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Von guten Mächten wunderbar geborgen

von Silvana Pasquier
min
23.11.2020
Weihnachten ist die hohe Zeit der Engel. Sie glänzen auf Karten, hängen am Christbaum und wachen neben der Krippe. Doch wer sind diese unsichtbaren Wesen, an die gemäss Umfrage grosse Teile der Bevölkerung glauben?

In der Weihnachtszeit haben sie wieder Hochsaison. Unzählige goldene Himmelswesen flattern durch die Läden, um all jenen Freude zu verkünden, die trotz Corona-Pandemie auf guten Umsatz hoffen. Doch Engel feiern nicht nur an den Festtagen hohe Zeit. Sie wandeln auf Erden und in der Bibel, sie helfen, retten oder verschiessen kleine Liebespfeile. Die Filmbranche hat die Unsichtbaren in Filmen wie «Der Himmel über Berlin» und «Ist das Leben nicht schön» für die Leinwand sichtbar gemacht. Und immer wieder berichten Menschen von ihren konkreten Begegnungen mit Engeln. 

Frauen glauben häufiger an Engel als  Männer 

Eine Umfrage vom Bundesamt für Statistik stellt 2014 fest, dass 46 Prozent der Eidgenossen an Gott, aber 58 Prozent der Schweizerinnen und 37 Prozent der Schweizer an Engel glauben. In Deutschland steigt dieser Wert je nach Umfrage auf 76 Prozent. 

Auch religionsgeschichtlich gesehen sind Engel nichts Besonderes. Ja, geradezu selbstverständlich, kennen doch die meisten Religionen göttliche Boten. Das Juden- und Christentum bildet da keine Ausnahme: Allein in der Bibel sind an mehr als 250 Stellen die Boten Gottes zwischen Himmel und Erde unterwegs. An zahlreichen biblischen Schlüsselstellen treten sie auf, bei der Empfängnis der Maria und in den Träumen von Joseph. Ein Engel greift ein, als Abraham seinen Sohn schlachten will, Engel reinigen dem Propheten Jesaja bei dessen Berufung die Lippen und beschützen Daniel in der Löwengrube.  Und im Traum sieht Jakob, wie die Engel die Himmelsleiter hinauf- und hinabsteigen. 

Engel tauchen erst in der Spätzeit des Alten Testamentes auf, erklärt der Zürcher Neutestamentler Jörg Frey. Zuvor war es Gott selbst, der in der Welt wirkte. Es gehe in den biblischen Geschichten nicht so sehr um die Engel, sondern um deren Botschaft, sagt Jörg Frey. Wie etwa bei der Geburt Jesu oder der Ostererzählung. Da verkünden die Engel oder Boten, dass der Messias geboren und auferstanden sei.

In den mittelalterlichen und barocken Kirchen und im Volksglauben bildeten Engel neben den Heiligen ein zentrales Motiv. 1215 legte das 4. Lateran-
Konzil die Existenz reiner Geistwesen dogmatisch fest. 1986 betonte Papst Johannes Paul II., dass die Wahrheit über die Engel ein untrennbarer Bestandteil der zentralen Offenbarung sei.

Der Protestantismus blieb den Engeln treu und bestritt nie deren Existenz. Er verweigerte jedoch den himmlischen Boten seine Verehrung. Jean Calvin und Martin Luther glaubten an die Existenz der Engel. Der deutsche Reformator erfand das «Christkind» als pädagogischen Ersatz für den abgeschafften heiligen Nikolaus.

Bei Huldrych Zwingli hingegen spielen die Engel nur eine Nebenrolle. Der Zürcher Reformator attestierte den Engeln zwar keinen materiellen Körper, jedoch einen Verstand. So, wie die Menschen, konnten sich Engel damit auch täuschen. Irren war damit für den Zürcher nicht nur menschlich, sondern himmlisch. Mit der Aufklärung und der Moderne gerieten die Engel ins Abseits. Im Sinne der Naturwissenschaften beschäftigten sich die Akademiker mit dem Beweisbaren. Engel tauchten nur noch im Volksgut, in der Kunst und in den Kindergebeten auf. Jörg Frey warnt davor, Engel zu sehr zu verniedlichen und sie zu netten possierlichen Putten zu verklären. Engel seien personifizierte Kräfte, welche die Menschen auch in Furcht versetzen können.

Geflügelte Boten erscheinen im Traum

Erst die Tiefenpsychologie beschäftigte sich im 20. Jahrhundert stärker mit dem Phänomen der Engel. Der Pfarrerssohn C. G. Jung entdeckte in seinen Träumen diese Dimension. «Plötzlich schwebte von rechts her ein geflügeltes Wesen herbei. Es war ein alter Mann mit Stierhörnern und er trug einen Bund mit vier Schlüsseln. Er war geflügelt und seine Flügel waren diejenigen eines Eisvogels. Kurz darauf fand Jung in seinem Garten, am Zürcher Seeufer, einen toten Eisvogel. Der Analytiker war überzeugt, dass diese Traumbilder verschlüsselte Botschaften zu Ereignissen im Leben darstellen. 

Populär ist bis heute die Figur des gefallenen Engels. Im Neuen Testament, in den apokryphen Büchern bis hin zum Koran findet sich die Vorstellung vom abtrünnigen Engel, der gegen Gott aufbegehrte und dafür aus dem Himmel vertrieben wurde. Wer wie Gott sein will, landet leicht in der Hölle, so der Kern der Erzählungen. Heute geistert der gefallene Engel als Lucifer oder Satan durch zahlreiche Horrorfilme.

Geblieben ist bis heute der Engelskult. Kleine Gussengel stehen auf den Gräbern, verblichene Plastikengel hängen neben der grünen Dufttanne am Rückspiegel. Die Engel verheissen Schutz. Die Grenze sei da, wo man über die Engel verfügen wolle, warnt Pater Anselm Grün. «Gott ist unverfügbar und die Engel sind es auch.» Der Erfolgsautor hat einige Bücher zur Thematik verfasst und weiss aus der Seelsorge um die Gefahr: «Wenn man dem Gespräch mit seinem Engel mehr Zeit und Bedeutung einräumt als dem Gespräch mit seinen Mitmenschen, wird es gefährlich. Da werden die Engel für eine Flucht aus der Realität missbraucht.» 

Vielleicht seien Engel für manche Menschen hilfreich, meint Jörg Frey. «Doch wenn jemand zu konkrete Vorstellungen von den Engeln hat, macht er den Glauben zum Kinderglauben und wird diesen als Erwachsener enttäuscht abstossen. Deshalb ist der Neutestamentler beim Thema Engel zurückhaltend.

Tilmann Zuber, 23.11.2020, Kirchenbote

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