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Kirche

Das Ende der Durststrecke

02.06.2020
An Pfingsten durfte erstmals wieder Gottesdienst gefeiert werden. Zum Beispiel im Zürcher Fraumünster. Hinzu kamen vom kreativen Pfingst-Geist beflügelte digitale Projekte.

Die reformierte Liturgie ist eine grossartige Erfindung. Nähe ist keine Frage der Distanz, wenn das lebendige Wort zur Aufführung gelangt. Denn Nähe schafft Gott, von dem «wir hoffen, dass er mitten unter uns ist», wie Pfarrer Niklaus Peter an Pfingsten im Zürcher Fraumünster sagte.

Die Kirche war um 10 Uhr voll besetzt, obwohl zahlreiche Plätze frei blieben. Wegen der Corona-Schutzauflagen war das Platzkontingent bereits mit rund 120 Menschen ausgeschöpft. Eine Kirchenbank musste immer frei bleiben, die Leute sassen in den Bänken mindestens zwei Meter auseinander. Zudem mussten sich die Besucherinnen und Besucher anmelden.

In den anderen Altstadt-Kirchen wurde auf Anmeldungen verzichtet. Der Gottesdienst von Pfarrer Martin Rüsch wurde zusätzlich im Internet übertragen, auch der Pfingst-Gottesdienst zum Mitsingen aus der Predigerkirche, den Pfarrerin Renate von Ballmoos gestaltete, ist dort zu finden.

Mehr Musik
Ungewohnt war nicht nur die strikte Sitzordnung im Fraumünster. Auch auf den Gemeindegesang wurde verzichtet, um das Ansteckungsrisiko zu minimieren. Kompensiert wurde das Defizit durch die wunderbare Musik von Organist Jörg Ulrich Busch und Anuschka Thul an der Trompete.

Geschickt passte auch Niklaus Peter den Ablauf an, indem er die Predigt in zwei Kurzpredigten aufteilte und durch ein Bach-Stück unterbrechen liess. In Wort und Musik zeigte sich, wie wichtig die im Kirchenraum erfahrene Präsenz in einem sorgfältig aufgebauten Gottesdienstes sein kann.

Digitale Präsenz
Freilich bleiben digitale Angebote wichtig. Sie haben während des Versammlungsverbots eine beachtliche Reichweite erziehlt. Eindrücklich zeigt beispielsweise das von den Pfarrerinnen Mirja Zimmermann und Priscilla Schwendimann intiierte Projekte #churchunited die Chancen einer digitalen Kirche. Der Gottesdienst hat an Pfingsten Zürich und Genf, Sumiswald und London miteinander verbunden.

Über 30 Pfarrerinnen und Pfarrer trugen zu einem vielstimmigen Pfingst-Gottesdienst bei, in dem Grenzen gesprengt und der verbindende Geist Gottes spürbar wurde. Eine Lehre aus der Coronakrise ist, dass sich digitale Angebote und klassische Gemeindegottesdienste nicht ausschliessen, sondern sich vielmehr ergänzen.

Der Geist des Trostes
Bereits am Samstagabend hatte der Zürcher Kirchenratspräsident Michel Müller vor dem Hintergrund des vom Lichtkünstler Gerry Hofstetter beleuchteten Grossmünsters allen Christen in Stadt und Land frohe Ostern gewünscht. Ostern deshalb, weil «wir für einmal an Pfingsten die leibliche Auferstehung feiern», sagte Müller. Die Menschen dürfen sich wieder im Gottesdienstraum versammeln, einander – wenn auch auf Abstand – begegnen.

Müller wies auf die unterschiedlichen Dimensionen des Geistes hin. Da sei der Schöpfungsgeist, der hinter allem Schönen, aber auch hinter dem hinterhältigen Virus stecke, «was manchmal schwer zu ertragen ist». Vor allem aber schenke Gott den Geist des Trostes. Und auch den Geist der Wahrheit: In dieser Zeit, in der vieles nicht mehr möglich war, habe sich schonungslos gezeigt, was nicht mehr nötig sei und getrost los gelassen werden könne. «Von manchem Gesicht wurde die Maske heruntergerissen.»

Weil es allein nicht geht
Die Gottesdienste, die nun wieder aufgenommen werden, seien ein Forschungslabor für die Einsicht, «dass es allein nicht geht», sagte Grossmünsterpfarrer Christoph Sigrist, der nach Müller an der Aktion Pfingst-Sonne auftrat. Ob in Kirchen, Moscheen, Tempeln oder Synagogen, überall versammelten sich wieder Menschen mit der Erkenntnis, dass Gemeinschaft existenziell sei.

Diese Gemeinschaft gehe über den Kirchenraum hinaus, betonte Sigrist. «Es ist eine Gemeinschaft, die über den eigenen Tellerrand hinaus schaut und weltweit solidarisch ist.»

Liebe und Geduld
Das Verbindende des Pfingst-Geistes betonte auch Niklaus Peter im Fraumünster-Gottesdienst. Die «Frucht» dieses Geistes ist «Liebe, Freude, Frieden, Geduld, Güte, Rechtschaffenheit, Treue, Sanftmut, Selbstbeherrschung», zitierte er die Worte des Apostels Paulus (Galater 5,22f). Alles Eigenschaften, die in der Krise, in der das Leben nun zurückkehrt, die aber noch lange nicht bewältigt ist, wichtig bleiben.

Der Pfingst-Geist, in dem die Sprachverwirrung aufgehoben wird, sei ein Geist der Vielfalt und zugleich der Verständigung. «Er will Sinn und nicht Unsinn, Verständigung und nicht Missgunst», sagte Peter. Um 11:30 Uhr wiederholte er den Gottesdienst für eine kleinere Gemeinde.

Felix Reich, reformiert.info