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Gesellschaft

Nicht einfacher: Liebe per Klick

23.03.2020
In den Zeiten des Webs hat sich die Partnersuche verändert. Geblieben sind die alten Herausforderungen.

Die 35-Jährige gehört nicht zu den Frauen, die Schwierigkeiten hat, einen Partner zu finden. Attraktiv, Akademikerin, aktiv und humorvoll. Trotzdem hat Beatrice* seit einem halben Jahr auf einem Portal ihr Profil aufgeschaltet, um dort ihr Glück zu finden. Sie mache Online-Dating, weil es heute keine anderen Möglichkeiten gebe, jemanden kennen zu lernen, erzählt sie. «Früher konnte man in der Nähe zum Tanz gehen oder in eine Bar, in der man sich am Feierabend traf. Doch das gibt es heute nicht mehr.» Und die Männer wagten es nicht, einen im Ausgang anzusprechen. Wenn doch, reagierten die meisten Frauen schockiert. «Das starke Geschlecht ist verunsichert und hat das Flirten etwas verlernt», stellt Beatrice fest.

Das will Felix* nicht so stehen lassen: «Es gibt Männer und Männer.» Sich selber bezeichnet der 55-jährige Künstler als schüchtern. Und Männer seien im Zeitalter von #MeToo zurückhaltender. Auch Felix suchte im Web nach einer neuen Partnerin. Vor mehr als dreissig Jahren hatte er geheiratet. Das Paar lebte sich auseinander und die Kinder zogen aus. Er und seine Frau hatten sich nichts zu sagen, Spannung und Gefühle waren weg. Als er ihr mitteilte, er suche eine neue Partnerin, zuckte sie nur mit den Schultern. Felix war gekränkt, «sie hätte mich wenigstens beschimpfen können».

Frau Zmilacher, Sie und Frau Hofer arbeiten bei der Paarberatungsstelle. Wie findet man heute einen Partner oder eine Partnerin? Am Arbeitsplatz, im Web?

Zmilacher: Am besten, wenn man aktiv und offen ist, sei dies in der realen oder in der virtuellen Welt, und sich nicht entmutigen lässt. Sitzt man zu Hause herum, wird es schwierig, sein Glück zu finden. Es ist wichtig, unter die Leute zu gehen und andere zu treffen, sei das im Freundeskreis, am Arbeitsplatz, beim Sport, im Ausgang oder beim Besuch von Veranstaltungen und Museen. Als gute Kuppler erweisen sich die Freunde. Daher lohnt es sich, den Freundeskreis zu erweitern. Viele nutzen die Möglichkeit, den Partner online kennenzulernen, nicht nur die Jüngeren, auch die Älteren. Gerade wenn man beruflich und familiär eingespannt ist und die Kontaktmöglichkeiten fehlen, ist Online-Dating hilfreich.

Wie sehr leiden Singles, wenn sie niemanden finden?

Z: Das Bedürfnis nach einer sicheren Bindung und Zugehörigkeit ist ein menschliches Grundbedürfnis. Ohne Bindung wäre man als Säugling und Kind nicht überlebensfähig. Und als Erwachsener verkümmert man. Gute Beziehungen entstehen natürlich auch bei Freundschaften und nicht nur in der Partnerschaft. Daher leiden nicht alle Menschen im gleichen Masse darunter. Manchmal wirken Verlust und Einsamkeit traumatisierend.

Wie sehr beeinflusst die alte Beziehung die Suche nach einem neuen Partner?

Z: Die Erfahrungen, die wir in der Beziehung gemacht und verinnerlicht haben, prägen unsere Erwartungen an die neue Partnerschaft. Bei einer Trennung ist es sinnvoll, sich zu hinterfragen, welchen Anteil man selbst daran hat, dass die Partnerschaft scheiterte. Es sind ja immer beide beteiligt. Schiebt man nur dem anderen die Schuld zu, kann es sein, dass man früher oder später in die alten Beziehungsmuster zurückfällt.

Zehn Frauen meldeten sich bei Felix, darunter einige interessante, wie er betont. Doch von Romantik sei wenig zu spüren. «Es ist ein Markt von Angebot und Nachfrage. Wer online datet, braucht eine dicke Haut, er muss einiges wegstecken.» Die Ansprüche seien hoch, sei es an die Grösse, das Alter, den Lebensstil oder den Wohnort. Wer nicht in das Raster passt, fliegt raus. Die Absagen frustrierten ihn. Er dürfe dies nicht persönlich nehmen, hat er sich dann jeweils gesagt, «abhaken und weitersuchen». Als er sich mit einer Frau im Café traf, stand diese auf und ging. Er hatte ihr erzählt, dass er noch verheiratet sei. Für ein anderes Date fuhr Felix nach Bern. Dort stellte die Frau fest, dass Zürich für sie zu weit sei, und liess ihn kurzerhand stehen.

