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Gesellschaft

Corona-Pandemie

«Die Jungen leiden in der Krise am meisten»

03.03.2021
Wegen der Pandemie ist die Nachfrage nach seelsorgerischen Hilfsangeboten gestiegen. Matthias Herren, Leiter der Dargebotenen Hand, sagt, wo der Schuh drückt und warum vor allem jüngere Menschen betroffen sind.

Seit Montag sind zumindest die Läden wieder offen, und es dürfen sich privat wieder bis zu 15 Leute treffen. Gehen die Gespräche bei der Dargebotenen Hand nun zurück?
Davon ist nicht auszugehen. Im ersten Lockdown im letzten Frühling hatten wir rund 10 Prozent weniger Anrufe, die Leute waren wie gefangen und paralysiert, stürzten sich auf die Nachrichten. Sobald die ersten Lockerungen kamen, nahmen die Zahlen massiv zu, weil jeder für sich das Leben wieder ordnen musste. Wir führen 10 Prozent mehr Gespräche, bei den Chats verzeichnen wir einen Anstieg um 50 Prozent.

Was ist der Grund dafür?
Die Folgen der Pandemie machen den Menschen zu schaffen. Existenzängste nehmen massiv zu. Da ist zum Beispiel die Angst vor einem Jobverlust, die vielen den Schlaf raubt. Oder die Angst, keine Lehrstelle oder nach der Lehre keinen Job zu finden. Studierende in den ersten Semestern sind oft orientierungslos, wissen nicht, wie es weitergehen soll. Die Gespräche rund um Arbeit und Ausbildung haben um 40 Prozent zugenommen und führen das Sorgenbarometer an.

Dann leiden vor allem jungen Menschen an den Folgen der Pandemie?
Junge Menschen zwischen 14 und 30 sind besonders betroffen. Das erklärt auch, warum wir vor allem bei den Chats eine grosse Zunahme verzeichnen. Viele Jugendliche kontaktieren uns per Smartphone. Ein grosses Thema ist das Suchtverhalten, es wird seit der Krise doppelt so oft thematisiert. Auch über Suizidalität wird mehr gesprochen (plus 20 Prozent).

Die Corona-Krise führt zu mehr Suiziden?
Das kann man so nicht sagen. Es ist nicht die Krise an sich. In den meisten Fällen haben die Probleme schon vorher bestanden, Corona hat sie lediglich akzentuiert.

Können Sie ein Beispiel erzählen?
Ich weiss von Gesprächen mit einem jungen Mann, der schon lange mit einer Suchtproblematik kämpft, sein Leben aber einigermassen im Griff hatte. In der Krise hat er seinen Job verloren und ist nun in eine richtige Problemspirale geraten. Der Wunsch, sich das Leben zu nehmen, wächst. Die Krise ist ein Tropfen zu viel und droht das Fass sprichwörtlich zum Überlaufen zu bringen.

Welche Themen sind neben Arbeit und Ausbildung am meisten präsent?
Stark gestiegen sind beispielsweise die Sorgen rund um die Paarbeziehung und den Familienalltag. Hier verzeichnen wir 35 Prozent mehr Anfragen. Die strikten Massnahmen und das Homeoffice führen dazu, dass sich die Leute auf den Füssen rumstehen. Konflikte sind da vorprogrammiert, auch in der Erziehung. Auf der anderen Seite gibt es viele, die sich einsam fühlen. Etwa jedes sechste Telefonat dreht sich um die Einsamkeit.

Wie kann die Dargebotene Hand helfen?
Wir bieten Raum für Gedanken, eine Lösung können wir nicht präsentieren. Es ist ein Ort, wo man einfach abladen kann. Viele Leute bedanken sich am Ende des Gesprächs dafür.

Sandra Hohendahl-Tesch, reformiert.info