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Gesellschaft

Gemeinschaft auf Lebenszeit

28.04.2021
30 Jahre gemeinsames Dach: Sr. Margrit Schmid, Sr. Ruth Sutter und Sr. Ann-Kathrin Kachel bezeichnen sich als grundverschieden. Trotzdem funktioniert die Alterskommunität.

Harmoniebedürftig seien sie alle drei, sagt Schwester Ruth lachend: «Margrit macht Schwierigkeiten anfangs gerne mit sich selber aus, ich reagiere manchmal emotional und bereue es im Nachhinein.» Doch, doch, sie hätten Fortschritte gemacht, wendet Schwester Margrit schmunzelnd ein: «Wenn Konflikte da sind, sprechen wir uns aus.» Die 83-Jährige ist das älteste Mitglied der Schwesterngemeinschaft El Ro’i. «Ohne diese Transparenz geht es nicht. Wir teilen hier alles vom Geschirr bis hin zu unserem Ersparten.» 

Seit bald zehn Jahren leben die drei Frauen in einer 5-Zimmer-Wohnung in Kleinbasel. Vorher haben sie während zwanzig Jahren das evangelische Stadtkloster geleitet, das heute «Huus am Brunne El Ro‘i» heisst. «Wir hatten sieben Tage die Woche geöffnet. Für Kino- oder Theaterbesuche blieb kaum Zeit.» 

Ob es nun leichter sei, wenn im Alter ein Grossteil der Aufgaben wegfällt? «Wir empfehlen jedem, der eine Alters-WG gründet, sich zu fragen: Was ist der gemeinsame Grund, passen unsere Motivationen zusammen? In ihrem Fall seien es heute noch Strukturen wie die täglichen Gebetszeiten und die Tischgemeinschaft, die ihnen Boden gebe. Oder das Unterstützen von Menschen im Quartier. Auch was den Haushalt betrifft, ersparen ihnen Regeln die Diskussionen. «Jede von uns hat jeweils für eine Woche die Verantwortung fürs Kochen und Putzen.»

Ein Ja zur Einsamkeit

Schwierig werde es dann, wenn die einzige Motivation für das Zusammenleben sei, nicht allein zu sein. «Wer eine Lebensgemeinschaft will, muss auch ein Ja zur Einsamkeit sagen. Sonst besteht die Gefahr, dass die Erwartungen an die anderen zu gross werden.» Es sei manchmal er­schreckend,  wie anonym die Menschen in der Schweiz lebten, meint Schwester Margrit nachdenklich. 

«Für uns drei gab es nie Zweifel, dass es nicht klappt. Unsere Gemeinschaft ist auf Lebenszeit. So hat es uns Gott ans Herz gelegt. Im vergangenen Lockdown haben wir die Stärke des gemeinsamen Lebens auf besondere Weise erlebt.» Sie hätten sich auch hinsichtlich Vorsorge 

für den letzten Lebensabschnitt Gedanken gemacht. «Falls eine von uns ins Pflegeheim muss, gehören wir trotzdem zusammen.» 

Für die drei Frauen ist ihr Glaube zentral: «Unsere Grundlage ist die Berufung zu Christus hin.» Das meinen die drei ganz konkret: Anfang der 1990er-Jahre versteckten sie einen traumatisierten Kurden für vorerst drei Tage in ihrer Hausgemeinschaft. Aus den drei Tagen wurden schliesslich drei Jahre, weil er wegen der schwierigen politischen Situation nicht in seine Heimat zurückkehren konnte. Er sei regelmässig zu den Gebetszeiten gekommen, obwohl er kein Wort Deutsch konnte, und habe sich um den Garten gekümmert. Jahre später hätten sie ihn zu dritt in der Türkei besucht. «Er ist für uns ein Bruder geworden und ein gutes Beispiel, wie Care-Gemeinschaft gelingen kann.»

Michael Schäppi, Kirchenbote, 28.4.2021