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Gesellschaft

Gastroseelsorger Bernhard Jungen

«Ich beobachte eine grosse Verzweiflung und Ratlosigkeit»

14.12.2020
Der Gastroseelsorger Bernhard Jungen solidarisiert sich mit den Gastronomen. In seinem Blog «Manna» ruft der Pfarrer die Politik zum solidarischen Handeln auf.

Bernhard Jungen, Sie haben am 13. Dezember am «Gastrostreik» in Bern teilgenommen. Es ist das erste Mal, dass Sie in Ihrem Leben an einer politischen Demonstration mitmachen. Wieso gerade jetzt?
Ich nahm aus persönlicher Betroffenheit teil. Als Gastroseelsorger in Basel erlebe ich hautnah mit, wie es den Menschen geht, die in der Gastronomie tätig sind. Ich beobachte eine grosse Verzweiflung und Ratlosigkeit. Hinter jedem geschlossenen Betrieb stehen Menschen, die unmittelbar in ihrer Existenz bedroht sind. Nicht nur Besitzer von Restaurants und Kaffees vermitteln mir ihre Existenzängste. Auch die Angestellten haben Angst, ihre Jobs zu verlieren. In der Schweiz rechnet man mit 100'000 Stellen, die in diesem Bereich akut gefährdet sind. In der Stadt Basel gibt es rund 1000 Restaurants. Wenn da ein Viertel oder ein Fünftel von denen schliesst, ist das furchtbar. Viele Gastronomen und Gastronominnen haben diesen Sommer vieles unternommen, um ihre Geschäfte für Kundinnen und Kunden sicher und attraktiv zu halten. Jetzt mit der verordneten Schliessung um 19 Uhr wird ihnen langsam der Hahn abgedreht. Das ist nicht fair. Entweder schliesst man die Restaurants und entschädigt die Betriebe entsprechend, oder man lässt sie ihre Arbeit machen. Ich will mich mit diesen Menschen solidarisch zeigen, denn in meinen Augen trägt die Gastronomie grosse Verantwortung, was den Zusammenhalt unserer Gesellschaft angeht.

Inwiefern?
In Restaurants und Kaffees treffen Menschen aufeinander, die sich im Privaten wohl eher aus dem Weg gehen würden: Menschen verschiedener Generationen, Schichten, Hintergründe und mit verschiedenen politischen Ansichten sitzen auch mal gemeinsam an einem Tisch. Zudem sind Kaffees für Seniorinnen und Senioren oft wichtige Kontaktorte. Ihr tägliches Kaffee ermöglicht ihnen soziale Kontakte zu knüpfen. In Basel sind 50'000 Einzelhaushalte registriert. Damit will ich nicht sagen, dass in diesen alles einsame Menschen wohnen, aber für viele Menschen ist der Kaffeebesuch der wichtigste Kontaktort in ihrem Alltag. Zudem geschieht in vielen Gastronomiebetrieben wichtige Integrationsarbeit: Hier können Menschen mit Migrationshintergrund den Berufseinstieg schaffen und haben sogar die Möglichkeit, sich weiterzubilden oder beruflich aufzusteigen. Der Eintritt in die Gastronomie kann Sprungbrett für die spätere Karriere sein. Ich kenne einige Pfarrerinnen und Pfarrer, wie auch Lehrerinnen und Lehrer, die während ihrem Studium in der Gastronomie arbeiteten und dort viel fürs Leben lernten.

Seit 2017 sind Sie als Gastroseelsorger in Basel unterwegs. Wie muss man sich Ihren Alltag vorstellen?
Einmal in der Woche bin ich in Basel und besuche die Restaurants. Selten sucht mich eine Person aktiv auf, die ich nicht vorher kannte. Aber ich gehe mich vorstellen, höre zu und wenn jemand ein Gespräch möchte, nehme ich mir Zeit und frage später wieder nach. So ist ein Netz von Beziehungen und Vertrauensverhältnissen gewachsen. Ich bin vor allem in den Quartieren Gundeli und St. Johann unterwegs. Wissen Sie, ich treffe immer wieder Menschen im Gastrobereich, die sind eigentlich Sozialarbeiter. Ich erinnere mich an diese Kellnerin, die sich um eine betrunkene Prostituierte kümmerte: Sie hörte ihr zu, verband ihre Wunde, half ihr mit den Finanzen, rief ein Taxi, brachte sie ins Taxi und rannte mit der vergessenen Handtasche hinterher. Nachher ging ich zu der Kellnerin und sagte ihr: Was sie geleistet haben, ist toll. Sie antwortete mir, das sei doch selbstverständlich. Das finde ich nicht. Sie leistete Sozialarbeit vom Feinsten. Und genauso verstehe ich auch meine Arbeit als Gastroseelsorger: Ich will jenen den Rücken stärken, die das für andere tun. Für Wirte und ihre Angestellten habe ich ein offenes Ohr und stärke ihnen den Rücken.

