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Leben & Glauben

Versöhnung misslingt auch in der Bibel

24.03.2020
Gescheiterte Ehe, verkrachte Missionare, zerstrittene Familien. Davon erzählt die Bibel. Manchmal auch ohne Happy End.

«Wenn ich einst in den Himmel komme – werde ich dort meine Lieben wiedersehen?», so wurde der Schweizer Theologe Karl Barth gefragt. Seine Antwort: «Machen Sie sich darauf gefasst, nicht nur Ihre Lieben.»

Als Christen nicht gut genug

Also auch die andern Lieben. Mit etwas Pech befinden sich darunter Leute, denen wir beim Einkaufen ausweichen. Und wenn wir sie in den Zug einsteigen sehen, wählen wir einen andern Wagen. Da war mal was vorgefallen, und das blockiert seither einen entspannten Umgang. Ernsthafte Christen kann das belasten. Sie verurteilen sich oft selbst, weil die Versöhnungskraft des Kreuzes ihr Leben nicht kräftig genug durchdringt. Nötig ist diese Selbstzensur nicht. Die Bibel zeigt, dass sie sich in guter Gesellschaft befinden.

Paulus, der Choleriker

Der Apostel Paulus gibt da besonders viel her. In einigen Briefen entpuppt er sich als regelrechter Choleriker. Aufschlussreich ist das zweite Kapitel des Galaterbriefs: Von falschen Christen schreibt er. Petrus und einige Mitarbeiter bezichtigt er der Heuchelei. Ob es bei solch happigen Vorwürfen noch zur Versöhnung kam?

 

Getrennte Wege können den Horizont erweitern. Gott segnet nicht nur dort, wo die Menschen alles richtig machen.

 

Die Frage wird nicht beantwortet, doch mit Sicherheit hielt Paulus nichts von einer oberflächlichen Versöhnungsideologie. Das zeigt sich im 15. Kapitel der Apostelgeschichte. Zwischen ihm und seinem ehemaligen Missionspartner Barnabas läuft es gar nicht gut, und wir vernehmen: Da kam es zu einem erbitterten Streit, der dazu führte, dass sie sich trennten.

König Davids gescheiterte Ehe

Aus der Sonntagschule bekannt ist die Geschichte von Abraham und seinem Neffen Lot. Sie mussten sich im verheissenen Land trennen, weil nicht genug Platz da war für alle. Oder Jakob und Esau: Sie bemühten sich um Versöhnung und mussten sich letztlich doch aus dem Weg gehen. Eher unbekannt ist die Beziehungsgeschichte zwischen König David und seiner Frau Michal. Von Anfang an war der Wurm drin und schliesslich scheiterten die zwei daran – trotz aller Bemühungen. Davon erzählt das zweite Buch Samuel.

Jesus weist seine Familie zurück

Oder wie es wohl für die Angehörigen Jesu war, als sie nach ihm fragten und er ihnen ausrichten liess: «Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Geschwister? Wer den Willen Gottes tut, ist mir Bruder und Schwester und Mutter.» Pure Abgrenzung! So etwas steckt niemand einfach weg. Gewiss lief schon im Voraus einiges: Verpflichtungen, Ansprüche, Erwartungen. Die Palette eben, über die auch heutzutage Gift in Beziehungen gemischt wird. Solches zwingt die Menschen, sich vom andern zu distanzieren.

Versöhnung nach Auferstehung 

Was Jesus betrifft, so klärte sich das Verhältnis zu den Geschwistern erst nach seiner Auferstehung. Die Versöhnung realisierte sich also erst im Kontext einer neuen Lebensdimension. So wurde sie als göttliches Geschenk erfahren und nicht als persönliche Bestleistung dank gutem Charakter. Gott wirkt oft durch Erfahrungen, auf die wir lieber verzichten würden. Das stimmt demütig. Bei Paulus kam es durch die Entzweiung von Barnabas zu einer Ausweitung des Missionsfeldes. Getrennte Wege können den Horizont erweitern. Gott segnet nicht nur dort, wo die Menschen alles richtig machen.

