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Gesellschaft

Gender

Die schwierige Frage nach dem wahren Ich

14.04.2020
Menschen, die sich nicht als Frau oder als Mann fühlen, obwohl sie als das zur Welt kamen, sind transident. Dieses Thema ist nicht nur sozialpolitisch, es hat auch eine spirituelle Dimension.

Philipp Koenig gesteht es unumwunden: «Am Anfang war ich irritiert, verwirrt, erschüttert.» Denn sein damals 14-jähriges Patenkind, das er von Geburt an als Mädchen kannte, hatte ihm offenbart, dass es in Wirklichkeit ein Bub sei. «Ich erkannte: Das war ernst; kein Spiel, kein Witz», erzählt Koenig. «Es war die Wahrheit und somit existenziell für mein Patenkind, verbunden mit vielen Fragen und auch einem grossen Leiden.» Menschen, die das Empfinden haben, im falschen Körper zu leben, als Junge im Körper eines Mädchens oder umgekehrt, werden als transsexuell oder transident bezeichnet; dieses Phänomen hat nichts mit Homosexualität und auch nichts mit Transvestismus zu tun.

Gender, Transgender, genderfluid, agender und verwandte Themen – das tönt nach aufgeladenen politischen Debatten, nach Befindlichkeiten und Empfindlichkeiten, nach Gesellschaftspolitik, Sprachpolitik, Psychologie und Medizin. Philipp Koenig, den das Thema «Transidentität» aus gegebenem Anlass zu beschäftigen begann, betrachtete es aus einer anderen, ungewohnten, vor allem aber vermittelnden Warte: aus dem Blickwinkel der Spiritualität. «Für mich ist Transidentität auch ein spirituelles Thema, nämlich eines, das den Wesenskern eines Menschen betrifft», sagt er. Es gehe um zentrale Fragen wie: Wer bin ich? Siehst du mich als den Menschen, der ich bin? Wie bringe ich mich in die Gesellschaft ein, was ist mein Ruf?

«Du bist, wie du bist»
Philipp Koenig, Pfarrer in Bern-Bümpliz, hat sich mit dem Thema gründlich auseinandergesetzt und im Rahmen der beruflichen Weiterbildung CAS Spiritualität eine Arbeit geschrieben. Sie trägt den Titel «Trans*zendenz, Schritte mit einem transidenten jungen Mann». Für diese Arbeit schöpfte der Verfasser aus seinen eigenen Erfahrungen, aus den Gesprächen und dem Zusammensein mit seinem transidenten Göttibuben. In der CAS-Arbeit tritt dieser unter dem Pseudonym Felix auf, denn seit seinem Outing trägt der Jugendliche nebst einem männlichen Vornamen auch entsprechende Frisur und Kleidung, zudem denkt er intensiv über medizinische Massnahmen nach.

«Felix sagt, er sei im falschen Körper», erklärt Koenig. «Und ich als Pfarrer frage: Du bist so, wie du bist. Könnte es nicht deine Aufgabe sein, etwas daraus zu machen?» Der transidente deutsche Pfarrer Ines-Paul Baumann, den Koenig in seiner Arbeit zitiert, formuliert es so: «Als Trans*mensch erfahre ich mich als von Gott geschaffener Trans*mensch. Es war kein Fehler, dass ich so bin, wie ich bin, sondern das ist, was Gott mir mitgegeben hat, auch mit dem Auftrag, damit zu arbeiten. Das ist keine Veränderung eines Fehlers, sondern das ist der Auftrag eines schöpferischen Mitgestaltens.»

Eine Brücke zur Transzendenz
Transidentität sei, sagt Koenig, eng verbunden mit Transzendenz und damit auch mit christlicher Spiritualität. Prägende Gestalten des Christentums, zum Beispiel Paulus, Martin Luther oder Teresa von Avila, hätten alle eine Verwandlung, eine Selbstüberschreitung im Sinn von Transzendenz erlebt und dabei Erfahrungen mit dem Anderen, dem Göttlichen gemacht. «Gerade auf solche Wandlungen und Ausweitungen können auch Transmenschen verweisen, mit ihrem Doppelblick auf unsere gegenwärtig sehr körperzentrierte Welt. Sie distanzieren sich von ihr und sind ihr gleichzeitig besonders nahe.»

In diesem Sinn sieht Philipp Koenig Transmenschen als Brückenbauer, die neue Wege aufzeigen können zum Rollenverständnis von Mann und Frau in der heutigen Gesellschaft. Es verweist auch auf andere Kulturen, wo transidente Menschen diese verbindende Rolle seit alters einnehmen, zum Beispiel als Schamanen bei indigenen Völkern.

«Irritation bei der Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Transidentität darf sein», findet der Theologe. Denn gerade Irritation und Verwirrung liessen sich als spirituelle Erfahrung fruchtbar machen – «nicht nur für Transmenschen, sondern für alle, die erschüttert sind und ihr Leben ändern möchten».

Den neuen Menschen feiern
Der biblische Johannes tauchte die Menschen in den Jordan und liess sie als gestärkte und verwandelte Menschen wieder auftauchen, als Menschen auf dem Weg zu neuen Horizonten. Eine Taufe als spirituelle Wegmarke kam für Felix allerdings nicht mehr in Frage, denn getauft war er bereits. Und doch wünschte er sich den kirchlichen Segen für seinen neuen Vornamen und damit seine neue Identität. Deshalb führte Philipp Koenig als Pate und zugleich Pfarrer mit ihm und der Patin eine kleine Tauferinnerungsfeier durch. Dabei überreichte Koenig seinem Göttibuben eine neue Taufurkunde mit dem neuen, männlichen Vornamen. Dies war rechtlich möglich, weil die Taufurkunde nicht als amtliches Dokument gilt.

Einen Monat vorher hatte Philipp Koenig bereits einen Gottesdienst zum Thema Transidentität in der Kirche Bern-Bümpliz abgehalten. Diesem Gottesdienst lag ein Gedanke von Paulus zugrunde, der im 3. Kapitel seines Galaterbriefs schreibt: «Ob jüdisch oder griechisch, ob versklavt oder freigelassen, ob männlich oder weiblich: alle sind eins in Christus.» Laut Paulus spielen also menschliche Schubladen in der Gemeinschaft der Christen und Christinnen keine Rolle. Hier hat es Platz für alle – auch für Transmenschen.

Hans Herrmann, reformiert.info, 14. April 2020