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Gesellschaft

Feministische Theologie

Doris Strahm erhält Ehrendoktorat der Uni Bern

04.12.2020
Die Theologin über die Bedeutung Feministischer Theologie und ökologischer Fragen, ihre Hoffnung auf eine weltoffene Schweiz und die Auswirkungen der Corona-Pandemie.

Frau Strahm, Gratulation zum Ehrendoktorat der Universität Bern. Was bedeutet Ihnen die Auszeichnung?
Diese Würdigung meiner langjährigen Arbeit als feministische Theologin freut mich sehr. Sie freut mich um so mehr, als ich diese Arbeit weitgehend ohne institutionelle Unterstützung gemacht habe. Ich war zwar einige Jahre als wissenschaftliche Mitarbeiterin mit dem Schwerpunkt Feministische Theologie an der Uni Fribourg tätig, habe dort auch meine Dissertation zur Christologie von Frauen aus Asien, Afrika und Lateinamerika geschrieben und hatte dann in den folgenden Jahren einzelne Lehraufträge an den Universitäten Bern, Basel, Fribourg und Luzern. Doch der Grossteil meiner feministisch-theologischen Arbeit waren Projekte, die ich selber mit anderen initiiert oder mit aufgebaut habe: die feministisch-theologische Zeitschrift FAMA, die Europäische Gesellschaft für theologische Forschung von Frauen (ESWTR), die IG Feministische Theologinnen, den Interreligiösen Think-Tank, verschiedene Forschungs- und Buchprojekte. Diese Arbeit war und ist institutionell unabhängig. Dass nun dieses «Gesamtpaket» meiner verschiedenen Tätigkeiten, auch die Vermittlung feministisch-theologischer Forschung in breitere Kreise, mit einer akademischen Auszeichnung gewürdigt wird, freut mich ungemein. Und ich sehe es nicht nur als Anerkennung meiner persönlichen Leistungen, sondern auch als Würdigung der Feministischen Theologie ganz allgemein.

An der Uni Bern hielten Sie Mitte der 1980er Jahre Vorlesungen über die feministisch-theologische Auseinandersetzung mit der traditionellen Theologie. Wie hat Sie die Zeit in Bern geprägt?
Der Lehrauftrag im Wintersemester 1985/86 an der Theologischen Fakultät der Universität Bern war äusserst prägend für meine weitere Laufbahn. Es freut mich deshalb ganz besonders, dass es nun die Uni Bern ist, die mir den Titel einer Ehrendoktorin verleiht. Es war damals der erste reguläre Lehrauftrag zur Feministischen Theologie in der Schweiz, den Studierende der Theologischen Fakultät kurz vorher erkämpft hatten. Dank dieses Lehrauftrags, der mir als junger Theologin übertragen wurde, konnte ich mich ein Semester lang intensiv mit allen Themen Feministischer Theologie auseinandersetzen. Bis dahin hatte ich dies nur neben meiner Tätigkeit als wissenschaftliche Assistentin im Fachbereich Philosophie an der Theologischen Hochschule Luzern tun können. Das Vorlesungsmanuskript dieser Einführung in Feministische Theologie, in der ich alle Kernthemen behandelte, reichte ich dann bei einem Verlag ein. 1987 wurde es im Exodus-Verlag unter dem Titel «Aufbruch zu neuen Räumen. Eine Einführung in feministische Theologie» als Buch veröffentlicht. Es fand grosses Echo, erreichte drei Auflagen, machte mich über die Schweizer Grenzen hinaus bekannt und verschaffte mir unzählige Anfragen für Vorträge, weitere Lehraufträge und Artikel. So hat meine Laufbahn als freischaffende feministische Theologin durch den Berner Lehrauftrag einen entscheidenden Schub bekommen, und wird jetzt, 35 Jahre später, von der Uni Bern gekrönt mit der Würde einer Ehrendoktorin.

