Logo
Gesellschaft

«Corona wäre der Overkill»

02.04.2020
Im grössten Flüchtlingslager Europas auf der griechischen Insel Lesbos spitzt sich die Lage derzeit dramatisch zu. 20'000 Menschen hausen dort auf engstem Raum, die Hygienebedingungen sind katastrophal, der Müll türmt sich, es stinkt zum Himmel. Zudem fehlt es an der Grundversorgung mit saubrerem Wasser, Seife und Strom. Vor einigen Tagen warnte die Organisation Ärzte ohne Grenzen, dies sei der «ideale Nährboden» für das Coronavirus. Sie fordert die EU auf, die Flüchtlinge sofort aus dem ursprünglich lediglich für 3000 Menschen errichteten Lager zu evakuieren.

Andreas Zindel ist Einsatzleiter von GAiN Switzerland. Die Organisation ist humanitärer Partner von Campus für Christus Schweiz mit Sitz in Zürich. Sie besteht aus einem Netz an Freiwilligen, die hierzulande gesammelte Artikel für den Grundbedarf – etwa Windeln, Decken, Schlafsäcke oder Kleidung – in weltweite Krisengebiete bringen. Auch auf Lesbos ist die Organisation seit drei Jahren präsent: Aktuell befindet sich eine Mitarbeiterin vor Ort.

Erster positiver Test
Zindel selbst war zuletzt im Herbst 2019 auf der Insel. Die neusten Entwicklungen bereiten ihm grosse Sorgen, wie er am Telefon sagt. Nun wurde eine erste Inselbewohnerin positiv auf das Coronavirus getestet. «Nicht auszudenken, wenn das Virus um sich greift. Es wäre der Overkill». Fast täglich kommen neue Flüchtlinge auf der Insel an. Zu Hunderten, in schwarzen Gummibooten, für viel Geld von Schleppern auf die Reise geschickt in der Hoffnung auf ein besseres Leben in Europa. Was sie vorfinden ist die Hölle.

«Wenn man persönlich mit diesen Leuten zu tun hat, bekommt das Ganze nochmals eine ganz andere Ebene», so Zindel. Er und sein Team halfen den gestrandeten Familien beim Aufbauen der Zelte und verteilten warme Mahlzeiten und Kleidung. Und er hörte sich ihre Geschichten an, dutzende, meist um ein Feuer sitzend, wenn die Leute ein bisschen Ruhe finden und ihre Gedanken sammeln können. «Unser Einsatz ist nicht nur Nothilfe, sondern auch Zwischenmenschlichkeit».

Zorn und Barmherzigkeit
Das Öffnen der Grenze der Türkei nach Griechenland in der jetzt schon inhumanen Situation habe im Lager Frustration, Überlebenskampf und Menschenhass hervorgebracht. Wegen der steigenden Aggressivität von anreisenden Rechtsradikalen musste die GAiN Mitarbeiterin kurzfristig in Sicherheit gebracht werden. «Es ist, wie wenn man von einem angestauten Fluss die Staumauer wegnimmt», so Zindel. Vor einigen Tagen brach zu allem noch ein grosses Feuer im Lager aus. Ein sechsjähriges Kind kam ums Leben.

Im griechischen Volk herrsche grosse Verunsicherung und Unruhe. «Das verstehe ich auch, unglaublich, was die aushalten müssen.» Zindel ist der Meinung, dass die Inselbewohner zu schlecht wegkommen in den Medien. Dabei hätten die meisten aus der Stadt sehr wohl ein Herz für die Flüchtlinge. Aber man stelle sich vor: Auf dem eigenen Grundstück werden die teils über 500 Jahre alten Olivenbäume von Fremden abgehackt, die Holz für ein Feuer brauchen. So gehe es vielen Bauern – sie schwanken zwischen Zorn und Barmherzigkeit.

Eine Oase für Frauen
«In der aktuellen Corona-Notstand-Situation in der Schweiz haben wir einen leichten Vergleich, wie es diesen Menschen im Camp geht», sagt Zindel. Sobald man sich Sorgen mache um die eigene Existenz, breche Panik aus. Jeder habe Angst zu kurz zu kommen, was die Hamstereinkäufe zeigten. Die Flüchtlinge auf der Insel müssten alles entbehren – «da drehen Leute durch, werden aggressiv.» Dennoch sei die Solidarität unter den Flüchtlingen gross. Er habe erlebt, wie Leute stundenlang für ein Brot anstehen und es dann noch mit anderen teilen.

Ein besonderes Augenmerk setzt GAiN auf die Frauen und Kinder im Camp. «Sie sind die Schwachen, die zuerst leiden und missbraucht werden», sagt Zindel. In einer alten Fabrikhalle plante die Organisation, eine Waschmaschine und einen Tumbler aufzustellen. Während die Frauen auf die Wäsche warten, sollen sie duschen oder sich etwa die Nägel machen können. Leider musste das Projekt wegen der momentanen Umstände vorerst auf Eis gelegt werden. «Aber wir träumen weiter, dass gerade in den dunklen Umständen in den Flüchtlingslagern die Hoffnung auf das Gute und Gerechte sichtbar und handfest wird.»

Sandra Hohendahl-Tesch, reformiert.info, 1. April 2020