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Kultur

«Sie fühlen sich extrem allein gelassen»

26.05.2020
Keine Chilbi, kein Zirkus, keine Messen. Schausteller und Markthändler stehen vielfach vor dem Ruin. Pfarrerin Eveline Saoud über Seelsorge in Zeiten grösster wirtschaftlicher Not.

Frau Saoud, eigentlich sind Sie noch in der Kennenlernphase Ihrer Gemeinde. Sie wollten möglichst viele Veranstaltungen besuchen, Hände schütteln. Nun hat Ihnen die Pandemie einen Strich durch die Rechnung gemacht. Wie arbeiten Sie derzeit als Seelsorgerin?
Ich telefoniere sehr viel. Vor allem zu Geburtstagen rufe ich die Gemeindemitglieder an und erkundige mich nach ihrem Befinden. Wenn es gewünscht wird, mache ich auch Hausbesuche. Was die Ansteckungsgefahr angeht, sind die meisten Schausteller, Zirkusleute und Markthändler nicht so besorgt. Aber wir beachten natürlich den Sicherheitsabstand. Mein katholischer Kollege und ich haben zu Ostern zudem 800 Karten verschickt. Und wir nehmen ab und an kleine Videobotschaften auf, die wir Online stellen.

Fredy Knie beschreibt das Coronavirus als die größte Lebensprüfung. Was spüren Sie an der Basis?
Der Zirkus Knie ist der erfolgreichste und grösste Zirkus der Schweiz, gut vernetzt und finanziell so gut es geht abgesichert. Wenn Fredy Knie so etwas sagt, dann können Sie sich vorstellen, wie prekär die Lage für kleinere Unternehmen ist. Viele wissen nicht, wie sie überleben sollen und auch nicht, wo sie um Hilfe bitten können.

Es gibt die Möglichkeit der Kurzarbeit und Hilfsgelder des Bundes.
Natürlich, aber das reicht bei weitem nicht aus. Zirkusleute, Schausteller und Markthändler haben andere Ausgaben als die durchschnittlichen Schweizer Familien, die vor allem fürs Wohnen und die Lebenshaltungskosten aufzukommen haben. Sie müssen oft Lagerräume bezahlen, Mieten für die Wägen und teilweise Leasinggebühren für die Fahrgeschäfte. Dann haben sie recht unregelmässige Einkommen, die nur ungefähr planbar sind. Oft werden Gewinne gleich reinvestiert in das Geschäft, so dass nun die Reserven für einen Verdienstausfall fehlen. Viele hatten ihre letzten Einkünfte im Herbst auf den Messen, die Saison wäre im März losgegangen. Doch nun ist noch kein Ende des Lockdowns für Veranstaltungen in Sicht. Das läuft auf ein Jahr ohne Einnahmen hinaus.

Was kann die Seelsorge leisten in einer solchen Situation?
Für manche war ein Gespräch in den letzten Wochen eine willkommene Abwechslung. Das kennt man auch aus der Spitalseelsorge. Mein Vorteil ist, dass ich von aussen komme, mein Interesse ist einfach, für jeden da zu sein. In erster Linie geht es ums Zuhören, Aufmerksamkeit und ein offenes Ohr zu schenken. Das hilft manchmal, um zu schauen, wie es weitergehen könnte. Dazu spreche ich die wichtigsten Punkte an.

Die wären?
In erster Linie die finanzielle Situation natürlich. Die variiert ja sehr stark, so wie man es auch vom Freundeskreis kennt. Der eine plant sehr vorsichtig und hat nun vielleicht eher Reserven, der andere geht mehr Risiko ein. Aber dann geht es auch um eine andere Komponente der Arbeit: Schausteller, Markthändler, das sind Unternehmer, Menschen, die gerne und viel für das eigene Unternehmen arbeiten, belastbar sind, die zupacken. Für viele ist dieser Leerlauf deshalb besonders schwierig zu ertragen. Manche haben Glück, weil sie ein zweites Standbein haben, etwa einige Monate im Jahr ohnehin anderswo arbeiten und diesen Job nun ausüben können. Anderen fällt schlichtweg die Decke auf den Kopf.

Verschiedene Verbände haben sind nun gemeinsam beim Bund vorstellig geworden, fordern einen runden Tisch. In einem Brief beklagt die Branche, keine starke Interessensvertretung zu haben. Fühlen sich die Menschen im Stich gelassen?
Sie fühlen sich extrem allein gelassen. Wenn man allein auf die Zahlen schaut, ist die Branche volkswirtschaftlich vernachlässigbar. Es geht bei den Zirkusleuten, Markthändlern und Schaustellern
um etwa 800 bis 1000 Familienunternehmen, die tatsächlich untergegangen sind und nun einfach nicht berücksichtigt werden. Es wird aber spürbar, dass sich die Branche intern besser vernetzt. Vor einigen Jahren gab es einen Generationenwechsel bei den Schaustellern. Die Jungen spannen zusammen, haben etwa kleine Filme für die sozialen Medien gedreht, in denen sie den Menschen zeigen: Wir freuen uns auf euch und wollen euch weiterhin unterhalten. Halt gibt vielfach die eigene Familie.

Hat die Branche bisher denn gar keine Perspektive aus dem Stillstand rauszukommen?
Das Knabenschiessen ist noch nicht abgesagt und der Europapark öffnet noch im Mai. Daran halten sich manche Leute fest. Aber viele glauben auch, man müsse einfach realistisch sein, die Saison abschreiben.

In ihrem Brief an den Bund schreibt sich die Branche Systemrelevanz zu. Ist das nicht etwas hoch gegriffen?
Nein, das ist richtig. Die Chilbi ist ein wichtiges Stück Volkskultur, Volksfeste ohne Chilbi sind nicht denkbar. Die Zirkus- und Chilbikultur, die Märkte, sie sprechen eine breite Bevölkerungsschicht auf allen Altersstufen an. Die allermeisten führen eine lange Tradition fort, sind seit vielen Generationen im Betrieb. Die Branche  hat einen sozialen Aspekt wie Bars und Restaurants auch. Für manche Menschen wird eine Bar zum Wohnzimmer. Zur Chilbi reisen Menschen an, die jeden einzelnen Schausteller beim Namen kennen. Und was man auch nicht vergessen darf, ist der integrative Aspekt: praktisch jede Schausteller-Familie beschäftigt Arbeiter mit irgendeiner Beeinträchtigung. Das sind Menschen, die man mitträgt, die dazugehören, trotz ihres Handikaps.

Cornelia Krause, reformiert.info

Eveline Saoud, 48, trat im letzten Herbst ihre Stelle als Chilbi- und Zirkusseelsorgerin an. Die Tochter eines Moslems und einer Protestantin wuchs in Winterthur auf. Nach dem Theologiestudium arbeitete sie zunächst in Scuol, GR. Später wechselte sie nach Wollishofen. Seit sechs Jahren unterrichtet Saoud zudem als Lehrerin an einem Zürcher Gymnasium.