Logo
Kirche

Was eint, reibt und bleibt

Statt auf das Gemeinsame zu fokussieren, steht oft das Trennende zwischen den Kirchen im Vordergrund. Der Theologe Walter Dürr erklärt, was es zur Versöhnung zwischen den Kirchen braucht und was ein Mosaik in der Hagia Sophia damit zu tun hat.

Ende Januar las man die Schlagzeile «Katholische Kirche und die Freikirchen in Österreich haben sich gegenseitig ihre Schuld eingestanden und um Vergebung gebeten». Der Workshop von Walter Dürr unter dem Titel «Versöhnung zwischen den Kirchen – was ist nötig?» ist also hoch aktuell. Die Veranstaltung fand im Rahmen der interdisziplinären Konferenz «Versöhnt leben» statt, die auch religiöse und psychologische Fragen der Versöhnung im Programm aufnahm.

Zur Mitte hinbewegen
Walter Dürr ging den Fragen nach: Was eint? Was reibt? Was bleibt? Die katholische Kirche, die reformierten, christkatholischen und Freikirchen einen nicht nur Bibelstellen wie etwa Johannes 17, 21: «Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast». Sondern auch das apostolische Glaubensbekenntnis: «Ich glaube an den Heiligen Geist, die eine, heilige, allgemeine apostolische Kirche».

Walter Dürr hebt auch die gemeinsame Geschichte hervor, ihren Ursprung in der Jesus-Bewegung und der frühen Kirche oder die Reformation der Kirche, die nicht die Absicht einer Spaltung begonnen hatte. «Oft fokussieren die Kirchen auf ihre Unterschiede, statt sich auf ihre Gemeinsamkeiten zu konzentrieren», sagt Dürr. «Wir sollten uns alle gemeinsam zur Mitte hinbewegen, hin zu Christus.»

Semper reformanda
Statt also das Gemeinsame ins Zentrum zu stellen, werde immer wieder auf den Ausschluss der anderen fokussiert. Walter Dürr, der selber der reformierten Landeskirche angehört, nennt das Schicksal der Täufer unter den Reformierten als Beispiel. «Die Erblast des Protestantismus ist, dass er aus einer Spaltung entstand und dass aus ihm immer wieder neue Spaltungen entstanden», zitiert Dürr den Berner Theologen Ullrich Luz.

Die Reformierten würden gerne vergessen, dass die eigene Kirche einer ständigen Erneuerung unterworfen sei, immer wieder neue Spaltungen geschähen. «Trotzdem aber hört man oft, die eigene Sicht sei die einzig richtige», sagt Dürr.

Vom Unkraut im Weizen
Eine Versöhnung zwischen den Kirchen werde erschwert durch die moderne Besserwisserei. «Ich verfüge über die Wahrheit – also liegst du sicher falsch.» «Wir sind die wahre Kirche – also könnt ihr es gar nicht sein», zitiert Dürr.

 

Mit dem Umbruch in die Postmoderne sei der absolute Wahrheitsanspruch jedoch hinfällig geworden, sagt Dürr. «Mit dieser Erkenntnis, wird klar, dass jeder bloss eine Perspektive der Wahrheit hat. Diese Erkenntnis ermöglicht ein demütiges Miteinander.» Der Theologe verdeutlicht dies mit dem Gleichnis vom Unkraut im Weizen aus dem Matthäus-Evangelium. Auf die Frage der Knechte, ob sie das Unkraut ausreissen sollen, antwortet der Herr: «Nein, damit ihr nicht, wenn ihr das Unkraut ausreisst, auch den Weizen mit herauszieht.» Es gehe also nicht darum, wo die wahre Kirche ist, sagt Dürr. «Vielmehr steht die Frage im Zentrum: Wie kann Kirche wahr werden?»

Einheit in versöhnter Vielfalt
Dürr ist überzeugt: Kirchen könnten sich nur mit Demut versöhnen, ansonsten obsiege das Trennende. «Man kann sich ja auch die Frage stellen, was kann ich von dir lernen, ohne die eigene Position zu negieren», sagt Dürr, der die christliche Einheit in ihrer versöhnten Vielfalt sieht.

Schöpfungstheologisch hebt Dürr hervor: «Bevor wir je liberal oder fromm, katholisch oder evangelisch, Buddhisten oder Atheisten wurden, sind wir alle als normale Menschen geboren worden.» Statt die Grenzen sei das Zentrum zu betonen. Und dieses sieht Dürr im Wirken des Heiligen Geistes. «So wird die Geistesgabe des Andern zum Geschenk und Ergänzung für meinen Mangel», sagt Dürr.

Wieder «glaub-würdig» werden
Als Inspiration beschreibt Dürr ein Mosaik aus der Hagia Sophia in Istanbul: Maria und Johannes der Täufer neigen sich dem in ihrer Mitte befindlichen Jesus Christus zu. «So kommen sich beide Seiten näher», sagt Walter Dürr. «Wer die Mitte sucht, muss die eigene Position nicht verlassen, zeigt aber Zuneigung.»

Dürr hofft, dass sich die christlichen Kirchen und Gemeinschaften auf den Ursprung und ihren Auftrag besinnen, sodass ihre Botschaft in der Gesellschaft «glaub-würdig» werde. Das sei im Zeitalter der Säkularisierung nicht einfach; im Unterschied zu früher müsse man sich heute erklären, wenn man an Gott glaube – vordem brauchte es Argumente, wenn man nicht glaubte. «Wir müssen demütiger auftreten», fordert Dürr. Kirchenvertreter sollten nicht argumentieren, sie hätten die Wahrheit gefunden, sondern vielmehr zugeben, dass sie sich in der heutigen Zeit in der Bredouille befinden.

Das Feuer neu entfachen
«Man muss die katholische und reformierte Kirche, die Freikirchen und andere christliche Kommunitäten wertschätzen», sagt Dürr. Leider sei bei vielen das Feuer aus, stellt er fest und zitiert den Einsiedler Alt-Abt Martin aus dessen Buch «Miteinander die Glut unter der Asche entdecken»: «Das Feuer muss neu entfacht und mit Respekt behandelt werden.» Dürr hofft, dass christliche Verantwortliche sich mit allen Christen verbünden, damit diese Welt das Evangelium wieder hören kann. «Sich zu versöhnen, ist Knochenarbeit», sagt Dürr.

Nicola Mohler, reformiert.info, 11. Februar 2020

https://www.versoehnt.ch/