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Kirche

«Religion ist immer noch ein wesentlicher Faktor für viele»

24.08.2020
Digitalisierung und Religion: Diese grossen Themen prägen einen neuen Forschungsschwerpunkt. Der Leiter Thomas Schlag sagt im Interview, wie und wozu geforscht wird.

Thomas Schlag, Sie haben Grosses vor mit dem Forschungsschwerpunkt «Digital Religion(s)». Der inhaltliche Rahmen scheint enorm breit gefasst.
Ja, die Thematik digitaler Religionen selbst ist enorm breit. Irgendwie verbindet sich dynamisch alles mit allem. Denn hier kommen sehr unterschiedlich eng miteinander verbundene Praktiken und Sichtweisen ins Spiel. Man muss sich ja allein den engen Zusammenhang zwischen den technischen Möglichkeiten eines konkreten digitalen Mediums und der jeweiligen religiösen Praxis vor Augen führen: Blogs und Chatforen haben eine andere Zielsetzung und Reichweite als Website-Auftritte oder Youtube-Videos. Interaktive Netzwerkbildungen haben andere Ausstrahlungskraft als Formen der passiven Nutzung.

Welche Disziplinen werden mitforschen?
Wir werden von verschiedenen Seiten her und dabei zugleich interdisziplinär gebündelt forschen. So sind an unserem Projekt in der ersten vierjährigen Phase insgesamt zwölf Lehrstühle der Universität Zürich miteinander verbunden. Das heisst: Projekte aus den Bereichen von Theologie und Religionswissenschaft, Religionspädagogik und Spiritual Care, (Computer-)Linguistik, Medien- und Kommunikationswissenschaft, Soziologie und Recht.

Welches sind die wichtigsten Themen?
Wir unterscheiden grundsätzlich zwei Themenfelder: digitale religiöse Praxis «nach innen» und «nach aussen». Im ersten Feld geht es vor allem um neue Kommunikationsformen von Individuen und um neue Gemeinschaftsbildungen, etwa durch digitale Netzwerke oder neue interne Kommunikationsformen. Hier fragen wir danach, was im Kernbereich religiöser Identitätsbildung passiert.
Im anderen Feld wird untersucht, wie religiöse Gemeinschaften in den Bereichen von Bildung, Spitalseelsorge oder bei medialen Auftritten die digitalen Möglichkeiten technisch für sich nutzen und wie sich dadurch die bisherige öffentliche Relevanz verändert.

Die Breite des Rahmens lässt aber erahnen, dass noch mehr dazukommt.
Ja, quer zu allem stellen sich viele rechtliche und politische Fragen im Bereich der Religions- und Meinungsfreiheit. Man denke nur an das problematische Phänomen von religiöser «hate speech» oder fundamentalistischen «Filterblasen», in denen man die eigenen Vorurteile permanent weiterschürt und von anderen bestätigt bekommt. Es geht insofern immer auch schlichtweg um Aspekte des Datenschutzes und der religiösen Privatsphäre.

Wie ist es zum Forschungsschwerpunkt gekommen?
Religion in einer «Kultur der Digitalität» befindet sich in einem sehr starken Transformationsprozess. Und durch die Coronakrise zeigt sich nun das, was wir schon länger beobachten, besonders stark: Die bisherigen klassischen Formen von Begegnung und Beziehung – man denke nur an den Sonntagsgottesdienst oder das traditionelle Gemeindeleben – verändern ihren Aggregatszustand.
Im digitalen Medium werden tagtäglich neue Glaubensfragen sozusagen in Echtzeit gestellt. Seelsorgliche Anteilnahme findet per Twitter «vor aller Augen» statt. Predigtideen werden nicht mehr alleine am eigenen Schreibtisch, sondern durch die Gesprächspartner im Netz entwickelt. Und selbst religiöse Feiern und Feste veranschaulicht man per Livestream.

Welche Schlüsse ziehen Sie daraus?
In all dem zeigt sich: Religion ist immer noch ein wesentlicher Faktor für viele Menschen. Gefühlsmässig, kulturell, aber auch intellektuell.
Aber der Austausch darüber findet eben häufig nicht mehr an zentralen «kirchlichen Orten» statt, sondern er sucht sich ganz neue Formen. Das sind aber nicht einfach Verflüssigungen oder pure individuelle Geschmacksäusserungen. Sondern es bilden sich ganz neue Beziehungsnetze heraus. Und dies oft in einer spannenden Mischung aus Online- und Offline-Begegnungen. Deshalb ist es für uns als Forschende sehr spannend, diesen neuen religiösen Realitäten näher nachzugehen.

Was wollen Sie mit den Resultaten dieser Forschung erreichen?
Inhaltlich gesehen: Das Erscheinungsbild und die Praxis von Religion überhaupt verändern sich kolossal aufgrund der digitalen Entwicklungen. Das hat Auswirkungen sowohl gesellschaftlicher Art wie für die religiösen Institutionen selbst – keineswegs nur für die christlichen Kirchen. Und es beleuchtet auch viele theologische Fragen neu, etwa nach der Gegenwart Gottes im virtuellen Raum, nach der «Echtheit» von religiöser Gemeinschaft via Videoscreen oder der Wirklichkeit der Abendmahlsworte, die man über das Headset empfängt.
Insofern stehen wir auch bereit, wenn etwa von Seite der Kirchen oder Religionsgemeinschaften danach gefragt wird, wo und wie ihre eigenen Mitglieder im Netz unterwegs sind – aber auch andere religiös interessierte Menschen.

