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Gesellschaft

Religion hat in den Schulen einen schweren Stand

Der Lehrplan 21 will Religion als säkulares Schulfach stärken. Doch für das gesellschaftlich wichtige Fach ständen in der Praxis kaum Stunden zur Verfügung, kritisiert die interreligiöse Arbeitsgemeinschaft in der Schweiz, Iras Cotis.

Ziel ist eine Harmonisierung in der Bildungslandschaft. Um diese zu erreichen, wurde 2018 in den meisten Deutschschweizer Kantonen der Lehrplan 21 eingeführt. Für das Fach Religion hat er einen Paradigmenwechsel gebracht. Nicht mehr die Landeskirche soll die Schülerinnen und Schüler in diesem Bereich unterrichten, sondern der Staat – und zwar konfessionsunabhängig und werteneutral im Hinblick auf eine religiös und kulturell pluralistische Gesellschaft. Neben dem Wissen über Religionen sollen die Kinder neu auch in Ethik unterrichtet werden.

Doch offenbar hapert es bei der Umsetzung. «Der Religionsunterricht findet für tausende von Schülerinnen und Schülern kaum statt», schreibt die interreligiöse Arbeitsgemeinschaft in der Schweiz, Iras Cotis, jüngst in einem Communiqué. Die Kritik basiert auf Recherchen und einem Dokument der Deutschschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz (D-EDK). In diesem werden die kantonalen Stundentafeln mit den von der Konferenz empfohlenen Richtwerten verglichen. Fazit: In lediglich drei von 21 Kantonen entspricht die Anzahl Lektionen im Religion vermittelnden Fach «Natur, Mensch, Gesellschaft» (NMG) auf Primarstufe dem Richtwert; bei «Ethik, Religionen, Gemeinschaft» (ERG) auf Sekundarstufe I sind es unwesentlich mehr.

Alarmierende Zahlen
Für Simon Gaus Caprez von Iras Cotis sind die Zahlen alarmierend. Das NMG-Zeitbudget ist im Schnitt um einen Sechstel gekürzt. «Die im Lehrplan genannten Kompetenzen können so nicht ausreichend bearbeitet werden», sagt er auf Anfrage. Unbefriedigend sei die Situation aber insbesondere auch in der Oberstufe. Viele Schulen nützten das Fach ERG auch für die «Berufliche Orientierung» oder den Klassenrat. Für Religion bleibt oft keine Zeit.

Ausserdem sei ein «Ringen zwischen konfessionellem und konfessionsunabhängigem Religionsunterricht zu beobachten», stellt Gaus Caprez fest. Obwohl es im gemeinsamen Lehrplan anders vorgesehen war, nehmen sich einzelne Kantone die Freiheit heraus, Religion vollständig oder teilweise den Kirchen zu überlassen. Im Kanton St. Gallen etwa kann der ERG-Unterricht wahlweise beim Staat oder den Kirchen besucht werden. In Solothurn ist er ganz in kirchlicher Hand.

Lebenskunde genügt nicht
Dass Religion im Lehrplan 21 in den meisten Kantonen zu kurz kommt, bestätigt auch Dominik Helbling. Der Professor für Fachwissenschaft und Fachdidaktik Ethik und Religionen von der Pädagogischen Hochschule Luzern sagt auf Anfrage, dass das Fach ERG «unter Druck» sei. Bei vergleichbarem Zeitbudget muss auf der Oberstufe heute im ehemaligen Fach «Lebenskunde» auch noch Religion und Ethik vermittelt werden. Bei einigen Bildungsdirektionen sei möglicherweise noch nicht angekommen, dass auch dies didaktisches Fachwissen voraussetze. «Sie glauben, ein bisschen übers Leben zu plaudern, genüge.» Dabei gehe es für die jungen Leute um nichts Geringeres, als um die wichtigen Kompetenzen, mit Wertepluralität umzugehen und sich eine eigene Meinung bilden zu können.

Die Kirchen verrieten zudem Angst, man würde ihnen mit dem staatlichen Religionsunterricht etwas wegnehmen, so Helbling mit Blick auf den Bericht. Für den Experten ist indes klar: «Kirchlicher und staatlicher Unterricht haben unterschiedliche Aufträge.»

Qualität statt Quantität
Das Ziel der Harmonisierung scheint noch in weiter Ferne. Auch Benedict Zemp, wissenschaftlicher Mitarbeiter vom Lehrplan 21, räumt auf Anfrage ein: «Die im Lehrplan 21 festgesetzten Richtwerte werden von den Kantonen teilweise unterschritten.» Er betont aber gleichzeitig, dass die zur Verfügung stehenden Lektionen alleine noch nichts über die Qualität des Unterrichts aussagen. «Wenn Planungsannahmen und Richtwerte unterschritten wurden, heisst das noch nicht, dass sich die Kantone vor Religion drücken», betont er. «Die Kantone passen die Stundentafel fortlaufend wieder an.»

Auf eine rasche Anpassung hofft nun Simon Gaus Caprez von Iras Cotis. Für die föderale Tradition und damit einem Spielraum bei der Umsetzung der Stundentafel habe er zwar Verständnis. «Das delikate Thema Religion aber derart zu vernachlässigen scheint im Bezug auf den Allgemeinbildungsanspruch, die konfessionelle Unabhängigkeit der Schule und die gesellschaftlichen Herausforderungen aber unverständlich.»

Sandra Hohendahl-Tesch, reformiert.info, 16. Januar 2020