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Gesellschaft

«Mir geht es um Erinnerungskultur, nicht um Schuldzuweisung»

20.02.2020
In einem «Wort zum Sonntag» forderte Simon Gebs eine Holocaust-Gedenkstätte in der Schweiz. Damit hat der Pfarrer die Diskussion über ein emotionales Thema lanciert.

An die hundert Mails hat Simon Gebs seit der Ausstrahlung seines «Worts zum Sonntag» am 9. Februar im Schweizer Fernsehen bekommen. Dass er für eine Holocaust-Gedenkstätte in der Schweiz plädierte, stiess bei den einen auf grosse Zustimmung, bei anderen auf Unverständnis. «Ich war nicht überrascht, dass es so viele Reaktionen gab, doch dass sie emotional so heftig ausfallen würden, hätte ich nicht erwartet», meint der Theologe.

Es braucht Erinnerung
Die Idee sei ihm im Zuge seiner Vorbereitung auf seinen Fernsehkommentar gekommen, bei dem er auf den 75. Jahrestags der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz Bezug nehmen  wollte. «Die Frage, warum wir in der Schweiz keinen öffentlich verantworteten Ort des Erinnerns haben, drängte sich bei mir vehement in den Vordergrund», erklärt Gebs. «Wir können nicht so tun, als wäre unsere Geschichte nicht Teil der Weltgeschichte. Dabei geht es mir nicht um eine Schuldzuweisung, sondern um Erinnerungskultur.»

Er habe mit seinem Meinungstext bei den Zuschauerinnen und Zuschauern eine Diskussion anstossen wollen. «Die Massenmorde in ganz Europa und die Naziopfer in der Schweiz dürfen nicht nach und nach vergessen werden, nur weil es immer weniger Zeitzeugen gibt. Grade jetzt müssen wir dieser Tendenz entgegenwirken.»

Seither beantwortet Simon Gebs täglich Mails, antwortet jenen, die seine Idee unterstützen, und reagiert auf Kritiker, die finden, «Auschwitz liegt nicht in der Schweiz» und Juden bekämen auch ohne Gedenkstätte genügend Aufmerksamkeit.

Kritiker meldeten sich umgehend
Unverständnis kam auch von jenen, die eine Gedenkstätte für jüdische Flüchtlinge in Riehen BL eröffneten. Auf private Initiative hin entstand dort vor acht Jahren ein kleines Museum in einem Bahnwärterhäuschen am Trassee der Deutschen Reichsbahn – an jenem Ort, wo aus der Schweiz abgeschobene Juden auf ihre Deportation warten mussten.

Katharina Kilchenmann, reformiert.info, 19. Februar 2020