Sie gelten als Pionierin der Feministischen Theologie in der Schweiz. Wieso braucht es die Feministische Theologie auch heute noch?
Weil viele ihrer Beiträge zur Transformation der patriarchalen Theologie noch immer aktuell sind, aber von der Mainstreamtheologie nach wie vor kaum rezipiert werden: so zum Beispiel ihre Entwürfe eines anderen, beziehungshaften Gottesbildes, einer ökologischen und ökofeministischen Theologie, einer gendergerechten Sprache und Liturgie, einer egalitären und nicht-dualistischen Anthropologie, um nur einige Aspekte zu nennen. Nach wie vor dominieren in christlichen Kirchen männliche Bilder von Gott, patriarchale theologische Konzepte und eine heteronormative Geschlechterordnung.

Da die christliche Religion bei uns an gesellschaftlicher Bedeutung verliert, wirft auch die Feministische Theologie momentan keine grossen Wellen mehr und ihre Zukunft ist ungewiss. Schauen wir jedoch über unseren Kontext hinaus, dann sehen wir, dass für die Mehrheit der Frauen weltweit Religion nach wie vor eine wichtige Rolle in ihrem Leben spielt und auch eine Ressource ist in ihrem Kampf für Geschlechtergerechtigkeit, Frauenrechte und Teilhabe an der politischen, gesellschaftlichen und religiösen Gestaltungsmacht. Seit meiner Dissertation zu Christologien aus der Sicht von Frauen des globalen Südens ist mir bewusst, dass Feministische Theologie nicht nur eine Sache westlicher Theologinnen, sondern eine weltweite Bewegung christlicher Frauen ist, die sich gegen die patriarchale Vereinnahmung der christlichen Religion zur Wehr setzen und sich die Interpretationsmacht über die religiösen Quellen aneignen, die jahrhundertelang allein in den Händen von Männer lag.Ich bin überzeugt, dass es Feministische Theologie weiterhin braucht. Denn noch steht aus, wofür wir gekämpft und was wir uns erhofft haben: eine Welt, in der keine und keiner benachteiligt wird aufgrund von Geschlecht, Religion, Kultur, Hautfarbe, Ethnie, Alter, sexueller Orientierung, und in der alle ein gutes Leben, ein «Leben in Fülle» haben, wie es in der Sprache der Bibel heisst.

2018 sind Sie gemeinsam mit fünf anderen Schweizer Katholikinnen wegen anhaltendem frauenfeindlichem Verhalten von Klerikern und dem kirchlichen Lehramt aus der katholischen Kirche ausgetreten. Wie ist heute Ihr Verhältnis zur katholischen Kirche?
Der Kirchenaustritt beendete eine innere Zerrissenheit, die mich seit Jahren quälte, weil ich mich als Angehörige einer zutiefst frauenfeindlichen Institution wie der römischen Amtskirche in meinem feministischen Engagement für Frauenrechte nicht mehr als glaubwürdig empfand. Persönlich fühle ich mich seit meinem Austritt deshalb von einer Last befreit. Nach jedem neuen empörenden Vorfall in der römischen Amtskirche bin ich erleichtert, dass mich dies nichts mehr angeht und ich mich nicht mehr «fremdschämen» muss. Mit meinen römisch-katholischen Kolleginnen fühle ich mich aber nach wie vor verbunden und verfolge ihren Kampf für eine Veränderung der frauenfeindlichen Strukturen solidarisch mit.

