Logo
Gesellschaft

«Fürs Volk war Romero schon längst ein Heiliger»

Vor 40 Jahren wurde Oscar Romero, die «Stimme der Stimmlosen», ermordet. Die Begegnung mit den Armen provozierte bei ihm eine Lebenswende und machte ihn bereit für eine Opferbereitschaft, die das Martyrium miteinschloss.

Am späten Nachmittag des Montags, 24. März, vor vierzig Jahren: Monsignore Oscar Arnulfo Romero zelebriert gerade das Abendmahl und spricht zu den Messbesuchern in der Kapelle des Onkologie-Krankenhauses in San Salvadore: «Möge dieses Opfer Christi uns den Mut geben, Leib und Blut für die Gerechtigkeit und den Frieden unseres Volkes darzubringen.» Dann durchbohren Kugeln sein Herz,  Schüsse von einem Scharfschützen, der draussen in einem Auto lauert. Sie treffen auch ins Herz all jener Menschen, die für Gerechtigkeit im von Ausbeutung, Armut und Bürgerkrieg gezeichneten El Salvador eintreten.

Gespenstische Erinnerungen
An diesem traurigen 40. Jahrestag wären viele Menschen in der Hauptstadt des zentralamerikanischen Landes aufmarschiert und hätten Romero und seinem Credo gedacht: «Es kann nicht Gottes Wille sein, dass einige sich alles leisten können und andere nichts haben.» Nun aber ist es in der Millionen-Metropole gespenstisch leer, wie in so vielen anderen Städten auf dem Planeten. Der umstrittene Präsident Najib Bukele hat wegen des Coronavirus den Ausnahmezustand verhängt.

Der Schweizer Andreas Hugentobler, der seit sechs Jahren mit seiner salvadorianischen Frau im Land lebt, schildert in einem Mail die Szene so: «Seit gestern gilt hier Ausgangssperre, Ausnahmezustand. Viele erinnern sich an die Zeiten des Bürgerkrieges, Leute werden in Handschellen in die Quarantäne gebracht.» Der Thurgauer Theologe arbeitet in einem Netzwerk von Basisgemeinden, das den Namen des ermordeten Befreiungstheologen trägt: Asociación de Comunidades de Base Mons. Oscar Arnulfo Romero. Für Hugentobler ist Romero ein theologischer Lehrmeister, der die Stimmen der Armen gehört und von ihnen inspiriert, gehandelt hat.

Dass der Erzbischof so entschieden für die «Option für die Armen» eintrat, war keineswegs in der Biografie des Geistlichen vorgezeichnet. Er war konservativ, organisierte Wohltätigkeitsveranstaltungen mit den Frauen der Kaffeebarone und Grossgrundbesitzer und als er 1977 zum Erzbischof des kleinen zentralamerikanischen Landes ernannt wurde, dachte niemand, dass er bald solche Sätze von der Kanzel predigen würde: «Brüder, ihr gehört zu unserem Volk, ihr tötet eure eigenen Brüder unter den Bauern! Es ist höchste Zeit, dass ihr euer Gewissen wiederentdeckt und ihm gehorcht statt sündhaften Befehlen.»

Befreiende Bibel
Romeros Hinwendung zu den Armen deutet der Theologe und frühere Zentralsekretär von «Brot für alle», Beat Dietschy, so: «Bei ihm nimmt die biblische Botschaft der Befreiung Gestalt an, nicht durch Buchstabengelehrtheit, nicht von der Kanzel herab, sondern durch die konkrete Begegnung mit den Armen». Er erinnert dabei an das Wort Romeros, das die Befreiungstheologie auf den Punkt gebracht hat: «Gloria Dei pauper vivens - Die Ehre Gottes ist der lebendige Arme.»

In der Passionszeit wirkt das Martyrium Romeros besonders stark. Dietschy nennt in diesem Zusammenhang ein weiteres Zitat von Romero, das er zwei Wochen vor seinem Tod in einer Predigt prophetisch ausgesprochen hat: «Wenn sie mich töten, werde ich im Volk von El Salvador wieder auferstehen.»

2018 wurde Romero vom Vatikan heilig gesprochen. Für den Befreiungstheologen Leonardo de Boff damals ein klares Signal, dass nun der jahrzehntelange römisch verhängte Bannfluch ein Ende gefunden habe. Denn schon zu Lebzeiten hielt der polnische Papst Karol Wojtyla, also Papst Johannes Paul II., Romero eine antikommunistische Standpauke. Und nach seinem Tod ging dessen Nachfolger Kardinal Josef Ratzinger als Hüter des katholischen Lehramts massiv gegen die Befreiungstheologie vor.

Entpolitisierter Wunderheiliger?
Die Kehrtwende im Vatikan könnte vielleicht von Papst Franziskus in guter Absicht erfolgt sein, meint Hugentobler. In El Salvador aber sei der Gerechtigkeit fordernde Romero nun zum Wunderheiligen sinnentleert worden. Dafür steht für den Schweizer vor allem der Kardinal Gregorio Rosa Chavez, der Romero oft als «umstrittene Figur» charakterisiert hat. Nun aber lobt der konservative Kardinal ihn und empfiehlt ihn den Gläubigen als «Wunderheiligen». Deshalb ist für Hugentobler die Heiligsprechung eine zweischneidige Angelegenheit, die in seinen Augen auch gar nicht nötig war: «Für das Volk war Romero schon längst ein Heiliger.»

Delf Bucher, reformiert.info, 24. März 2020