Welcher Zeitrahmen ist für den Forschungsschwerpunkt vorgesehen?
Der Gesamtzeitraum des UFSP beträgt zwölf Jahre, aufgeteilt in dreimal vier Jahre. Allerdings ist geplant, dass daraus mittelfristig schon nach wenigen Jahren ein Kompetenzzentrum «Digital Religion(s)» am Standort Zürich entsteht. Damit wollen wir Forschung langfristig, also über diesen Zeitraum hinweg und mit internationaler Ausstrahlung betreiben.
So werden wir beispielsweise zu einigen Forschungsfragen Längsschnittstudien durchführen, um so Veränderungen der digital-religiösen Nutzung über einen längeren Zeitraum hinweg zu beobachten. Zudem werden wir im kommenden Jahr eine Assistenzprofessur einrichten, so dass zu dieser Thematik nachhaltig geforscht und auch gelehrt werden kann.

Könnte es sein, dass die digitalen Entwicklungen so rasch fortschreiten, dass die Resultate der Forschung zum Zeitpunkt der Publikation schon wieder überholt sind?
Der Forschungsschwerpunkt ist so aufgebaut, dass die Forschungsprojekte für die ersten vier Jahre feststehen. Es wird aber permanent sondiert, wo sich bereits jetzt weitere spannende Forschungsfelder abzeichnen. Ich denke hier vor allem an den Bereich der Religionspsychologie, der Politikwissenschaft und auch der ökonomischen Aspekte religiöser Digitalität. Denn wir wissen, dass grosse religiöse Gemeinschaften natürlich auch ökonomische Machtinteressen mit ihren Netzwerkangeboten verbinden.
Zudem wird ein sogenannter «Seismographic Think Tank» eingerichtet. In diesem finden sich ExpertInnen aus Technologie, Medien, Digital-Unternehmen, aber auch Politik, Medien und den Religionsgemeinschaften zusammen. Dieser Think Tank soll etwa Neuerungen im Bereich technischer Innovationen frühzeitig identifizieren. Dadurch sollen Änderungen digitaler Praxis möglichst früh sondiert werden.
Durch all dies sollen weitere wichtige Forschungsfragen identifiziert werden. Und es geht uns auch um die Beratung politischer und religiöser Stakeholder. Denn es kann sowohl «nach innen» wie «nach aussen» niemandem egal sein, wie sich Religion in der pluralistischen digitalen Gesellschaft artikuliert und was sie als echte oder vermeintliche Wahrheiten öffentlich kommuniziert.

Marius Schären, reformiert.info

Der Forschungsschwerpunkt «Digital Religion(s)»
An der Uni Zürich leitet der Theologe Thomas Schlag gemeinsam mit einem interdisziplinären Team den universitären Forschungsschwerpunkt (UFSP) «Digital Religion(s). Communication, Interaction and Transformation in the Digital Society». Die Forschenden untersuchen, wie sich die religiöse Praxis von Individuen und Institutionen durch die Digitalisierung verändert ­– am Beispiel des Gottesdienstes, der Seelsorge, der Trauerbegleitung und religiöser Netzwerkbildung. Aus der Perspektive verschiedener Disziplinen wird erforscht, wie Religionen ihren Deutungsanspruch in Fragen zu Gesundheit, Bildung, aber auch des Transhumanismus und der Künstlichen Intelligenz öffentlich kommunizieren und geltend machen.

Beispiel: Digitale Trauer
Ein stark miteinander verbundenes, linguistisches und theologisches Projekt untersucht, wie Menschen ihre Trauer digital im Internet zum Ausdruck bringen und ihr Beileid gegenüber den Angehörigen einer geliebten Person oder eines anderen tragischen Ereignisses ausdrücken. Untersucht werden sogenannte digitale Friedhöfe auf ihre Ausdrucksformen religiöser Praktiken hin, und dies zugleich in historischer wie theologischer Perspektive. Damit soll zu einem besseren Verständnis der Transformation des Umgangs mit der existentiellen Frage des Todes beigetragen werden.

Beispiel: Medienkompetenz interreligiös
In einem anderen Projekt wird die Frage aufgeworfen, wie an unterschiedlichen Bildungsorten –vor allem in Schule, Gemeinde und Öffentlichkeit – digitale Medienquellen in einer interreligiösen Perspektive genutzt werden. Es geht dann um nicht weniger als die Frage der Medienkompetenz gerade im Umgang mit religiösen Inhalten. Damit stellt sich die weitergehende Frage, durch welchen Medieneinsatz bestehende Konflikte möglicherweise gerade forciert werden, positiv gewendet: wie der kompetente Gebrauch digitaler Ressourcen zur interreligiösen Kommunikation und zum Dialog beitragen kann.