Beatrice erhielt schon in der ersten Woche dreissig Reaktionen. Sie schrieb jenen zurück, die nett waren. Andere, die «Seltsamen oder die, die kaum die Buchstaben richtig aneinanderreihen konnten», erhielten keine Antwort. Beim Online-Daten werde viel geschummelt, musste Beatrice feststellen. Das Foto stammt aus der Jugendzeit, das Alter ist frisiert, die Charakter-eigenschaften stimmen nicht, manchmal nicht einmal der Status «ledig» oder «verheiratet». «Wenn man über Monate hin und her schreibt und dann beim ersten Treffen feststellen muss, dass die Realität völlig anders aussieht, ist das Erwachen hart», sagt Beatrice. Deshalb rät sie den Suchenden, sich so bald wie möglich zu treffen.

 Wie stark prägen die eigene Herkunft und Familie die Suche nach einem Partner?

Z: Sehr. Die frühen Erfahrungen in der Familie prägen uns stark und beeinflussen unser Verhalten. Erleben Kinder fürsorgliche Eltern, die ihre Autonomie und ihr Selbstwertgefühl stärken, so fühlen sie sich -sicher. Als Kinder sind wir von unseren Eltern abhängig und entwickeln Strategien, um die Bindung und letztlich das Überleben zu sichern. Manchmal sind diese Muster ungünstig für die späteren Beziehungen. Etwa wenn man das Gefühl hat, «ich muss Dinge einfach erdulden», «es ist gefährlich, eigene Bedürfnisse auszusprechen», «ich werde nur akzeptiert, wenn ich nett und charmant bin», «ich muss laut und dominant auftreten, sonst werde ich nicht gesehen» oder «ich muss auf der Hut sein, denn die anderen sind nicht verlässlich». Damit man zukünftig neue gesunde Beziehungserfahrungen machen kann und nicht in alte Muster zurückfällt oder krampfhaft versucht, aus ihnen auszubrechen, sollte man sich mit der eigenen Familie auseinandersetzen.

Frau Hofer, braucht es für eine gute Beziehung gemeinsame Werte, Bildung, gesellschaftlichen Hintergrund oder Hobbys?

Sabine Hofer: Im Volksmund gibt es zwei gegensätzliche Sprichwörter: «Gegensätze ziehen sich an» und «Gleich und Gleich gesellt sich gern». In den Anfängen einer Beziehung kann es faszinierend sein, in eine andere Welt einzutauchen und Neues kennenzulernen. Für eine tragfähige Beziehung braucht es aber gemeinsame Werte, ein ähnliches Bildungsniveau und dass man gerne Zeit miteinander verbringt. Etwa bei Hobbys, die man teilt.

Zum ersten Date rät Beatrice, sich nicht zum Essen zu verabreden. Lieber unverbindlich zu einem Kaffee, denn dann könne man wieder aufstehen, wenn einem der andere unsympathisch ist. Das erste Treffen sei oftmals verkrampft, mehr gestellte Situation als romantisches Flirten. Um viel über den anderen zu erfahren, werde ein Fragen-katalog abgearbeitet. Vielleicht fällt es leichter, wenn man gemeinsam an einem See spazieren würde. Beatrice weiss, dass auch die Männer unter enormem Druck stehen, das Richtige zum richtigen Zeitpunkt zu sagen und dabei noch locker und witzig zu wirken.

Beatrice war 15 Jahre verheiratet, als ihr Mann ihr eröffnete, dass er eine andere habe. Er zog aus und liess die junge Mutter mit der kleinen Tochter alleine zurück. Beatrice brauchte Monate, um «mit diesem Schlag» klarzukommen. Immer wieder fragte sie sich, warum er sich in eine andere verliebte und sie nicht mehr genügte. Doch dann beschloss sie, das Zepter in die Hand zu nehmen und nach einem Partner zu suchen. Nach all den Jahren war alles neu, sie musste vieles wieder lernen. «Wie datet man?», fragte sie sich. Was sagt man beim Treffen? Was zieht man an, was gibt man von sich preis? All das hatte sie verlernt. Doch mit jedem Date wurde es besser. «Und als plötzlich drei um mich buhlten, tat dies meinem Ego gut», gesteht sie. 

