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Gesellschaft

Corona-Alltag im Akutspital für Obdachlose

«Die Katstrophe ist ausgeblieben»

27.03.2021
Bisher gab es im Sucht- und Obdachlosenmilieu erstaunlich wenig schwere Corona-Verläufe. Facharzt Karim Tissira gibt Einblick in den Corona-Alltag im Akutspital Sune-Egge, das von der Stiftung Pfarrer Sieber betrieben wird.

Karim Tissira, wie viele Covid-Patientinnen und -Patienten werden derzeit im Sune-Egge behandelt?
Im Moment sind es sechs. Weil es in den letzten Tagen etwas mehr Fälle gab, mussten wir improvisieren und zwei Patienten in unserer externen Pflegestation Sunegarte in Egg unterbringen. Unser Spital an der Konradstrasse hat insgesamt 25 Betten; 5 davon sind zurzeit für Covid-Patienten reserviert. Als kleines, peripheres Spital können wir bei fehlender Intensivstation natürlich keine beatmeten Patienten betreuen.

Wie geht es den Erkrankten?
Sie sind symptomlos oder haben nur leichte Symptome wie Fieber, Kopfschmerzen oder Husten. Unsere Aufgabe ist es, Menschen, die kein Obdach haben, zu isolieren und zu betreuen. Für Patienten, die ein Zuhause haben, wäre in einer solchen Situation eine Hospitalisation nicht nötig. Die meisten kommen von der Notschlafstelle Pfuusbus. Dort werden jeden Abend Massentests durchgeführt: Wer positiv getestet ist, wird direkt in den Sune-Egge gebracht und isoliert. Schwere Krankheitsverläufe sehen wir nur wenige. Bis dato mussten wir lediglich zwei Patienten an ein grösseres Spital überweisen, wo sie ans Beatmungsgerät angeschlossen werden mussten. Eine Patientin befindet sich aktuell noch auf der Intensivstation.

Sind Menschen aus dem Sucht- und Obdachlosenmilieu nicht besonders vulnerabel? 
Das hatten wir zuerst auch vermutet und mehr Komplikationen erwartet. Als die Pandemie vor etwas mehr als einem Jahr losging, hatte ich befürchtet, dass wir viel mehr schwere Fälle sehen würden. Die Gruppe der randständigen Menschen scheint jedoch nicht über Massen betroffen zu sein, was auch andere Suchtinstitutionen beobachten. Und das, obwohl in diesem Milieu viele Menschen suchtkrank sind und an schweren Begleiterkrankungen leiden – wie etwa eine Raucherlunge, eine HIV-Erkrankung oder eine Leberzirrhose.

Wie erklären Sie sich dann die milden Krankheitsverläufe?
Es hat wohl in erster Linie mit der Altersstruktur zu tun. Die meisten von unseren Patientinnen und Patienten sind zwischen 30 und 50 Jahren alt und gehören damit altersmässig nicht zur Hochrisikogruppe, was wahrscheinlich am meisten ins Gewicht fällt.  Das Risiko für einen schweren Verlauf scheint ähnlich zu sein wie bei der restlichen Bevölkerung in diesem Alterssegment. Schwere Verläufe sind in dieser Altersgruppe ja bekanntlich selten.

Wie sieht es mit den Impfungen aus?
In dieser Hinsicht sind wir sehr privilegiert. Als Akutspital wurde der Sune-Egge prioritär behandelt. Bereits vor vier Wochen konnten wir bei Patienten und Mitarbeitenden die zweite Impfung abschliessen. Die Impfbereitschaft ist erfreulich hoch.

Die neuartigen Corona-Mutationen sollen ansteckender und eventuell tödlicher sein. Bereitet Ihnen das Sorgen?
Tatsächlich beobachten wir in den letzten Tagen wieder mehr Ansteckungen und auch Einweisungen. Bei praktisch allen aktuellen Patienten liess sich eine Infektion mit mutierten Viren nachweisen. Ein Trend, der sich in der ganzen Schweiz beobachten lässt. Ob die neuen Mutationen wirklich tödlicher sind, ist, wie so vieles im Zusammenhang mit Covid-19, noch nicht abschliessend geklärt.

Eine Notschlafstelle wie der Pfuusbus ist, wie eine Schule, auch ein möglicher Corona-Hotspot. Greifen die Schutzkonzepte?
Der Pfuusbus hat ein umfassendes Schutzkonzept erarbeitet und diverse organisatorische und infrastrukturelle Massnahmen getroffen. Trotzdem ist es natürlich schwierig, in den Räumlichkeiten, in denen zwar Social Distancing und Hygienemassnahmen umgesetzt werden, in denen aber auch gemeinsam Mahlzeiten eingenommen werden und geschlafen wird, Ansteckungen ganz auszuschliessen. Erschwerend kommt hinzu, dass bei Menschen aus dem Obdachlosen- und dem Drogenmilieu die Einhaltung von Schutzmassnahmen wie Händedesinfektion und Maskentragen schwieriger umzusetzen ist. So muss man sie zum Beispiel wiederholt daran erinnern, die Maske so zu tragen, dass die Nase bedeckt ist und nicht die Stirn geschmückt wird. Insgesamt nimmt der Pfuusbus bei der Pandemieeindämmung eine wichtige Rolle wahr. Die Gäste werden dort regelmässig getestet und können bei Bedarf im Sune-Egge isoliert werden. Womit Infektionsketten unterbrochen werden und die Weiterverbreitung unterbunden wird.

Sandra Hohendahl-Tesch, reformiert.info

Karim Tissira, 44, ist seit insgesamt 2 Jahren als Oberarzt im Fachspital Sune-Egge tätig. Zuvor war er in verschiedenen Spitälern und in einer Hausarztpraxis tätig.
Das Fachspital wurde 1989 zur Zeit der offenen Drogenszene von Pfarrer Ernst Sieber als sozialmedizinische Krankenstation gegründet und steht heute auf der Zürcher Spitalliste. Untergebracht ist es in einem alten Haus an der Konradstrasse im Kreis 5. Sozial benachteilige Menschen – überwiegend aus dem Sucht- und Obdachlosenmilieu – erhalten im Sune-Egge ambulante und stationäre Behandlung.