Neben Ihrer Tätigkeit als freiberufliche Theologin, als Publizistin, ehemalige Mitherausgeberin der feministischen Zeitschrift «FAMA», Buchautorin und Referentin haben Sie sich als eine der ersten Theologinnen auch interreligiösen Themen aus Gender-Perspektive gewidmet. 2008 haben Sie gemeinsam mit Amira Hafner Al-Jabaji und Gabrielle Girau Pieck den «Interreligiösen Think-Tank» gegründet. Welche Themen beschäftigen Sie diesbezüglich gerade?
Unser letztes grosses Projekt war eine interreligiöse Studie zu «Schöpfung und Ökologie» mit dem Titel «Unsere Erde – Gottes Erde?». Wir untersuchen darin den Beitrag, den die religiösen Quellen von Judentum, Christentum und Islam zur Klimadebatte, oder genauer gesagt, zu einem neuen Schöpfungsverständnis und zum dringend nötigen Wandel in unserem Verhalten zur Mitwelt leisten könnten. Die Ergebnisse unserer Studie möchten wir noch breiter in die Öffentlichkeit bringen, da wir die ökologische Frage für eine der wichtigsten theologischen Debatten der Gegenwart halten. Aktuell sind wir auch daran, einen Text zum «Antisemitismus» zu verfassen, was aber wegen der Corona-Pandemie etwas ins Stocken geraten ist. Und nächstes Jahr müssen wir uns wahrscheinlich wohl oder übel wieder mit dem leidigen Thema «Burkaverbot» befassen, zu dem wir bereits 2016 mit unserem Argumentarium «8 Gründe für ein Nein zu einem Burkaverbot» klar Stellung bezogen haben.

Im Interview in der Schweizerischen Kirchenzeitung SKZ sagen Sie, Sie wünschten sich, dass unsere Gesellschaft etwas aus Corona lernen würde – gerade im Blick auf identitätspolitische Debatten und Konstruktionen von Fremdheit, die einen gelingenden interreligiösen Dialog auf gesellschaftlicher Ebene behindern. Was kann die Pandemie uns lehren?
Die Corona-Pandemie führt uns vor Augen, dass wir eine Weltgemeinschaft sind, dass wir alle verletzlich und als Menschen in unseren elementarsten Bedürfnissen und Ängsten gleich sind, zutiefst miteinander verbunden und aufeinander angewiesen. Ich wünschte mir sehr, dass unsere Gesellschaft etwas daraus lernen könnte, gerade im Blick auf identitätspolitische Debatten und Konstruktionen von Fremdheit, die einen gelingenden interreligiösen Dialog und den sozialen Zusammenhalt behindern. So könnte die Pandemie uns lehren, wie relativ und veränderbar scheinbar unveränderbare kulturelle und sogenannt identitätsstiftende Gepflogenheiten sind. So galten bis vor kurzem das Verweigern des Händeschüttelns und das Verhüllen des Gesichts als unvereinbar mit der schweizerischen Kultur. Seit März dieses Jahres ist genau dies Teil unseres Alltagsverhaltens geworden: Das schweizerische Kulturgut des Händeschüttelns sollen wir tunlichst vermeiden und die Gesichtsverhüllung im öffentlichen Raum ist inzwischen sogar gesetzlich verordnet. Ob dies auch zu einem Umdenken in Sachen Identitätspolitik führt, wie ich damals im Interview gehofft hatte, glaube ich inzwischen leider nicht mehr. Es macht sich allmählich eine aggressive Stimmung breit, Verschwörungstheorien greifen um sich und bedienen sich der altbekannten antisemitischen und rassistischen Klischees, und die wirtschaftlichen Krisen und gesellschaftlichen Verwerfungen im Gefolge der Pandemie fördern, wie es scheint, eher Ausgrenzungsprozesse als dass sie die gesamtgesellschaftliche Solidarität stärken.

