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Leben & Glauben

Das Birchermüesli –
 ein göttlicher Speiseplan

Die Fastenzeit macht klar, wie sehr Religion durch den Magen geht. Doch was sagt die Bibel zu Vegetariern, Veganern und Fleischessern? Und war Jesus wirklich ein Fresser und Säufer? Ralph Kunz, Professor für Praktische Theologie, wagt einen kulinarischen Blick in die Bibel.

Für Liebhaber blutiger Steaks und für Fonduefans sind es schlechte Nachrichten: Gott hatte eine vegane Vision für seine Schöpfung. So beschreibt es zumindest die erste Erzählung der Bibel. Gott schuf Himmel und Erde mit einer klaren Vorstellung davon, was seine Geschöpfe essen sollen. Zu den Menschen sagte Gott: «Hiermit übergebe ich euch alle Pflanzen auf der ganzen Erde, die Samen tragen, und alle Bäume mit samenhaltigen Früchten. Euch sollen sie zur Nahrung dienen.» (Gen 1,29) Und auch für die Tiere standen Pflanzen auf dem Speiseplan.

PARADIESISCHES BIRCHERMÜESLI
Der berühmte Ernährungsreformer Dr. Bircher-Benner würde wohlgefällig nicken, wenn er diese Zeilen lesen könnte. Das Menü von Adam und Eva war ein Birchermüesli. In Bircher-Benners Originalrezept wurden Samen (Haferflocken) mit einem zerriebenen Apfel (vorzugsweise mit Kernen) vermischt. Einzig die Kondensmilch ist nicht biblisch. Und was ist mit dem Salami?

BLUTWURST BLEIBT TABU
Es ist kein Zufall, ändert der Speiseplan des Menschen nach der Sintflut. Das Zorngericht erging, weil sich die Menschen als böse entpuppten. Im Bund mit Noah erlaubte Gott doch noch den Fleischgenuss: «Alles, was sich regt und lebt, das sei eure Speise; wie das grüne Kraut habe ich es euch alles gegeben.» (Gen 9,3) War das ein Zugeständnis an die verhinderten Veganer? Immerhin schränkte Gott sogleich ein: «Allein esst das Fleisch nicht, das noch lebt in seinem Blut.» (Gen 9,4) Blutwurst und Tatar bleiben tabu. Wir stossen hier auf ein erstes, elementares Speisegebot im Alten Testament: Fleisch muss durchgegart sein. Und es sind noch viele weitere, die folgen. Von den 613 Geboten, an die sich orthodoxe Juden bis heute halten, drehen sich viele ums Essen und Trinken. Einige Tiere gelten als rein, andere als unrein, wie zum Beispiel der Storch (Dtn 14,18). Wir wissen nicht, was die Kriterien für diese Auslese war.

WENN DER LÖWE STROH FRISST
Bemerkenswert ist aus heutiger Sicht der ursprüngliche Wille des Schöpfers zu einer blutfreien Kost. Anders als bei den vertrackten Reinheitsvorstellungen muss man nicht lange über die Gründe rätseln: Wer sich von Samen und Gräsern ernährt, tut keiner Fliege etwas zuleide. Auch wenn es uns schwerfällt, es zu akzeptieren: Selbst wer nur eine Olma-Bratwurst verzehrt, nimmt in Kauf, dass dafür ein Tier sterben musste. In Gottes neuer Schöpfung aber wird es keine Metzgereien mehr geben. Denn vom Ideal der Gewaltfreiheit künden die Hoffnungsbilder einer zukünftigen Welt ohne Tod und Geschrei. Dann sollen Wolf und Lamm zusammen weiden, der Löwe Stroh fressen wie ein Rind und die Schlange Erde. So weissagte der Prophet Jesaja.

HERZ ALS QUELLE DER UNREINHEIT
Es ist also nicht gleichgültig, was wir essen und trinken. Davon zeugt das Alte Testament. Umso erstaunlicher ist es, wie unbekümmert Jesus in dieser Frage war. Von den Reinheitsgeboten der Pharisäer hielt er nicht viel. Nicht was der Mensch esse, mache ihn unrein, sondern was aus ihm herauskomme. Die Quelle der Unreinheit sei das Herz. Daraus kämen böse Gedanken und Mord, Ehebruch und Diebstahl, falsches Zeugnis und Lästerung (Mt 15,17-19). Ähnlich äusserte sich Paulus. Von den «Feinden des Kreuzes» behauptete er, sie gehorchten dem «Gott des Bauches» (Phil 3,19). Mit dem Bauch kann auch der Darm gemeint sein, oder der Penis. Der Bauch ist eine Metapher für die « eischliche Gier».

