Logo
Spiritualität

Langer Atem wirkt angstlösend

22.04.2020
Mit den Gleichnissen ist es so eine Sache. Sie bewegen sich auf einem schmalen Grat. Ein falscher Ton, dann droht der Absturz.

Zum Beispiel so: «Die Angst vor Corona gleicht einem Luftballon, der immer weiter aufgeblasen wird, bis er platzt.» Dieser Satz wäre seinem Wesen nach beinahe ein Gleichnis. Denn er vergleicht ein unbegreifliches Phänomen mit einer Alltagserfahrung und lässt ihm damit die Luft raus. «Ach so, alles halb so wild», wäre dann seine Botschaft. 

Gewissheit ist entscheidend

Doch Obacht. Dem Satz fehlt das Entscheidende. Die Gewissheit. Ein Gleichnis würde er erst, wenn sein Sprecher tatsächlich wüsste, dass die Angst grundlos ist und sich bald in Luft auflöst, sonst wäre er hochgradig fahrlässig. Wie der geniale Weitblick eines Donald Trump, der noch im März davon schwärmte, so viel über das Virus zu wissen, dass sich reihenweise Ärzte bei ihm darüber kundig machten. Vielleicht wäre darum er selbst eine bessere Steilvorlage für ein Gleichnis? Das ginge dann so: «Trump gleicht einem Luftballon, der sich selbst immer weiter aufpustet, bis er platzt.» Womöglich ein echtes Gleichnis, weil es beides zur Sprache brächte: Es vergleicht ein unfassbares Phänomen mit einer Alltagserfahrung, holt es somit runter und verknüpft es mit der Zuversicht, dass der Vergleich stimmt, der Aufgeblasene letztlich also nichts als ein schlaffes Michelin-Männchen sein könnte. Das wäre dann eine Pointe, diese bisher übersehene Gewissheit: «Klar, so ist es, ganz anders, als ich dachte.» Hätte was Furchtloses.

Sprache des Alltags

Genau diese Pointe zeichnet die Gleichnisse Jesu aus. Er spricht stets gleichnishaft vom «Reich Gottes», also von einer Welt, die unsichtbar, überirdisch scheint. Er redet davon aber in einer Sprache des Alltags und zieht sie damit vom himmlischen Podest runter auf die Erde. «Das Himmelreich ist wie ein Sämann, wie ein Senfkorn, wie ein Schatz im Acker.» Kennt jeder. Und dann die Pointe: «Schaut doch hin, Himmel trifft Erde, zugunsten der Erde! Der Himmel ist nahe und ist schon da.» Das ist der Witz. Diese übersehene Wirklichkeit: Es ist ja anders, als wir dachten! Der Himmel ist näher, realer, schon hier. Also: «Vertraut, wachst, ihr seid wahrgenommen.» Diese Pointe war für die Realisten seiner Zeit kaum zu ertragen, für die spirituell Suchenden aber ein Impuls zur Hoffnung. Ja, wenn das stimmt, – mein Gott! Dann ginge ja manchem Sachzwang die Luft raus. 

Trump gleicht einem Luftballon, der sich immer mehr aufpustet, bis er platzt.

Woher aber nahm Jesus die Gewissheit, damit recht zu haben? Seine Gewissheit dürfte in der Sache selbst liegen. Er verstand sich ja nicht als Lehrer oder Erleuchteter, liess keine ewigen Weisheitssätze oder kluge Lehren für erfolgreiches Leben vom Stapel. Er war einfach berührt von der überirdischen Menschenfreundlichkeit Gottes, und dass die schon im Irdischen wächst. Alltagsvergleiche also und dann die Pointe: «Wow, ja, klar, jetzt sehe ich es.» Wirkte angstlösend. Auch bei ihm selbst, wie die Bibel berichtet.

