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Kultur

Kapelle mit Bibel-Comics zu verkaufen!

Denkmalschutz Stammheim ist gesegnet mit zwei kulturhistorisch wertvollen Kapellen. Aber an dem kulturellen Erbe trägt die reformierte Kirchgemeinde schwer und sendet einen Hilferuf aus.

1896 machten sich Handwerker daran, die Galluskapelle zu restaurieren. Plötzlich legte ein unvorsichtiger Hammerschlag unterm Putz ein kleines Stück biblischer Bilder frei. Kunsthistoriker der ganzen Eidgenossenschaft waren sich einig: Dieser herausragende biblische Bilderbogen von der Schöpfung bis zur Auferstehung Jesu müsse freigelegt werden. Übertüncht wurden die gotischen Bibelszenen in Oberstammheim zu Zeiten der Reformation. Verehrungs- und anbetungswürdige Bilder waren den Zürcher Reformatoren aus theologischen Gründen ein Dorn im Auge. Und jetzt waren plötzlich die reformierten Nachgeborenen im Besitz eines biblischen Bilderschatzes von nationaler Bedeutung, der sich aufgrund der reformatorischen Tünche über Jahrhunderte konserviert hatte. 

Um das Jahr 1300, so schätzen Kunstexperten, wurde dieses Bibel-Comic auf die Wand gemalt. Der Zahn der Zeit nagte an dem Mörtel. Weisse Salzspuren und kleine Risse zeugen von dem unaufhaltsamen Alterungsprozess. Deshalb steht seit zwei Wochen ein Aluminium-Gerüst in der Kapelle. Vorsichtig bringt der Thurgauer Restaurator Rolf Zurfluh Injektionen zwischen Verputzschicht und Mauerwerk. Auf einer Kartierung sind die vielen Hohlstellen eingezeichnet, die das Bildwerk zerstören könnten. Ausführlich erläutert Zurfluh, welche Konservierungsarbeiten er in Angriff genommen hat. 15'000 Franken wird er am Schluss in Rechnung stellen. Pfarrer Heinz-Jürgen Heckmann sagt dazu: «Das können wir noch verschmerzen.»

Provokanter Hilferuf
Andere Kosten dagegen drücken so sehr, dass die Kirchenpflege mit der provozierenden Formel die Menschen im Stammertal aufschrecken wollte. «Kapelle zu verkaufen» lautete die Überschrift zur Presseorientierung. Janine Landolt-Spiegel, Präsidentin der Kirchenpflege, gibt zu: «Das ist als Hilferuf gedacht, um Denkmalpfleger, Institutionen und die Öffentlichkeit wachzurütteln.» 

Peter Zollinger, der für Liegenschaften und Finanzen in der Kirchenpflege zuständig ist, hat die Kosten addiert, welche die Kirchengemeinde für Kirche, Kapellen und Pfarrhaus in den nächsten Jahren bereitstellen muss. Für die ebenfalls unter eidgenössischem Denkmalschutz stehende Antoniuskapelle werden für die aufwendige Dachsanierung 100'000 bis 150'000 Franken kalkuliert, für die Aussensanierung der Kirche Unterstammheim kommen im nächsten Jahr Kosten von ungefähr 300'000 Franken dazu. Bisher hat auch die finanzschwache Gemeinde aus dem kantonalen Finanzausgleich rund 200'000 Franken erhalten. Zu erwarten ist, dass sich diese Zahl in sechs Jahren mit dem neuen Finanzausgleich halbiert. «Dann lassen sich nicht einmal die eigentlich bereitzustellenden Kosten für allfällige Sanierungen sowie den laufenden Unterhalt mit den Ausgleichsmitteln der Landeskirche decken», sagt Landolt-Spiegel. Denn Kirchen und Kapellen sowie das Pfarrhaus und das Kirchgemeindehaus «Wirthenstube» sind zu einem Wert von elf Millionen Franken versichert. Denn die Faustformel für Kirchenimmobilien lautet: Ein Prozent der Versicherungssumme soll jährlich zurückgestellt werden – also 110'000 Franken.

Emotionelle Verbundenheit
Natürlich ist für die Kirchenpflegepräsidentin klar, dass der Verkauf der Kapelle nicht ernsthaft in Erwägung gezogen werden kann: «Für die Menschen haben die Kapellen einen hohen emotionellen Wert.» Sie erinnert an den späten Heiligabend-Gottesdienst, wenn alle im Kerzenschein vor der Kirche «Stille Nacht» singen. Das Problem aber bleibt: Eine kleine Gemeinde mit wenig finanziellen Mitteln ist aufgrund ihres kulturellen Erbes finanziell überfordert. Kreativ wolle deshalb die Kirchenpflege sein, alle denkbaren Lösungsansätze diskutieren, sagt Landolt-Spiegel. Von der Landeskirche fühlt sie sich in diesem Prozess unterstützt. Der Hilferuf wird gehört. Aber ein realistisches Finanzkonzept ist noch in weiter Ferne.

Delf Bucher, reformiert.info, 16. März 2020