehr erfüllt, und einem das Gefühl vermittelt wird, man sei nutzlos oder gar ein Ärgernis?», fragt Affolter.

Es geht den Filmemachern aber nicht nur darum, zu zeigen, wie die Kundinnen und Kunden von Anna Tschannen nach einem Sinn in ihrem Leben suchen. Indem sie von sich erzählen, halten sie auch den Zuschauerinnen und Zuschauern den Spiegel vor. Die Erfahrungen der Obdachlosen konfrontieren sie mit den eigenen «blinden Flecken» und «verdrängten Ängsten».

Karin Müller, 20. Dezember 2019

«Im Spiegel», Start 16. Januar im Kino Oris, Liestal und im kult.kino atelier, Basel,
www.im-spiegel.ch