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Gesellschaft

Corona-Pandemie: Die Experten sind die neuen Propheten

25.05.2020
Regula Stämpfli ortet aufgrund der Corona-Krise eine Verschiebung der Machtverhältnisse in der Schweiz.

Blickt Regula Stämpfli auf die vergangenen Wochen zurück, hält sie mit ihren Gefühlen nicht zurück. «Es war, als hätte der Shutdown das kritische und demokratische Denken ausser Kraft gesetzt.» Sie sei verärgert und schockiert, sagt die Bestsellerautorin und Politikdozentin. Verärgert in erster Linie über den paternalistischen Ton der Politiker und Politikerinnen. «Sie benehmen sich wie Eltern gegenüber ungezogenen Kindern und vergessen, dass wir in einer Demokratie und nicht in einem patriarchalen Familienverbund leben.» 

Schockiert ist sie über die wirtschaftlichen, demokratischen und kulturellen Auswirkungen der letzten Wochen und Monate – die verheerend seien. Aus ihrer Sicht gesehen ist eigentlich alles falsch gelaufen, was falsch laufen konnte. Natürlich habe die Pandemie Sofortmassnahmen erfordert. Doch seien über Nacht aufgrund von Statistiken über Ansteckungszahlen alle Werte ausser Kraft gesetzt worden. «Es wurde nie angedacht, die Schweiz zwei bis drei Wochen abzuriegeln mit dem Ziel, sich im Anschluss möglichst schnell mit Soziologen, Ethikern, Theologen und anderen zusammenzusetzen und gemeinsam zu überlegen, welche Strategien weiterverfolgt werden sollten.»

Im März 2020 sei etwas passiert, was die Schweiz noch nie erlebt habe: die völlige Aufgabe des öffentlichen Lebens. «Unsere Teilhabegerechtigkeit am öffentlichen Leben ist quasi über Nacht teilweise abgeschafft worden.» Die Menschen seien von einem Tag auf den anderen in ihre Häuser verwiesen und zur Heimarbeit gezwungen worden, ohne dass bis heute klar sei, wer eigentlich die Infrastruktur wie WLAN, Büros, Computer bezahlen würde. Die Bildung der Kinder sei den Eltern als neue Heimarbeit befohlen worden. Das lässt für Regula Stämpfli eine deutliche Schlussfolgerung zu: «Die Machtverhältnisse in der Schweiz haben sich verändert. Bis zum Shutdown lag die Macht, das politische Agenda-Setting und der öffentliche Diskurs voll in den Händen der Wirtschaftslobbys und der Medien.» Mit der Corona-Krise habe sich das Parlament zu Beginn selber aus dem Rennen der Mitsprache genommen. Das sei sehr bedauerlich. 

Der Bundesrat und die Expertokratie in der Verwaltung hätten mit dem radikalen Ausnahmeregime einen enormen Machtzuwachs erlebt. Das bedeute nicht einfach mehr Macht «für die Politik», sondern riesige Entscheidungsbefugnis für die Exekutive. Das sei alles anders als gut für die Demokratie. 

Auffallend sei zudem, dass bei Regierungen im Ausnahmezustand Lobbys extrem stark würden. «Während dieser globalen Pandemie dominieren die Pharma und der Finanzplatz und neu die Wissenschaftler, die sich teilweise exklusiven Zugang zur Regierung schaffen.» Es sei ein grundsätzlicher Fehler unterlaufen. «Wir haben zu einseitig auf Experten gehört», so Regula Stämpfli. Diese seien die neuen Propheten, welche die wissenschaftlich legitimierten Heilsbotschaften zum Wohle der Allgemeinheit verbreiten würden.

Die Politik sei schlecht gerüstet gewesen. Es sei ein ständiges Learning by doing gewesen. Dieses erinnere an den Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Da habe es auch keine Rationierungspläne und keinen Erwerbsersatz gegeben, was letztlich zum Generalstreik 1918 geführt habe. 

Carmen Schirm-Gasser, Kirchenbote, 25.5.2020