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Gesellschaft

Die Kirche wird zur Kupplerin

23.03.2020
Im Wonnemonat Mai können sich Singles bei einem Speed-Dating im Schaffhauser Münster im Dreiminutentakt kennen lernen.

«Ja, Sie haben richtig gelesen. Wir wollen Sie verkuppeln!» Dies ist nicht der Werbespruch einer Dating-Plattform, sondern die erste Zeile des Begrüssungstextes auf dem Flyer «Speed-Dating – Die Kirche, Ihre Kupplerin». Und der Flyer fährt fort: «Uns Sozialdiakoninnen liegt Ihr Glück am Herzen. Deshalb greifen wir zu einer fast schon drastischen, aber keineswegs unkirchlichen Massnahme. Wir laden alle Singles ein, einander bei einem Speed-Dating in den Sitzbänken der Schaffhauser Münsterkirche kennen zu lernen.»

Den Kirchenraum für die Liebe nutzen

Doch warum betätigt sich die Kirche als Kupplerin? «Es gibt in der Kirche zahlreiche Angebote für Kinder, Senioren und Familien, aber kaum welche für Singles. Das wollen wir ändern», erklärt Ulrike Lüthi vom Schaffhauser Diakoniekonvent. «Wir wollen den Kirchenraum für die Liebe nutzen, denn es ist eine urkirchliche Aufgabe, Menschen bei ihren Lebensübergängen zu begleiten.» Dazu gehöre auch, ihnen Gelegenheit zu bieten, sich kennen zu lernen. Das ehrwürdige Münster sei dafür eine gute Wahl, ist Ulrike Lüthi überzeugt. «Es liegt zentral und garantiert als Stadtkirche eine gewisse Anonymität. Zudem verfügt es über eine einzigartige Atmosphäre, damit die ersten Funken sprühen», so Ulrike Lüthi. Nach dem ersten Kennenlernen in den Kirchenbänken lädt ein Apéro mit Gitarrenmusik in der lauschigen Umgebung des Münsters zum Flirten ein. 

Rabbi will Ehe stiften

Erfunden hat das Speed-Dating der jüdische Rabbi Yaacov Devo im Jahr 1998 in Los Angeles. Sein Ziel war es, eine Kontaktplattform für Alleinstehende in seiner jüdischen Gemeinde zu schaffen. So wollte er die Zahl jüdischer Ehen erhöhen.

Beim Speed-Dating haben die Singles wenige Minuten Zeit, einander mit Fragen auf den Zahn zu fühlen. Beim Gong erfolgt ein Partnerwechsel. Gefällt einem das Gegenüber, notiert man sich den Namen. Am Ende werten die Veranstalter die Listen aus. Kommt es zur Übereinstimmung, erhält man die Kontaktdaten des «Match-Partners». 

Vorbild Kirchgemeinde Stäfa

Auf die Idee des Speed-Datings in der Kirche sind die Schaffhauser Sozialdiakoninnen über die Kirchgemeinde Stäfa gestossen. Dort kuppeln die Pfarrerinnen Monika Götte und Diana Trinkner diesen Frühsommer bereits zum vierten Mal. «Nach unserem ersten Anlass vor drei Jahren fragten uns die Leute, ob wir die Veranstaltung wiederholen. Viele Singles schätzen es ungemein, dass sich die Kirche für sie einsetzt», erzählt Diana Trinkner. Inzwischen haben rund 180 Personen im Alter zwischen 23 und 84 Jahren an den Kennenlern-Events in Stäfa teilgenommen.

In ihrer Arbeit als Seelsorgerinnen seien ihnen viele Menschen aufgefallen, die gerne in einer Beziehung leben würden, aber keinen passenden Partner finden, erzählt die Pfarrerin. Einsamkeit sei ein grosses Problem in der heutigen Gesellschaft.

Während im Mittelalter das Eremitentum eine anerkannte Lebensform war, ist heute das Alleinsein wenig attraktiv. Viele Angebote wie Ferien- oder Freizeitaktivitäten richten sich an Paare. Wer alleine reist, zahlt einen Aufpreis. Auch die Werbung werte das Single-Dasein ab, so Trinkner. «Wir leben in einer Welt, die uns einredet, Alleinstehende könnten kein funktionierendes Leben führen, obwohl das nicht wahr ist.» Das erzeugt Druck. Heute werben in der Schweiz nicht weniger als 500 Online-Plattformen für die ernsthafte Partnersuche, den schnellen Flirt oder das sexuelle Abenteuer.

Die Kirche Stäfa, die idyllisch oberhalb des Zürichsees liegt, ist prädestiniert, um die Bande der Liebe zu knüpfen. «Unsere Kirche ist das ganze Jahr über mit Hochzeiten ausgebucht», sagt Diana Trinkner, «aber nur ein Paar pro Jahr stammt aus unserer Gemeinde.» Um das zu ändern, schrieben Monika Götte und Diana Trinkner 800 Personen zwischen 25 und 55 Jahren aus der Kirchgemeinde Stäfa an, die nicht verheiratet waren oder in einer eingetragenen Partnerschaft lebten, und luden sie zum Speed-Dating ein. 

Frauen waren mutiger

Beim ersten Mal waren die Frauen mutiger als die Männer: «Weil sich viel weniger Männer angemeldet hatten, haben wir anstelle eines Speed-Datings eine Meinungsumfrage mit lockeren und tiefgründigen Fragen durchgeführt, die man mit dem Hochhalten von roten und grünen Karten beantworten konnte. So konnte jeder sehen, wer wie antwortet», erzählt Diana Trinkner. Im Anschluss gab es einen romantischen Apéro auf der Terrasse über dem See, inklusive Sonnenuntergang. 

Diese Veranstaltung führte zu einer grossen Nachfrage für weitere Angebote. Die Kirchgemeinde reagierte mit speziellen Gottesdiensten für Singles, einem winterlichen Guetzlibacken sowie Ferienwochen für Alleinstehende und Paare. «Einige Leute haben so den Zugang zur Landeskirche wiedergefunden», sagt die Gemeindepfarrerin. «Sie singen heute im Kirchenchor oder arbeiten als Freiwillige in der Gemeinde mit.»  

Zum zweiten Speed-Dating im Jahr 2018 kamen achtzig Singles. «Es herrschte eine besondere Stimmung, die Leute waren heiter, nervös und aufgekratzt», erzählt Trinkner.

Trauung zu gewinnen

Der besondere Clou: Paare, die sich beim Speed-Dating in den Kirchenbänken finden, gewinnen eine kirchliche Trauung. Dazu sei es noch nicht gekommen, aber zu vielen tollen Begegnungen und Bekanntschaften, sagt Diana Trinkner. «Eine Frau hat uns erzählt, dass sie durch unsere Aktion neuen Mut geschöpft hat, auf Männer zuzugehen. Einen Monat später hat sie jemanden kennen gelernt. Mittlerweile ist sie verheiratet und Mutter eines Kindes.»

Für das Speed-Dating im Schaffhauser Münster wagen die Initiantinnen keine Prognose. Die Sozialdiakoninnen sind gespannt, wie ihr Anlass verlaufen wird. «Wir hoffen auf viele Anmeldungen und freuen uns auf offene Herzen und gute Begegnungen», so Ulrike Lüthi. Den Rest überlassen sie Amors Pfeilen.

Adriana Schneider, Kirchenbote, 23.3.2020               

(Das Speed-Dating im Münster Schaffhausen wird aufgrund des Corona-Virus im Mai abgesagt. Es wird zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt.)