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Gesellschaft

Verdingkinder

Was bleibt – was geht

28.12.2020
Erst spät wurde klar, dass der Vater vieles aus Kindheit und Jugend verschwiegen hatte. Bis der Sohn den mittlerweile 77-Jährigen befragte. Über den Vater und dessen Schicksal als Verdingkind schrieb Peter Gisler ein eindrückliches Buch.

Der Vater lebte in einer Art Stöckli im selben Haus. Doch je älter Peter Gisler wurde, umso stärker fiel ihm auf, wie wenig er über seinen Vater wusste. Als Laufbahnberater kannte er unzählige Lebensläufe seiner Klienten, über die Vergangenheit seines Vaters Alfred wusste er nur wenig. Manchmal habe der Vater von seinen Streichen als Kind berichtet, sagt Peter Gisler, mehr kam aber nicht. Es kam zu Konflikten, der Sohn merkte, dass der Vater alt wurde und er selber unnachsichtig.

Diese Einsicht brachte sie ins Gespräch, der Sohn wollte endlich Genaueres wissen. Peter Gisler bat seinen 77-jährigen Vater zum Interview. Und Alfred Gisler fing an zu erzählen, von einer Kindheit und Jugend in Armut und Hunger und wie er als Verdingkind verschachert wurde.

Gisler erkannte, wie die Scham den Vater jahrzehntelang verstummen liess. Und es dämmerte ihm, wie seine «eigenen Knöpfe» mit der Geschichte seines Vaters zusammenhingen.

Armut und Kinderlähmung
Die Familie Gisler lebt in den 1910er-Jahren in der Stadt Zürich. Die Familie ist arm. Der Vater findet keine Arbeit, oft ist er wochenlang auf der Stör unterwegs. Da der Bürgergemeinde Flaach die Kosten für die Familie in Zürich zu hoch sind, beordert sie Gislers zurück. Die Familie zieht um ins Zürcher Weinland, wo Fridli, wie Alfred als Kind gerufen wird, in den Auen von Rhein und Thur auf lange Entdeckungsreisen geht.

Ansonsten hat der Bub wenig Anlass zur Freude. Als Säugling hat er sich mit Kinderlähmung angesteckt. Das Gehen fällt ihm schwer, die anderen Kinder hänseln ihn. Aber Fridli kämpft, gibt nicht auf, bald steigt kaum einer so flink auf Bäume, fängt so geschickt die Forellen mit blossen Händen.

Verdingt und eingesperrt
Doch dann stirbt der Vater an Krebs und die Familie steht vor dem Nichts. Die Gemeinde drängt die Mutter, ihre drei Buben zu verdingen. Alfred landet mit dreizehn bei einem groben Bauern.

Als Achtzehnjährigen versorgt man ihn in einer Arbeitsanstalt für Gebrechliche, wo er Bürstenmacher lernen soll. Er ist aufmüpfig und wird zur Disziplinierung ins Burghölzli, die Irrenanstalt oberhalb von Zürich, eingeliefert.

«Kaum frei, nimmt der Vater sein Leben in die eigenen Hände», erzählt Peter Gisler. Er erlernt autodidaktisch und mit der Hilfe des Bruders seinen Traumberuf, Sattler-Tapezierer. In der Freizeit steigt er als Boxer in den Ring, erkundet auf dem Tourenvelo Italien, Frankreich und Spanien und fährt Klubrennen. Mit körperlicher Höchstleistung stemmt sich der Vater gegen das Los der Behinderung und die lieblose Jugend. «Am Schluss hat er mit seinem Schicksal Frieden geschlossen», sagt der Sohn. «Als er endlich erzählen konnte, war es für ihn sehr befreiend.»

Dunkles Kapitel in der Schweizer Geschichte
Aus dem Bericht des Vaters und derVerwandtschaft und dem Material, dasPeter Gisler akribisch in Archiven undBibliotheken zusammentrug, erstellteer eine tausendseitige Familienchronik,schliesslich das Buch «Was bleibt– was geht». Gisler beleuchtet eindunkles Kapitel der Schweizer Gesellschaftsgeschichte.Und er schrieb sichfrei. Das war ein schmerzhafter Prozess,erzählt er. Sein Vater sei einestarke Persönlichkeit gewesen, dersich von seiner Kinderlähmung undder Armut nicht behindern lassenwollte.

Der Kampf habe auch ihn geprägt,blickt Peter Gisler zurück. Einesder Themen von Vater Gisler war,dass sie nicht dazugehören. Damalsschimpfte man die armen Leute Gesindel.Ein ehemaliger Regierungsrat, denPeter Gisler interviewte, bezeichnetediese noch in den 90er-Jahren so.

Kämpfen gegen «die da oben»
Dasselbe Gefühl, nicht dazuzugehören, begleitete den Sohn sein Leben lang, von der Kindheit über die Schulzeit ins Berufsleben. Mit 21 Jahren machte er sich selbstständig. «Ich wollte keinen Chef über mir», erklärt Peter Gisler. Aber diese Haltung machte ihn einsam. Ein Gisler müsse sich doppelt anstrengen, hiess das Credo, das er mit der Muttermilch mitbekommen hatte. Ein Gisler kämpfe gegen die da oben, gegen die vom Amt, die Behörden und die in Bern. Er habe erst in den letzten Jahren diese Muster erkannt und sich davon lösen können, erzählt Peter Gisler. Es war die Zeit, als sich die Beziehung zu seinem Vater vertiefte und sich auch der Vater veränderte.

Armut bleibt oft verborgen
Arme, einst als Gesindel bezeichnet und von vielen noch so gesehen, gebe es auch heute, meint Peter Gisler. Nur sei die Armut nicht so leicht zu erkennen. Viele, oft mit Migrationshintergrund, müssten mit wenig haushalten. Die Eltern strengten sich an, damit ihre Kinder neue Markenschuhe tragen können und nicht auffallen.

Als Laufbahnberater hat Peter Gisler erlebt, wie engstirnige Angestellte auf der Gemeinde und dem RAV den Betroffenen das Leben schwermachen. Dahinter stehe die gleiche Haltung, die seinen Vater in die Psychiatrie brachte. Gisler will jedoch nicht verallgemeinern. Es gebe auch die Vorbildlichen, die sich fragten, was es braucht, damit sich Randständige an der Gesellschaft beteiligen können.

Und «Was bleibt – was geht?», fragt der Titel von Gislers Buch. Geblieben sei ihm, wie sehr sein Vater gekämpft habe, um seiner aussichtslosen Situation zu entkommen. «Er glaubte an sich, trotz Behinderung und Armut. Und er hat uns, seinen Kindern, einen Boden geschaffen, auf dem wir gut aufbauen konnten.»

Tilmann Zuber, kirchenbote-online

Buchtipp: Was bleibt – was geht, Peter Gisler, Stämpfli Verlag