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Kirche

Vermehrt geraten auch Kirchen ins Visier von Vandalen

25.08.2020
Zerstörungswut macht auch vor Kirchen nicht halt. Dies ist ein verhältnismässig neues Phänomen: Noch vor zehn, fünfzehn Jahren war die Hemmschwelle, sakrale Bauten zu beschädigen, meist zu gross.

Eine Kirche abfackeln? An den altehrwürdigen Mauern Sprayereien anbringen? Den Abendmahlstisch mit okkulten Zeichen beschmieren? Ins Weihwasserbecken urinieren? Auf Krippenfiguren herumtrampeln? Solches kannte man bisher eigentlich nur von besonders verworfenen Protagonisten aus Film und Roman. Eine tief eingepflanzte kulturelle Hemmung liess die Menschen in der Realität davor Abstand nehmen, ihre Zerstörungswut auch an Kirchen auszuleben.

Das hat sich nun geändert. Seit rund zehn Jahren ist europaweit zu beobachten, dass die Hemmschwelle sinkt. In Frankreich etwa wird seit 2008 erfasst, wie viele Delikte sich gegen religiöse Stätten richten. In diesem Zeitraum habe sich die Zahl verdreifacht, auf landesweit jährlich rund 1000 Fälle in Kirchen und auf Friedhöfen, zitiert die BZ das französische Innenministerium. Meist handle die jugendliche Täterschaft nicht aus ideologischen Gründen, oft sei Alkohol im Spiel. Am stärksten betroffen sind katholische Kirchen, allein aufgrund ihrer grossen Zahl: 45'000 gibt es in Frankreich insgesamt, und jeden Tag werden zwei davon beschädigt.

Ideologische Gründe?
Auch in Deutschland beobachtet man das relativ neue Phänomen mit Besorgnis. Laut Katholischer Nachrichtenagentur weist die Statistik seit 2010 jedes Jahr mindestens 2000 Fälle aus. Betroffen sind nebst katholischen auch evangelische Kirchen wie etwa die Leipziger Thomaskirche, wo in der letzten Silvesternacht 25 Scheiben eingeschlagen wurden. Jakob Koch, Kulturreferent der Deutschen Bischofskonferenz, äusserte sich Anfang Jahr in einem Gespräch auf Deutschlandfunk Kultur: Er sieht in diesen Akten der Zerstörung nicht alkoholbefeuerten Jugendvandalismus, sondern einen ideologisch motivierten Bildersturm. Das sei aus den übereinstimmenden Tatmustern zu erkennen: enthauptete Heiligen- und Christusstatuen, zu Boden geworfene Kruzifixe, eine Christus-Figur, der man mit einem Feuerzeug die Augen auskohlte, zudem Schmierereien mit Hakenkreuzen, satanistischen oder okkulten Symbolen.

In den letzten Jahren sind auch in der Schweiz Fälle bekannt geworden. Hier scheinen sie sich noch in Grenzen zu halten, zu nennen sind etwa der Brandanschlag auf die Solothurner Kathedrale, Brandstiftung in der reformierten Kirche in Wahlern BE, satanistische Schmierereien in einer Basler und die Entweihung des Weihwassers in einer Aargauer Kirche.

Auch die reformierte Pasquartkirche in Biel ist laut Nadine Manson, der Beauftragten für Liturgie in der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS), «mehrmals geschändet worden». Der dortige Sigrist Vincent Kühni berichtet von mehrmals eingeschlagenen Fensterscheiben, zudem von einem Farbanschlag mit einem satanistischen Wort. Auch hielten sich in der Umgebung der Kirche Fixer auf, was ebenfalls zu Problemen führe.

Rebellion gegen das Establishment
Protokolliert werden solche Vorfälle bei der EKS nicht. Dass sie vorkommen, ist unbestritten – das Warum lässt sich jedoch nicht so einfach erklären. Nicht zuletzt, weil Kirchenvandalismus in der Schweiz noch nicht gerade an der Tagesordnung ist und die Täterschaft auch nicht systematisch befragt wird. «Meist steht bei der Polizei der Aspekt der Sachbeschädigung im Vordergrund, nach den Hintergründen und Motiven wird eher nicht gefragt», sagt die Ethnologin und Religionswissenschaftlerin Eva Baumann-Neuhaus vom Schweizerischen Pastoralsoziologischen Institut. Deshalb lasse sich über die Gründe, warum Kirchen beschädigt würden, im Moment nur spekulieren. Es komme auch immer darauf an, wer die Schäden verursache, ob Jugendliche, Erwachsene, psychisch Kranke oder ideologisch Motivierte.

«Bei Jugendlichen mag der Wunsch eine Rolle spielen, gegen das Establishment zu rebellieren oder in der eigenen Gruppe wahrgenommen zu werden. Ist Alkohol im Spiel, kann dies schon mal zu Verwüstungen in einer Kirche führen, nicht zuletzt, weil es hier meist keine Überwachungskameras gibt», sagt Baumann-Neuhaus. In Einzelfällen seien auch antichristliche oder ideologische Hintergründe möglich. Noch vor wenigen Jahrzehnten sei es ein gesellschaftlich verankertes No-Go gewesen, eine Kirche zu beschmieren und anderweitig zu beschädigen. Heute sei diese Grenze aufgeweicht, denn immer mehr Leuten werde die Religion immer fremder, und sakrale Räume hätten den Nimbus des Unantastbaren und gewissermassen «Heiligen» verloren.

Hans Herrmann, reformiert.info