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Gesellschaft

Bürgerort – Schon mal dort gewesen?

29.06.2020
Auf dem Heimatschein steht der Bürgerort – Bedeutet er etwas? Nationalrätin Franziska Ryser, ehemalige Miss Schweiz Linda Fäh und Kirchenrätin Barbara Damaschke erzählen.

Sympathisch in Erinnerung

«Geboren und aufgewachsen in St. Gallen, fühle ich mich stark in der Ostschweiz verankert: Mein Vater stammte aus der Stadt St. Gallen, meine Mutter wuchs im Rheintal auf. Doch meine Bürgerorte – Basel Stadt und Niederönz im Kanton Bern – erinnern an viel frühere Stationen meiner Vorfahren. Niederönz ist der ursprüngliche Bürgerort der Familie Ryser. Basel kam später als Wohnort meines Ururgrossvaters hinzu. Als die Familie Ryser in den letzten 150 Jahren über Winterthur nach St. Gallen wanderte, hatte der Bürgerort bereits an Bedeutung verloren.

Als ich zwölf Jahre alt war, nahm meine Tante mich und meinen Zwillingsbruder an einem Wochenende mit ins Berner Oberland. Wir hielten in Niederönz an und besichtigten die (sehr kleine) Gemeinde an der solothurnischen Grenze. Wir kehrten im einzigen Restaurant ein, und als wir uns als Bürger dieser Gemeinde zu erkennen gaben, wurde der Gemeindepräsident aus dem Nachbarhaus herbeigerufen. Er bestätigte, dass die Hälfte der Niederönzer Familien Ryser heissen – mit dem typischen berneroberländischen y. Die kleine Gemeinde ist mir sympathisch in Erinnerung. Doch meine Heimat ist St. Gallen. Der Ort, an den Erinnerungen geknüpft sind: der erste Schultag, die juvenilen Streifzüge durch die Stadt, die vielen Samstage beim Unterschriftensammeln auf der Strasse. Der Ort, an dem ich meine ersten politischen Erfahrungen gesammelt habe. Der Ort, an dem man durch die Strassen geht und nicht nur Menschen, sondern Bekannte antrifft. Der Ort, an dem mein Grossvater unser Familienunternehmen aufgebaut hat. Der Ort, an dem meine Familie zu Hause ist.»

Franziska Ryser, Nationalrätin Grüne, St. Gallen

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Linda-Fäh-Weg als Geste

«Mein Bürgerort ist Benken SG. Und ob ich ihn kenne. Hier bin geboren und aufgewachsen, habe bis zu meinem 22. Lebensjahr gelebt. Da ich dort aufgewachsen bin und meine Freizeit verbracht habe, ist der Bezug zu meinem Heimatort sehr gross. Hier habe ich viel mit meinen Freunden erlebt, bin um den ‹Benkner Büchel› Inline-Skates und Velo gefahren, ging spazieren oder in der Linth baden. Noch heute besuche ich dort regelmässig meine Eltern und meine Grossmutter, die nach wie vor in Benken wohnen. Benken bedeutet für mich definitiv ein Stück Heimat. Viele Erinnerungen verbinden mich mit Benken und meiner Familie. Ich fühle mich dort immer noch ein Stück weit zu Hause. Die Gemeinde hat mir 2009, als ich Miss Schweiz geworden bin, einen ‹Linda-Fäh-Weg› geschenkt. Das Stras-

senschild steht nun bei meinem Elternhaus, wo ich aufgewachsen bin. Diese Geste ist sehr schön, zeigt den Stolz der Gemeinde auf das, was ich damals erreicht habe.
Es ist auch eine starke Verbundenheit mit dem Dorf vorhanden. Die Menschen grüssen mich auf der Strasse, freuen sich und sind stolz, dass eine Benkerin, eine von ihnen, den Weg ins internationale Showgeschäft geschafft hat. Heimat ist für mich da, wo man sich zu Hause fühlt, und es kann auch ein Gefühl von Liebe zu einem Menschen sein, bei dem und mit dem man sich zu Hause fühlt. Aber auch die Schweiz – mein Land – ist für mich Heimat.»

Linda Fäh, Sängerin, wohnt am oberen Zürichsee

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Erste Frau mit Stipendium

«Meine Bürgerorte sind St. Gallen und Mogelsberg. Darin spiegelt sich meine Biografie wider. In einem St. Galler Quartier aufgewachsen, fühle ich mich dieser Stadt, in der meine Vorfahren seit Generationen wohnten, heimatlich verbunden. Viel Prägendes habe ich in St. Gallen erlebt, während meiner Kindheit und Jugend. In der Gallusstadt haben wir geheiratet, hier sind unsere Kinder zur Welt gekommen. Durch mein Amt als Kirchenrätin bin ich heute noch regelmässig in St. Gallen anzutreffen.