 Was macht jemanden attraktiv?

H: Natürlich das Aussehen, je nach Mode und persönlichem Geschmack. Man wird attraktiv, wenn man ein gesundes Selbstwertgefühl ausstrahlt, sich in sich wohlfühlt und authentisch auftritt. Viele fühlen sich von Menschen angezogen, die Lebensfreude ausstrahlen, offen und zugewandt sind und Humor haben. Attraktiv macht auch der Duft, wenn man «sich gut riechen kann».

Welche Rolle spielt Geld?

H: Geld kann helfen, gemeinsam Schönes zu erleben. Aber es steigert nicht die attraktive Ausstrahlung.

Passen Partner mit einem grossen Altersunterschied zusammen?

H: Das hängt von der Lebensphase ab. Im Alter zwischen 30 bis 50 Jahren spielt der Altersunterschied keine grosse Rolle, es kann von Vorteil sein, wenn zwei nicht gleichzeitig dieselbe Lebensaufgabe lösen müssen. Ein höheres Alter macht beispielsweise attraktiv, weil es Sicherheit ausstrahlt. Der grosse Altersunterschied wirkt sich aber in späteren Lebensphasen aus: Der ältere Partner mag nicht mehr, vielleicht aus gesundheitlichen Gründen, während der jüngere noch viel erleben möchte. Das kann zu Spannungen führen. Eine Rolle spielt auch, wenn sich beide in unterschiedlichen Lebensphasen befinden, etwa wenn der eine schon pensioniert ist und der andere noch voll im Berufsleben steht.

Oftmals sind die Frauen in solchen Beziehungen jünger.

H: Ja, in unserer Gesellschaft ist es eher so, dass die jüngere Person die Frau ist. Eine junge Frau kann einem älteren Mann das Gefühl der Lebendigkeit geben und ihn spüren lassen, dass das Leben noch nicht vorbei ist.

Wird es schwieriger, wenn man sich in jemanden aus einer anderen Kultur verliebt?

H: Beziehungen aus unterschiedlichen Kulturen bergen ein grösseres Konfliktpotenzial. Oftmals sind die Missverständnisse vorprogrammiert. Doch allgemein gilt, in jeder Beziehung muss man sich in den anderen einfühlen und Verständnis aufbringen. Das ist immer eine Herausforderung.

Stichwort Patchwork-Familie: Welche Probleme haben die Kinder mit dem neuen Partner? Sollen sie die Partnerwahl mitbestimmen?

H: Entscheidend ist, dass die Kinder weiterhin das Gefühl haben, für die Mutter und den Vater wichtig zu sein. Sie müssen sich geborgen und sicher fühlen. Die Wahl des Partners sollten sie nicht mitbestimmen. 

Werden die Kinder den neuen Partner oder die Partnerin akzeptieren?

H: Das hängt sehr davon ab, wie die neue Person in die Familie eingeführt wird und sich gegenüber den Kindern verhält. Man sollte die Kinder sorgfältig und umsichtig mit ihr bekannt machen und klarmachen, dass sie den Vater oder die Mutter nicht ersetzt. Kinder hegen lange die Hoffnung, dass die Eltern wieder zusammenkommen. Der neue Lebenspartner setzt dieser Hoffnung ein Ende. Er könnte den Kindern signalisieren, dass er versteht, wie schwierig die Situation für die Kinder ist. Je nach Alter werden die Kinder mit der Situation unterschiedlich umgehen.

Und war das Online-Dating ein Erfolg? «Ja und nein», erklärt Felix. Nach all den Treffen und vielen Gesprächen mit seiner Frau, wurde beiden klar, dass sie zusammengehören. «Dies in dem Moment, als wir die Papiere zur Trennung unterschreiben wollten. Ist das nicht wunderbar?», fragt er. Zum Glück sei er noch verheiratet und müsse nicht mehr suchen. 

Und Beatrice? Sie habe sich verliebt, gesteht sie. Nicht über digitale Wege, sondern analog. Als sie tanzen ging, sprach sie ein Herr an. Sie hätten sich später getroffen und sie habe jetzt Schmetterlinge im Bauch. Aber es sei alles noch sehr frisch.

(Die Psychotherapeutinnen Sabine Hofer und Solange Zmilacher arbeiten bei der Beratungsstelle für Partnerschaft, Ehe und Familie Baselland in Muttenz)

*Name von der Redaktion geändert.

Tilmann Zuber, Kirchenbote, 23.3.2020