Der interreligiöse Think-Tank hatte 2014 mit «Ein neues Wir – die Schweiz im Jahr 2020» eine Vision einer anderen Schweiz entworfen. Ist die Schweiz heute in Ihren Augen weltoffen und pluralistisch und wird nicht von Angst, Abschottung und Egoismus getrieben, wie Sie dies damals erhofft haben?
Leider hat sich diese Hoffnung bisher ganz und gar nicht erfüllt. Gerade die Pandemie hat nach einer ersten Phase der gesellschaftlichen und nachbarschaftlichen Solidarität, einem Gefühl von Schicksalsgemeinschaft, wieder Angst, Abschottung, nationalen Egoismus sowie wirtschaftliche Interessen in den Vordergrund gerückt. Wen interessiert das Elend der Flüchtlinge auf den griechischen Inseln angesichts der Gefahren, die das Virus bei uns darstellt? Aber auch die innergesellschaftliche Werteskala wird wie in einem Brennglas schmerzlich sichtbar: Der Tod von alten und vulnerablen Menschen wird billigend in Kauf genommen. Sport und Tourismus werden finanziell unterstützt, während der ganze Kulturbereich offenbar nicht als systemrelevant gilt und mehrheitlich sich selbst überlassen wird. Der Bereich der Care-Arbeit gilt zwar als systemrelevant, das hat der Lockdown im März mehr als deutlich bewusst gemacht, aber eine gesellschaftliche und finanzielle Aufwertung erhalten die mehrheitlich von Frauen geleisteten die Care- und Pflegearbeiten dennoch nicht. Auch die Hoffnung, dass die Pandemie längerfristig zu einem anderen Konsumverhalten, zu weniger Mobilität, zu ressourcenschonendem Verhalten und zu einer Entschleunigung unseres Lebens führt, bekommt im Moment leider wenig Nahrung. Das alles beschäftigt mich sehr und ich sehe diesbezüglich nicht sehr zuversichtlich in die Zukunft.

Ein spezielles Jahr geht zu Ende. Welche Projekte haben Sie für 2021?
Neben meiner Arbeit im Interreligiösen Think-Tank und im Vorstand der IG Feministische Theologinnen habe ich für 2021 zusammen mit zwei Kolleginnen neu ein grösseres Projekt geplant, nämlich ein Buch zu den Anfängen und Entwicklungen Feministischer Theologie in der Schweiz. Die Idee dazu kam von einer deutschen Kollegin, die mich kontaktierte und Infos und Fakten zur Feministischen Theologie in der Schweiz für einen Lexikonartikel suchte. Ich habe dann viele Infos für sie zusammengetragen und sie meinte darauf, ob wir aus diesem reichen Material nicht eine Publikation machen wollen, da die Erinnerungen an die Anfänge schnell verblasst sind. Diese Idee hat bei mir «Klick» gemacht und ich habe mich daran gemacht, mit zwei Kolleginnen ein inhaltliches Konzept für ein solches Buch zu erstellen. Es soll darin um die Würdigung der feministisch-theologischen Bewegung in der Schweiz gehen, die schon wieder in Vergessenheit zu geraten droht, um das Erbe, das wir an die nächste Generation von jungen Theologen und Theologinnen und Frauenbewegten weitergegeben möchten. Als Autorinnen wollen wir «Zeitzeuginnen» gewinnen, das heisst Frauen, die die verschiedenen feministisch-theologischen Projekte aufgebaut haben und Protagonistinnen der Bewegung in der Schweiz waren. Es geht uns nicht um eine objektive und allumfassende Darstellung der Geschichte der Feministischen Theologie in der Schweiz, sondern um Innensichten der Beteiligten – um «Oral History». Wir haben unser Konzept bereits an einen Verlag geschickt. Er ist von unserem Projekt überzeugt und will das Buch herausbringen. Dieses Projekt wird mich im 2021 beschäftigen und ich freue mich darauf, mit diesem Buch zur Würdigung der feministisch-theologischen Bewegung in der Schweiz beizutragen.

 Nicola Mohler, reformiert.info

Doris Strahm, 67
Die Theologin und Publizistin studierte Evangelische Theologie, Psychologie und Pädagogik in Zürich und Katholische Theologie in Luzern und Freiburg. Sie war Mitgründerin und Mitherausgeberin der feministisch-theologischen Zeitschrift FAMA, Mitgründerin des Interreligiösen Think-Tank und der IG Feministischer Theologinnen der Schweiz. Doris Strahm ist freiberuflich tätig als Referentin, Lehrbeauftragte und Publizistin in den Bereichen feministische Theologie, interkulturelle Theologie und interreligiöser Dialog. Doris Strahm, Uni Bern