Während meines Theologiestudiums kam Mogelsberg wieder mehr in den Fokus. Obwohl ich diesen Ort – und sein ehemaliges Hallenbad! – seit Kindheitstagen kannte, fand ich im Studium einen neuen Zugang. Vor fast 400 Jahren haben nämlich Reformierte aus dem Obertoggenburg die Evangelisch-Toggenburgische Stipendienstiftung gegründet. Noch heute haben die Geschlechter Bösch, Bräker, Giger, Grob und Looser Anteil an dieser Stiftung. Sie erleichtert den Nachkommen das Studium der Theologie durch ein Stipendium. Es fiel mir die Ehre zu, als erste Frau in den Genuss eines solchen Stipendiums zu kommen. Aufgrund dieser Stiftung lässt sich die Familie Bösch zurückverfolgen. Bevor sie nach Mogelsberg «ausgewandert» ist, war sie in Kappel (Ebnat-Kappel) heimatberechtigt, wo mein Mann und ich ordiniert wurden.

Nicht nur meine Vorfahren väterlicherseits, auch jene mütterlicherseits prägten mich – mitsamt ihren Erzählungen. So schloss sich ein Kreis, als mein Mann und ich ins Pfarramt in Hemberg gewählt wurden, weil schon meine Urgrosseltern dort gelebt hatten. Wegen einer Gemeindefusion heisst unser Bürgerort nun «Neckertal». Falls auch noch Hemberg dazustossen sollte, werden wir vielleicht bald in unserer Heimatgemeinde leben.

Von der deutschen Familie meines Mannes habe ich gelernt, dass der Verlust von Heimat – als Kriegsfolge – noch viele Generationen nachwirken kann.»

Barbara Damaschke-Bösch, Pfarrerin, Hemberg

 

Kirchenbote SG, Juli-August 2020

 


Von Jürg Hartmann erfasst am 06.01 2020 09:42

Fragen an...

Fragen an Buddha, Fragen an Allah, Fragen an Gott, Fragen an Manitou, Fragen an Mohammed, Fragen an das Göttliche im Menschen: Wenn ich mir vorstelle, das Göttliche würde mir gegenübersitzen, was wäre dann? So setze ich mich hin und bitte das Göttliche, mir gegenüber Platz zu nehmen. Die Stühle sind bequem, sehr geeignet, ganz hier zu sein. Ganz. Da sitzen wir zwei, schweigsam, nachdenklich aber ganz da. Mich sieht man gut, mich erkennt man gut, das Göttliche aber lässt weder Worte noch Bilder zu, denn in Worte und Bilder gefasst ist das Göttliche nicht mehr göttlich sondern menschlich. Für unsere Kinder sind die Bilder wichtig und notwendig, für erwachsene Menschen bezweifle ich das ernsthaft. Die Antworten aber, die kann ich hören, vielleicht auch wahrnehmen, das reicht, muss reichen. Und so komme ich zu meiner ersten Frage: «Ich weiss, ich könnte Dich jetzt fragen, warum Du all das Schreckliche, Böse und Teuflische auf dieser Welt zulässt, die Kriege, die Gewalt, Vernichtung und Tod. Doch genau diese Frage stelle ich jetzt nicht. Ich versuch’s also andersherum. Ich frage Dich und nur Dich: Wie kommt es denn, dass wir Dich immer wieder fragen, was ich fragen könnte wie oben erwähnt. Wie also kommt das?» Das Göttliche ist irgendwo im Raum, meine ich, seine Stimme aber kann ich klar und deutlich hören, das ist die Hauptsache, und damit höre ich auch seine Antwort. ES sagt: «Deine Frage ist gut, lieber Mensch, ich denke nach. Kannst Du Dir vorstellen, welcher Art meine Gedanken hier sind?» Ich bin überrascht. Da stelle ich ihm eine meiner ganz wichtigen Fragen und nun soll ich mir vorstellen, was ES meint, was ES denkt. Komisch, ungewohnt, ich weiss nicht recht und bin verwirrt. So antworte ich: «Du siehst, Deine Antwort macht mich wirr, die Worte in meinem Kopf fliegen kreuz und quer und suchen nach einer Ordnung. Das will nun heissen, ich denke nach, ich denke laut nach, dann kannst Du meine Gedanken gleich mithören. Also: Deine Antwort wirkt, ich beginne zu suchen, suche jedoch bei mir und in mir. So weit bin ich im Moment.» Das Göttliche antwortet sofort: «Ganz genau, Du hast es erkannt denn Du suchst bei Dir. Du suchst nicht in den Wolken, hinter denen Du mich vermutest, Du suchst nicht beim Papst, meinem angeblichen Stellvertreter auf Erden, Du suchst nicht aussen, sondern innen, das ist der Punkt!» Damit bin ich wieder allein im Raum, allein mit meinen Fragen, ganz auf mich zurückgeworfen, auf mich gestellt. Vielleicht ist das der Punkt, vielleicht ist das die Antwort des Göttlichen an mich: «Geh auf die Suche, immer wieder, und suche in Dir, mit Dir und natürlich auch zusammen mit anderen Menschen. Doch bleib auf der Suche, immer.»

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