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Kultur

Milos Raus Film «Das neue Evangelium»

Jesus, der Aktivist

29.01.2021
An den Solothurner Filmtagen wurde erstmals Milo Raus «Das Neue Evangelium» in der Schweiz gezeigt. Der Regisseur verschmelzt dabei Jesus’ Lebensgeschichte mit dem Schicksal der Landarbeiter in Italien.

Was haben Jesus und eine Büchse mit Pelati gemeinsam? Nichts und doch viel, wie das Filmprojekt «Das Neue Evangelium» von Milo Rau zeigt. In seinem dokumentarischen Spielfilm erzählt der Theater- und Filmregisseur die Geschichte von Jesus. Dabei fragte sich Rau, wo würde Jesus im 21. Jahrhundert predigen? Gefunden hat er die Antwort in der süditalienischen Stadt Matera.

Die Kulturhauptstadt von 2019 hat Filmgeschichte geschrieben. Auf den steinigen, ausgetrockneten Hügeln kreuzigte Pier Paolo Pasolini 1964 seinen Jesus im Schwarz-weiss-Epos «Das Matthäus-Evangelium». 2004 liess Mel Gibson hier Jesus in «Die Passion Christi» foltern.

Milo Rau fokussiert in seinem Film auf die Frage nach der sozialen Gerechtigkeit, welche die Bibel stellt. Dazu mischt er dokumentarische mit Spielfilmszenen und zitiert aus vorgängigen Jesus-Verfilmungen. So verkörpert Enrique Irazoqui, der inzwischen verstorbene Jesus-Darsteller von Pasolini, bei Rau Johannes den Täufer. Und die Schauspielerin Maria Morgenstern, welche bei Gibson die Maria spielte, übernimmt diesen Part auch in Raus Film.

Passionsspiel über die Ungleichheit der Gesellschaft
In Matera findet Milo Rau die Kulisse für sein Passionsspiel über die Ungerechtigkeit und die Ungleichheit der Gesellschaft. Denn hier im tiefen Süden Italiens arbeiten 500 000 Migranten, meist Afrikaner, auf den Tomatenfeldern, oft unter unmenschlichen Bedingungen.

Milo Rau suchte unter den Landarbeitern, Aktivisten und Bürgern seine Darsteller, die neben den internationalen Stars auftreten. Vorab Yvan Sagnet, der in einer Doppelrolle Jesus und sich selber verkörpert. «Ich denke, es ist eine filmische Adaption der Bibel explizit für unsere Zeit geworden, mit dem ersten schwarzen Jesus in der europäischen Filmgeschichte», attestiert Milo Rau seinem Werk.

Kampf gegen die Mafia
Der Kameruner Yvan Sagnet wanderte in Italien ein und arbeitete als Farmarbeiter, bevor er sein Studium begann. 2011 trat er als Sprecher des Landarbeiterstreiks in Nardo auf. Der Streik führte dazu, dass das «Caporalato», die Ausbeutung der Migranten durch die Mafia, erstmals als Verbrechen angesehen und zwölf Unternehmen verurteilt wurden. 2017 gründete Sagnet den Verband NO CAP, der sich für gerechte Entlohnung und Arbeitsverträge für die Landarbeiter einsetzt.

«Verliert der Mensch seine Würde, wird er zum Tier, zum Objekt», sagt Yvan Sagnet. «Wer für die eigene Würde und das eigene Wohlergehen eintritt, kämpft damit für die Würde und das Wohlergehen aller Menschen.» Diese Lehre könne man aus dem Evangelium ziehen, meint Sagnet. Aber man könne noch einen Schritt weitergehen und sagen: «Wir dürfen nicht aufhören, die Ungerechtigkeit der Welt zu verurteilen.»

Der Film zeigt inzwischen Wirkung in der Realität: Rund um Matera gründete man «Häuser der Würde», in denen die zuvor obdachlosen Statisten des Films nun selbstbestimmt leben können. Dies mit Unterstützung der katholischen Kirche.

Tilmann Zuber


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