JESUS, DER FRESSER UND SÄUFER?
Wie passt das zum Vorwurf, dass Jesus ein Fresser und Säufer gewesen sein soll? (Mt 11,19) Es war üble Nachrede! Die griesgrämigen Johannesjünger nahmen es ihm übel, dass er nicht wie ihr Meister von Heuschrecken und Wildhonig lebte. Tatsächlich isst sich Jesus regelrecht durchs Evangelium. Mahlgemeinschaften gehörten zu seinem Leben und waren Teil seiner Botschaft, Gottes Reich sei nahe. Jesus war genussfreundlich. Doch Fleisch wurde ihm selten aufgetischt. Die Menschen lebten damals vor allem von Getreide, Linsen und Bohnen. Gemüse war abgesehen von Knoblauch, Zwiebeln und Gurken nicht weit verbreitet. Vereinfacht gesagt: Brot war das Grundnahrungsmittel.
Und was hat man getrunken? Natürlich Wasser. Wer es vermochte, genehmigte sich ein wenig verdünnten Wein. Das Lob seiner heilenden und erheiternden Wirkung zieht sich wie ein roter Faden durch die Bibel.

MEHR ALS BROT UND WEIN
Mit Brot und Wein sind wir bei den Zutaten des Abendmahls. In der Nacht, als er verraten wurde, ass Jesus mit seinen Jüngern – allerdings nicht nur Brot und Wein. Es war ein richtiges Abendessen. Und so hielten es auch die frühen Christen. Das Abendmahl war eine Mahlgemeinschaft, zu der jede und jeder etwas beitrug, eine sogenannte Agape-Feier. Wer zur Gemeinde gehörte, brachte sein Essen mit. Man ass, was gesammelt wurde, Resten wurden an die Armen verteilt. Die Aufteilung in eine weltliche und eine heilige Speisung setzte sich erst im dritten Jahrhundert durch.

ABENDMAHL FÜR LEIB UND SEELE
Die Entwicklung zu einem heiligen Essen, das in erster Linie die Seele sättigte, hatte eine gewisse Logik. Je grösser die Gemeinden wurden, desto schwieriger erwies sich eine Verköstigung. Wenn in unseren Kirchen seit einigen Jahren wieder mit der ursprünglichen Form experimentiert wird, hat das sicher seinen Reiz. Es stösst aber an dieselben Grenzen. Man soll bei aller Sympathie für ganzheitliche Feiern den Symbolgehalt des Abendmahls nicht geringschätzen. In vielen Gemeinden werden beide Formen gepflegt – die Mahlgemeinschaft, bei der es Gutes zu essen und zu trinken gibt, und die Mahlgemeinschaft, in der die Gebetshaltung und die Gegenwart Christi im Zentrum stehen. Beides ist schön, beides tut gut.

«DU SOLLST FRÖHLICH SEIN»
Ob Weihnachtsessen oder Kirchenkaffee, Mittagstisch oder Gemeindepicknick – wir sollen fröhlich sein vor dem Herrn. So lautet das Gebot. Das fünfte Buch Mose ist eine Anleitung zum Festen. «Du sollst fröhlich sein», wird im Kapitel 12 wieder und wieder gesagt. Im selben strengen Ausdruck wie in den zehn Geboten macht das Gesetz – ja, das Gesetz! – Festfreude zur Pflicht. Einige Verse sind völlig ungeeignet für Alkoholiker. Wein und Bier werden ausdrücklich genehmigt (Dtn 14,26). Die Suchtgefahr stand damals nicht im Vordergrund, denn die wenigsten konnten sich den Dauerkonsum alkoholischer Getränke leisten.

BIRCHERMÜESLI GEGEN EINSAMKEIT
Was uns heute wohl noch mehr zu schaffen macht als die Sucht, ist die Einsamkeit. Ist nicht sie der wahre Hunger, aus der auch die Sucht kommt? Der Nachdruck, mit dem die Bibel Gemeinschaft beschwört, ist ein Aufruf zu einer Fülle und Lebensfreude, die wir auch beim gemeinsamen Essen und Trinken erfahren. Wir geniessen und teilen das, was den Leib zusammenhält. Liebe, die von Herzen kommt, geht auch durch den Magen. Warum nicht einmal mit einem Birchermüesli?

Ralph Kunz, kirchenbote-online.ch, 25. Februar 2020

Ralph Kunz

Ralph Kunz ist Professor für Praktische Theologie an der Universität Zürich. Am 9. Mai organisiert er mit der Evangelischen Kirche Schweiz eine Tagung zum Thema «Nährende Bilder im Abendmahl». Auskunft erteilt: ra.kunz@bluewin.ch, Anmeldung