Jesus als Gleichnis

Faszinierend ist, dass er genau darum schon sehr früh selbst als ein Gleichnis verstanden wurde. «Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes», zitiert der Neue Bund einen frühchristlichen Hymnus. Das Baby von Bethlehem, der Gekreuzigte von Golgatha, ein Bild des Unsichtbaren. Himmel trifft Erde, zugunsten der Erde! Schon hier und jetzt. Das ist der Witz. Bisher übersehen? Achtsam hinschauen hilft, und vielleicht dieses Gleichnis: «Aufgeblasene Angst, sogar die vor spiritueller Erfahrung, gleicht einem Luftballon, dem die Luft ausgeht, weil die Freundlichkeit Gottes den längeren Atem hat.» Wirkt angst-
lösend, selbst in diesen Tagen.

Text: Reinhold Meier, Journalist BR und Psychiatrie-Seelsorger, Wangs | Foto: Rüstü Bozkus, pixabay – Kirchenbote SG, Mai 2020


Von Jürg Hartmann erfasst am 06.01 2020 09:42

Fragen an...

Fragen an Buddha, Fragen an Allah, Fragen an Gott, Fragen an Manitou, Fragen an Mohammed, Fragen an das Göttliche im Menschen: Wenn ich mir vorstelle, das Göttliche würde mir gegenübersitzen, was wäre dann? So setze ich mich hin und bitte das Göttliche, mir gegenüber Platz zu nehmen. Die Stühle sind bequem, sehr geeignet, ganz hier zu sein. Ganz. Da sitzen wir zwei, schweigsam, nachdenklich aber ganz da. Mich sieht man gut, mich erkennt man gut, das Göttliche aber lässt weder Worte noch Bilder zu, denn in Worte und Bilder gefasst ist das Göttliche nicht mehr göttlich sondern menschlich. Für unsere Kinder sind die Bilder wichtig und notwendig, für erwachsene Menschen bezweifle ich das ernsthaft. Die Antworten aber, die kann ich hören, vielleicht auch wahrnehmen, das reicht, muss reichen. Und so komme ich zu meiner ersten Frage: «Ich weiss, ich könnte Dich jetzt fragen, warum Du all das Schreckliche, Böse und Teuflische auf dieser Welt zulässt, die Kriege, die Gewalt, Vernichtung und Tod. Doch genau diese Frage stelle ich jetzt nicht. Ich versuch’s also andersherum. Ich frage Dich und nur Dich: Wie kommt es denn, dass wir Dich immer wieder fragen, was ich fragen könnte wie oben erwähnt. Wie also kommt das?» Das Göttliche ist irgendwo im Raum, meine ich, seine Stimme aber kann ich klar und deutlich hören, das ist die Hauptsache, und damit höre ich auch seine Antwort. ES sagt: «Deine Frage ist gut, lieber Mensch, ich denke nach. Kannst Du Dir vorstellen, welcher Art meine Gedanken hier sind?» Ich bin überrascht. Da stelle ich ihm eine meiner ganz wichtigen Fragen und nun soll ich mir vorstellen, was ES meint, was ES denkt. Komisch, ungewohnt, ich weiss nicht recht und bin verwirrt. So antworte ich: «Du siehst, Deine Antwort macht mich wirr, die Worte in meinem Kopf fliegen kreuz und quer und suchen nach einer Ordnung. Das will nun heissen, ich denke nach, ich denke laut nach, dann kannst Du meine Gedanken gleich mithören. Also: Deine Antwort wirkt, ich beginne zu suchen, suche jedoch bei mir und in mir. So weit bin ich im Moment.» Das Göttliche antwortet sofort: «Ganz genau, Du hast es erkannt denn Du suchst bei Dir. Du suchst nicht in den Wolken, hinter denen Du mich vermutest, Du suchst nicht beim Papst, meinem angeblichen Stellvertreter auf Erden, Du suchst nicht aussen, sondern innen, das ist der Punkt!» Damit bin ich wieder allein im Raum, allein mit meinen Fragen, ganz auf mich zurückgeworfen, auf mich gestellt. Vielleicht ist das der Punkt, vielleicht ist das die Antwort des Göttlichen an mich: «Geh auf die Suche, immer wieder, und suche in Dir, mit Dir und natürlich auch zusammen mit anderen Menschen. Doch bleib auf der Suche, immer.»

Kommentar erstellen