Wie hat sich Ihr Arbeitsalltag seit Corona verändert?
Statt die Menschen persönlich aufzusuchen, stehe ich telefonisch oder per Whatsapp mit vielen in Kontakt. Über die Jahre haben sich Freundschaften ergeben. Diese Menschen begleite ich. Als ich nach dem ersten Lockdown im Sommer wieder in Basel unterwegs war, habe ich den Wirten eine Karte verteilt, auf der ich ihnen Mut zusprach und mich für ihr Engagement bedankte. Das rührte manche zu Tränen, weil sie merkten, dass ich an sie denke und an sie glaube. Innerhalb weniger Tage hatte ich ein paar 100 Karten verteilt. Viele Restaurantbesitzer wollten diese all ihren Angestellten weitergeben. Damals glaubten viele, das Schlimmste sei überstanden. Es herrschte Aufbruchstimmung. Jetzt ist alles wieder zusammengebrochen.

Und Sie publizieren seit März regelmässig einen Videobeitrag.
Kurz vor dem Lockdown wendete ich mich in einem Schreiben an die Gastronomen. Ich wollte ihnen Mut zu sprechen. Gab ihnen Tipps, wie sie sich trotz Schliessung fit halten können. Dieser Brief stiess im Internet auf viel Zuspruch. Deshalb fragte mich der Basler Wirteverband, ob ich nicht regelmässig etwas machen könnte. Ich entschied mich für einen Videoblog. Meine Tochter lieferte den Namen dazu: Manna. Als Manna oder auch Himmelsbrot wird in der Bibel die Speise bezeichnet, die den Israeliten auf ihrer Wanderschaft durch die Wüste als Nahrung diente. Dieser Begriff passt hervorragend, denn wir befinden uns in einer Wüstenzeit, in der wir noch andere Nahrung brauchen als jene, die wir physisch zu uns nehmen. Seit dem Frühling habe ich 31 solche Videos produziert. Zum guten Glück konnte ich noch etwas mehr tun als geistliche Nahrung weitergeben. Ein Freund von mir hat durch meine Vermittlung unentgeltlich einige Betriebs- und Finanzberatungen gemacht. Ausserdem konnte ich mit anderen zusammen eine Solidaritätsaktion in einem Quartier und eine Aktion für Gastrogutscheine anstossen. Trotzdem habe ich das Gefühl, ich mache noch viel zu wenig.

Sie sind nicht nur Gastroseelsorger sondern auch selber Gastronom. Zusammen mit Tobias Rentsch haben Sie die mobile Bar «Unfassbar» ins Leben gerufen, um die Kirche dorthin zu bringen, wo die Menschen sind. Wie sind Sie von Corona betroffen?
An unserer mobilen Bar können wir die Sicherheitsabstände nicht einhalten. Zudem können wir keine Sitzgelegenheiten bieten. Seit Herbst steht unsere Bar wieder still, nachdem wir nach dem Frühlingslockdown doch im Juni und Juli an recht vielen Anlässen präsent waren. Das trifft uns hart. Neben der finanziellen Unsicherheit vermissen wir das Networking. Wir waren im Vorjahr an vielen Weiterbildungen und Zukunftsworkshop zu Gast, um über unser Projekt zu erzählen. Oft ergab sich ein Engagement aus einem früheren heraus. Das fehlt jetzt auch. Vor einem Jahr war die Agenda für 2020 bereits voll. Heute sind in der Agenda fürs nächste Jahr noch kaum sichere Termine eingeschrieben.

Nicola Mohler, reformiert.info

Bernhard Jungen, 64
Als Gastroseelsorger ist Pfarrer Bernhard Jungen seit dem Frühling 2017 unterwegs. Er bietet Basler Wirten und Gastroangestellten ein offenes und unentgeltliches Gesprächsangebot in Restaurants und Cafés an, unabhängig von Konfession oder religiöser Einstellung. Das Angebot stammt von der Evangelischen Stadtmission Basel in Koordination mit der reformierten Kirche Basel-Stadt. Seit 2017 ist Bernhard Jungen zusammen mit Tobias Rentsch mit der mobilen Bar «Unfassbar» an Quartierfesten, Openairs und Slow-ups unterwegs, wo sie Bier ausschenken und mit den Menschen über Gott und die Welt reden. Sie wollen das bewegliche «Kirchenzelt» mitten unter den Menschen aufschlagen. Jungen war während 30 Jahren Pfarrer in Ittigen bei Bern. Manna Video-Blog