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Gesellschaft

Beratungsstelle: «Jeder Täter ist auch Opfer»

24.06.2020
Die Fachstelle «KONFLIKT.GEWALT» berät und begleitet Gewalttäterinnen und Gewalttäter in der Nordostschweiz. Neu auch in Schaffhausen.

Šéma Štěpaník verurteilt Gewalt. Nicht aber die Menschen, die sie ausüben. Als Gewaltberater begleitet er Täter und Täterinnen, die körperliche Gewalt ausüben oder androhen. Neunzig Prozent der Täter sind Männer.

Die Gewaltberatungsstelle gehört zu einem Netz aus Beratungsstellen, welches die Nordostschweiz und den Kanton Graubünden abdeckt. Die Einrichtung in Schaffhausen besteht seit Februar. Wer den Weg zu Štěpaník findet, ist sich bewusst, dass er Probleme hat mit Aggression und Gewalt. Denn der Gang auf die Beratungsstelle ist freiwillig. In anderen Kantonen erfolgen auch Zuweisungen durch Staatsanwaltschaft und KESB.

Das kann sich Štěpaník zukünftig auch für Schaffhausen vorstellen. In der Zwischenzeit arbeitet er daran, sich zu vernetzen. Mit Behörden, Kirchgemeinden, Fachstellen, Sozialdiensten. Die Kantone seien grundsätzlich aufgefordert, sich mit dem Thema Gewalt auseinanderzusetzen. Sie haben sich dazu verpflichtet, die «Istanbul-Konvention» des Europarats, die Massnahmen zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt fordert, umzusetzen. Neben der Opferhilfe spielt die Beratung von Tätern dabei eine wichtige Rolle. Die Fachstelle «KONFLIKT.GEWALT» hat sich darauf spezialisiert.

Den Menschen schätzen
Doch wer wird zum Täter? «Das sind oft Menschen, die nicht gelernt haben, sich angemessen zu wehren. Oder sie erkennen die Grenzüberschreitungen ihnen gegenüber nicht. Wenn es dann eng wird, überschreiten sie ihrerseits Grenzen. Auch mit Gewalt», erklärt Štěpaník. Seine Arbeit besteht darin, mit diesen Menschen Strategien zu erarbeiten, die zu einer gewaltfreien Handlungsweise führen: «Dazu muss ein Klient bereit sein, die hundertprozentige Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen.» Um dies zu erreichen, sind mehrere Sitzungen notwendig: «Durchschnittlich kommen die Klienten acht bis fünfzehn Mal in die Beratung. Manchmal kehren sie dann nach ein paar Monaten zurück, um das Erarbeitete aufzufrischen.»

Ein wichtiges Instrument in der Beratung sei empathisches Begleiten. «Die Klienten erzählen von sich, und ich melde ihnen zurück, was ich wahrnehme. Das ermöglicht ihnen einen differenzierten Blick auf sich selber», sagt der Fachmann.

Vor allem häusliche Gewalt
Der Berater hat vor allem mit Fällen von häuslicher Gewalt zu tun. In Schaffhausen gab es letztes Jahr rund 200 Straftaten, die unter häusliche Gewalt fielen. Die Dunkelziffer ist um ein Vielfaches höher, im Schnitt rückt die Schaffhauser Kantonspolizei fast täglich wegen häuslicher Gewalt aus. «Wie massiv jemand Gewalt ausgeübt hat, der zu uns kommt, ist unterschiedlich. ‹KONFLIKT.GEWALT› führt ein niederschwelliges Angebot. Schwere Wiederholungstäter oder Sexualstraftäter gehören in die Hände der Forensik.»

Die Beratungsstelle steht auch für Opfer offen. «Ich begleite die Klienten, um das Erlebte zu ertragen und zu verarbeiten », sagt Štěpaník. Im Wesentlichen gehe es um eins: «Mit jedem Klienten den Kontakt gestalten. Achtsam, begleitend, würdigend. Mit dem Grundsatz: Die Gewalttat ablehnen, den Menschen wertschätzen.»

Adriana di Cesare-Schneider