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Politik

Bergkarabach-Konflikt

Angst vor regionaler Ausdehnung

06.10.2020
In Bergkarabach eskalieren die Kämpfe. Der jüngste Konflikt überrascht den armenischen Theologen Harutyun Harutyunyan nicht. Jedoch aber die Schlagkraft und die moderne Technik.

«Wir befinden uns im Krieg», sagt Harutyun Harutyunyan zu «reformiert.» am Telefon. Der in Jerewan lebende Theologe arbeitet als selbständiger Berater und Projektentwickler bei der Syunik-Development NGO und der Diözese der Armenischen Apostolischen Kirche in Vayots Dzor, Armenien. «Wir spenden Blut, sammeln Hilfspakete für Zivilisten und Soldaten in Bergkarabach.» Lebensmittel, Medikamente, Hygieneartikel und Spielzeug für Kinder. Freunde Harutyunyans sind als Seelsorger vor Ort im Einsatz und bringen Kinder, die sich vor den Bunkern fürchten, nach Jerewan, wo sie von Gastfamilien aufgenommen würden.

Politiker fordern Waffenruhe
Neun Tage nach Beginn der heftigen Kämpfe um Bergkarabach im Südkaukasus spitzt sich der Konflikt weiter zu. Armenien und Aserbaidschan beschuldigten sich gegenseitig, gezielt Zivilbevölkerung und Infrastruktur unter Beschuss zu nehmen. Das armenische Aussenministerium warf den aserbaidschanischen Truppen vor, bei Angriffen «bewusst die Zivilbevölkerung anzugreifen». Der aserbaidschanische Präsidentschaftsberater Hikmet Hadschijew twitterte am Sonntagabend, armenische Streitkräfte hätten Raketenangriffe gegen «aserbaidschanische Zivilisten und zivile Infrastruktur» geflogen.

Zuvor hatte sich Armenien zu Waffenstillstandsverhandlungen mit Aserbaidschan bereit erklärt. Armenien stehe für Gespräche über eine Waffenruhe innerhalb der sogenannten Minsk-Gruppe der Organisation für Zusammenarbeit und Entwicklung in Europa (OSZE) zur Verfügung, teilte das armenische Aussenministerium in der Hauptstadt Jerewan mit. Derweil forderte die aserbeidschanische Regierung Armenien auf, alle Truppen aus der umkämpften Region abzuziehen. «Wenn Armenien ein Ende dieser Eskalation will, muss es die Besatzung beenden», sagte der aussenpolitische Berater von Präsident Ilham Alijew, Hikmet Hadschijew.

In einer gemeinsamen Erklärung von letzter Woche hatten die Präsidenten Russlands, der USA und Frankreichs die militärische Gewalt in der Kaukasusregion verurteilt. Sie forderten Armenien und Aserbaidschan dazu auf, die Kämpfe sofort einzustellen und eine Waffenruhe einzuhalten. Zudem sollten die beiden Länder diplomatische Verhandlungen unter Vermittlung der OSZE aufnehmen.

Gegenseitige Schuldzuweisungen
Der seit Jahren schwelende Konflikt um Bergkarabach mit seinen etwa 150’000 Einwohnern war am 27. September wieder in Gewalt umgeschlagen. Nach armenischen Angaben sind mehr als 200 Menschen getötet worden. Aserbaidschan zählte zuletzt nach eigenen Angaben 19 tote Zivilisten und 60 Verletzte. Sowohl Armenien als auch Aserbaidschan hatten in den ersten Tagen der Auseinandersetzung das Kriegsrecht verhängt. Die Nachbarstaaten machten sich gegenseitig für die Eskalation verantwortlich.

Harutyun Harutyunyan zeigt sich nicht überrascht von der neusten Eskalation. Diese begann in seinen Augen bereits vor drei Monaten: Vom 12. bis zum 21. Juli brach eine militärische Auseinandersetzung direkt an der armenischen Grenze in der Region Tawusch aus. Zudem fand im Juli die grösste gemeinsame Militärübung von der Türkei und Aserbeidschan auf aserbeidschanischem Territorium statt.

