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Gesellschaft

«Ich hoffe, die Seelsorge wird wegen Corona nicht vernachlässigt»

27.04.2020
Der Präsident des Vereins der Gefängnisseelsorge Alfredo Díez spricht über die Situation in den Gefängnissen und wie Corona die Arbeit der Gefängnisseelsorge verändert hat.

Wie hat sich Ihre Arbeit als Gefängnisseelsorger in der Corona-Krise verändert?
Alfredo Díez: Bevor der Bundesrat den Ausnahmezustand aussprach, bewegten wir Seelsorger uns relativ frei in den Gefängnissen. Das heisst, wir waren auf den Stockwerken präsent, kamen mit den Insassen leicht ins Gespräch. Der Austausch war also eher niederschwellig und dynamisch. Um die Gefahr einer Ansteckung einzuschränken, wurden in den Gefängnissen die Kontakte zur Aussenwelt eingeschränkt. Das bedeutet für uns Pfarrerinnen und Pfarrer derzeit, dass wir in gewisse Gefängnisse nur gehen, wenn Insassen sich explizit für ein Gespräch anmelden. Ein Seelsorgegespräch in der Zelle eines Insassen ist meistens nicht mehr möglich, sondern muss neu in einem Besucherraum mit Trennscheibe oder in einem Gesprächsraum mit einer Schutzscheibe stattfinden.

Finden Sie das eine gute Lösung, dass Sie nun aufgeboten werden?
Wir würden eine proaktive Seelsorge vorziehen. Gerne würden wir die Menschen zum Gespräch aufbieten können. Das ist in gewissen Gefängnissen möglich. Gefängnisleitungen entscheiden sich aber nur für eine solche Lösung, wenn die Seelsorge als eine notwendige Dienstleistung in den Gefängnissen wahrgenommen wird. Ich hoffe, die Seelsorge wird in den Gefängnissen wegen Corona nicht vernachlässigt.

Sie haben sich selbst mit Corona infiziert. Beeinflusst dies Ihre Arbeit?
Da ich zu 99 Prozent Antikörper gegen Covid-19 entwickelt habe, kann ich nun auch Gefängnisinsassen treffen, die sich mit Corona infiziert haben. Solche werden, falls sie nicht hospitalisiert werden, beispielsweise im Kanton Zürich in einer Isolationsstation im alten Gefängnis Horgen betreut. Das Gefängnis wurde extra wegen der Corona-Krise wieder in Betrieb genommen. Neben einer Isolationsstation wurde auch eine Eintrittsquarantäne erstellt.

Keine Besuche, keine Sonderurlaube; Kontakte zur Aussenwelt wurden zum Schutz der Häftlinge und der Gefängnismitarbeiter eingeschränkt. Welche Massnahmen wurden in Gefängnissen sonst noch ergriffen, um die Ausbreitung von Corona einzudämmen?
Insassen, die zu den Risikogruppen gehören, sind in separaten Einzelzellen untergebracht. Im Gruppenvollzug wurde die Bewegungsfreiheit auf den Stockwerken eingeschränkt, so auch die Zeiten für soziale Kontakte zwischen den Häftlingen. Arbeiten, die vorher in Gruppenräumen stattfanden, finden nun mehrheitlich in den Zellen statt. Gefängnisdirektoren unternehmen grosse Anstrengungen, um den Normalbetrieb aufrecht zu erhalten und gleichzeitig die Insassen und die Mitarbeitenden zu schützen.

Keine Besuche mehr zu erhalten, ist aber ein grosser Einschnitt.
Häftlinge, deren Familien in der Schweiz leben, trifft die Massnahme schwer. Anders sieht es für ausländische Insassen aus; Ihre Familien und Freunde leben im Ausland und kamen sie auch vor Corona nicht besuchen. Da die Besuche momentan verboten sind, dürfen Häftlinge nun länger mit Angehörigen telefonieren. Auch wir bieten nun Seelsorge am Telefon an, die nicht von der regulären Telefonzeit abgezogen wird.

Wie äussern sich die Gefangenen Ihnen gegenüber über die ergriffenen Massnahmen?
Die einen fühlen sich im Gefängnis sicher vor Covid-19, andere sind verunsichert. Während die einen froh sind um die Schutzscheiben beim Gespräch mit dem Seelsorger, finden andere dies unnötig. Die Wahrnehmung der Menschen in den Gefängnissen unterscheidet sich nicht von Menschen, die in Freiheit leben: Die einen kommen mit der Situation gut zurecht, andere sind ängstlicher.

Haben sich die Seelsorgegespräche mit Corona verändert?
Die Sorgen und Ängste sind immer noch dieselben. Personen in der Untersuchungshaft dürfen keinen Kontakt in die Aussenwelt haben, um das Strafverfahren nicht zu beeinflussen. Sie halten nur per Brief Kontakte. Kürzlich kam ein Spanier in Untersuchungshaft. Er machte sich grosse Sorgen um seine an Corona erkrankten Eltern in seiner Heimat. Wir konnten vermitteln, dass der Staatsanwalt ein Telefongespräch nach Spanien erlaubte – unter Aufsicht versteht sich.

Welche Aufgaben nehmen Sie sonst noch wahr?
Personen im Vollzug sprechen etwa in Therapien oft über Straftaten. In einem Seelsorgegespräch soll nicht nur das Delikt im Zentrum stehen. Wir wollen die Menschen nicht auf ihre Taten reduzieren, sondern stellen den Menschen ins Zentrum. Wir unterstützen die Insassen beispielsweise bei ihren Kontakten zur Aussenwelt. Ein Seelsorge-Team hat beispielsweise ein Projekt lanciert, bei dem die Insassen für ihre Kinder eine CD mit Gutenachtgeschichten aufnehmen. Seelsorger kümmern sich aber nicht nur um die Insassen, sondern auch um die Angestellten. Wir können eine wichtige Entlastung für die Betreuerinnen und Betreuer sein.

In den Gefängnissen finden momentan auch keine Gottesdienste statt. Bieten Sie Alternativen an?
Für die Ostergottesdienste haben wir beispielsweise schriftliche Andachten in verschiedenen Sprachen verteilt. Zudem haben wir den Insassen Osterkarten geschickt, auch solche, die sie ihren Familien verschicken konnten.

In Italien und in Ländern Lateinamerikas haben die Einschränkungen der Freiheit zu Aufständen geführt. Spüren Sie bei Ihren Besuchen ein erhöhtes Aggressionspotenzial?
Nein. Die Verhältnisse in der Schweiz sind nicht vergleichbar mit den Zuständen in Italien oder Lateinamerika. In der Schweiz sind die Gefängnisse verhältnismässig klein. In den Zellen sind nicht grosse Gruppen untergebracht.

Nicola Mohler, reformiert.info