Was aber ist mit uns? Sollten wir im Himmel einst auch jene sehen, mit denen wir hier auf Erden verkracht sind? Pech? Oder ermutigt uns die Antwort von Karl Barth, weil «dann» und «dort» das Trennende überwunden ist? Das wäre ein guter Ansatz, entspannt mit solchen Situationen umzugehen. Oder anders gesagt: Freuen wir uns darauf, dass in einer neuen Dimension des Lebens auch «die andern» zu unsern Lieben werden. 

Text: Rolf Kühni, Pfarrer, Sargans | Foto: Wikimedia – Kirchenbote SG, April 2020


Von Jürg Hartmann erfasst am 06.01 2020 09:42

Fragen an...

Fragen an Buddha, Fragen an Allah, Fragen an Gott, Fragen an Manitou, Fragen an Mohammed, Fragen an das Göttliche im Menschen: Wenn ich mir vorstelle, das Göttliche würde mir gegenübersitzen, was wäre dann? So setze ich mich hin und bitte das Göttliche, mir gegenüber Platz zu nehmen. Die Stühle sind bequem, sehr geeignet, ganz hier zu sein. Ganz. Da sitzen wir zwei, schweigsam, nachdenklich aber ganz da. Mich sieht man gut, mich erkennt man gut, das Göttliche aber lässt weder Worte noch Bilder zu, denn in Worte und Bilder gefasst ist das Göttliche nicht mehr göttlich sondern menschlich. Für unsere Kinder sind die Bilder wichtig und notwendig, für erwachsene Menschen bezweifle ich das ernsthaft. Die Antworten aber, die kann ich hören, vielleicht auch wahrnehmen, das reicht, muss reichen. Und so komme ich zu meiner ersten Frage: «Ich weiss, ich könnte Dich jetzt fragen, warum Du all das Schreckliche, Böse und Teuflische auf dieser Welt zulässt, die Kriege, die Gewalt, Vernichtung und Tod. Doch genau diese Frage stelle ich jetzt nicht. Ich versuch’s also andersherum. Ich frage Dich und nur Dich: Wie kommt es denn, dass wir Dich immer wieder fragen, was ich fragen könnte wie oben erwähnt. Wie also kommt das?» Das Göttliche ist irgendwo im Raum, meine ich, seine Stimme aber kann ich klar und deutlich hören, das ist die Hauptsache, und damit höre ich auch seine Antwort. ES sagt: «Deine Frage ist gut, lieber Mensch, ich denke nach. Kannst Du Dir vorstellen, welcher Art meine Gedanken hier sind?» Ich bin überrascht. Da stelle ich ihm eine meiner ganz wichtigen Fragen und nun soll ich mir vorstellen, was ES meint, was ES denkt. Komisch, ungewohnt, ich weiss nicht recht und bin verwirrt. So antworte ich: «Du siehst, Deine Antwort macht mich wirr, die Worte in meinem Kopf fliegen kreuz und quer und suchen nach einer Ordnung. Das will nun heissen, ich denke nach, ich denke laut nach, dann kannst Du meine Gedanken gleich mithören. Also: Deine Antwort wirkt, ich beginne zu suchen, suche jedoch bei mir und in mir. So weit bin ich im Moment.» Das Göttliche antwortet sofort: «Ganz genau, Du hast es erkannt denn Du suchst bei Dir. Du suchst nicht in den Wolken, hinter denen Du mich vermutest, Du suchst nicht beim Papst, meinem angeblichen Stellvertreter auf Erden, Du suchst nicht aussen, sondern innen, das ist der Punkt!» Damit bin ich wieder allein im Raum, allein mit meinen Fragen, ganz auf mich zurückgeworfen, auf mich gestellt. Vielleicht ist das der Punkt, vielleicht ist das die Antwort des Göttlichen an mich: «Geh auf die Suche, immer wieder, und suche in Dir, mit Dir und natürlich auch zusammen mit anderen Menschen. Doch bleib auf der Suche, immer.»

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