Was Harutyunyan hingegen überrascht, ist die Technik und die Schlagkraft: «Während wir es in früheren Auseinandersetzungen mit kleinem Kaliber und Scharfschützen zu tun hatten, wird jetzt ein noch gewalttätigerer  Krieg mit modernsten Waffen und Flugzeugen geführt.» Am Abend vor dem Telefoninterview hätten sich sieben aserbaidschanische Überwachungsdrohnen der armenischen Hauptstadt genähert, so der Theologe. Vier seien gemäss dem armenischen Verteidigungsministerium abgeschossen worden.

Auch Stefan Kube, Theologe und Chefredaktor bei «Religion und Gesellschaft in Ost und West» zeigt sich überrascht über die Heftigkeit der Auseinandersetzung. «Armenien und Aserbeidschan gehören heute zu den zehn stärksten militarisierten Ländern in Relation zur Bevölkerungs- und Wirtschaftsgrösse», sagt Kube.

In den letzten Jahren flossen viele Petrodollars in die Kassen der aserbeidschanischen Regierung. Diese wurden genutzt, um das Militär mit Waffen aus Russland, der Türkei, Israel und anderen Ländern aufzurüsten. Ebenfalls rüstete Armenien auf, wenn auch mit deutlich weniger Mitteln.

Gefahr von regionalem Krieg
Bereits am Tag des Kriegsausbruchs warnte der armenische Präsident Nikol Paschinjan: «Wir stehen vor einem allumfassenden Krieg im Südkaukasus», sagte er in seiner Rede an die Nation. Dieser Krieg könnte für die gesamte Region des Südkaukasus und möglicherweise auch darüber hinaus «unabsehbare Folgen haben». Dieser Meinung ist auch Harutyun Harutyunyan. «Ich hätte von Russland eine deutlichere Stellungnahme für Armenien erwartet», sagt der Theologe. «Doch da kam nichts. Da wussten wir, da müssen wir alleine durch.»

Russland gilt historisch als Armeniens Schutzmacht. Es betreibt in Armenien eine Militärbasis und hat bis zu 5000 Soldaten vor Ort. Zudem unterzeichnete Russland verschiedene Abkommen, die es bei einer grösseren bewaffneten Auseinandersetzung im Gebiet zur militärischen Zusammenarbeit mit Armenien verpflichtet. «Die Gefahr eines regionalen Konfliktes ist möglich», sagt auch Stefan Kube. Doch er glaubt, dass Russland kein Interesse an einem Krieg im Südkaukasus habe.

Eine wichtige Rolle spielt in der Auseinandersetzung die Türkei. Sie unterstützt das muslimische Aserbeidschan. Die Türkeispezialistin Amalia van Gent beobachtete, dass der türkische Präsident auch im Südkaukasus so vorgeht, wie in anderen Regionen auch, wenn er sein Land als Regionalmacht etablieren will. «Zunächst deklariert es ein Gebiet seiner Nachbarschaft, ob in Syrien, dem Nordirak, im östlichen Mittelmeer oder in Libyen, zur Einflusszone der Türkei. Daraufhin erklärt die Politik, dass in diesem Gebiet die vermeintlichen nationalen Interessen der Türkei oder ihrer Alliierten bedroht seien. Schliesslich setzt die türkische Armee ihre inzwischen gut geölte Kriegsmaschinerie in diesem Gebiet ein», schreibt Amalia van Gent auf Infosperber.ch. 2010 hatte Ankara ein Abkommen unterschrieben, Aserbeidschan im Kriegsfall zu unterstützen.

Verschiedene Quellen bestätigen, dass in der aktuellen Eskalation in Bergkarabach auch Dschihadisten aus Syrien kämpften. Nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte seien bei Kämpfen mindestens 28 protürkische syrische Kämpfer getötet worden. Sie gehörten zu insgesamt rund 850 Kämpfern, die Ankara zur Unterstützung der aserbaidschanischen Truppen in die Region entsandt habe.

Trauma vom Genozid
Gemäss Harutyunyan gibt es heute viele Armenier, die sich vor der neoosmanischen Ideologie fürchten, die von der Türkei verbreitet wird. Diese erhebt den Anspruch, dass die Türkei ihre Grenzen ausweiten würde wie zur Zeit der grössten Ausdehnung des Osmanischen Reiches: vom mittelasiatisches Hochgebirge Altai, über den Balkan, grosse Teile Arabiens bis hin zu weiten Teilen Nordafrikas.

«Inmitten dieses Reiches wäre dann das kleine christliche Land Armenien zweifellos unterdrückt – oder noch schlimmer, es würde vollständig aufgelöst», sagt Harutyunyan. «Wenn wir diesen Krieg nicht durchhalten, werden wir endgültig vernichtet», so der Theologe und spricht damit den Völkermord der Jungtürken an den Armeniern von 1915 an. «Bei vielen Armeniern kommt auch jetzt wieder das Trauma des Genozides hoch.»

Nicola Mohler, reformiert.info

Der Konflikt
Blutige Zusammenstösse zwischen den beiden Volksgruppen Armenier und Aseris ereigneten sich bereits in den Jahren der beiden russischen Revolutionen 1905 und 1917-20. Obwohl die Region schon immer mehrheitlich von Armeniern bewohnt war, sprach 1921 Stalin das Gebiet von Bergkarabach der Sowjetrepublik Aserbaidschan zu. 1988 erklärten die armenischen Bewohner der Autonomen Republik Nagorny-Karabach ihre Abspaltung der «Aserbaidschanischen Sozialistischen Sowjetrepublik». Einseitig erklärten sie ihre Vereinigung mit der «Armenischen Sozialistischen Sowjetrepublik». Dieser Entscheid wird international allerdings nicht anerkannt. Völkerrechtlich gilt Bergkarabach als Teil Aserbaidschans – während Armenier ihr völkerrechtliches Prinzip «den Schutz der Völker» geltend machen.
Anfang der 1990er Jahre folgte ein Krieg zwischen dem christlichen Armenien und dem muslimischen Aserbeidschan, der rund 30'000 Menschen das Leben kostete und die grösste Fluchtbewegung im Südkaukasus zur Folge hatte: Die ehemalige Minderheit der 400'000 Armenier Aserbaidschans wurde durch Pogrome und Massaker zur Flucht gezwungen. Gleichzeitig waren 200'000 ethnische Türken gezwungen, Armenien zu verlassen, obwohl sie seit Generationen dort lebten.
Als Vermittler tritt seit 1992 die Minsker Gruppe der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) auf. Seit 1997 steht sie unter der Leitung von drei Ko-Vorsitzenden aus den USA, Russland und Frankreich. 1994 vermittelte Russland einen Waffenstillstand, der von beiden Seiten unterzeichnet wurde. Seither gilt der Konflikt in Bergkarabach als ein «frozen conflict», ein sogenannter eingefrorener Konflikt. Ein nachhaltiger Friedenszustand wurde allerdings nicht erreicht. Entlang der Waffenstillstandslinie kam es immer wieder zu Schusswechseln und seit April 2016 auch zu erneuten gewaltsamen Zwischenfällen.

Die Armenische Apostolische Kirche
Gemäss dem Erzbischof Pargev Martirosyan von Karabach wurden 1921 nach der Übergabe Stalins von Bergkarabach an die Aserbaidschanische Sowjetrepublik innerhalb von neun Jahren Klöster und Kirchen im Gebiet geschlossen. «Dadurch sind die hiesigen Armenier unter einen doppelten Druck geraten: einerseits sowjetisch-atheistisch und andererseits aserbaidschanisch-nationalistisch», sagt der Erzbischof im Gespräch mit Harutyun Harutyunan. 1989 wurde die Diözese der Armenischen Apostolischen Kirche wiedereröffnet. In den letzten 31 Jahren seien insgesamt 90 Gotteshäuser restauriert und neu gebaut worden.
Im Gespräch mit Harutyunyan äussert sich der Erzbischof auch zum aktuellen Konflikt: «Unsere Kirche war immer gegen jeden Krieg. Wir waren immer dafür, die strittigen Punkte friedlich gemeinsam an einem runden Tisch zu lösen. Das gleiche hat auch der Scheichülislam von Aserbaidschan während unserer mehreren Treffen wiederholt. Ich sage also immer, dass dies kein Heiliger Krieg ist, sondern dass es bei diesem Konflikt um elementare Menschenrechte geht. Deshalb waren sowohl unsere Seite als auch der Scheichülislam dafür, dass man diese Frage baldmöglichst und friedlich klärt.»
Ganzes Gespräch mit Erzbischof Pargev Martirosyan