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Gesellschaft

Gemeinsam: Wohnen mit Zukunft

28.04.2021
Wohngemeinschaften sind mehr als eine Studenten-WG. Solche Lebensformen sind im Trend. Mit Recht, wie ein Besuch in Moosrain zeigt.

 

Es riecht weder nach muffeliger Studenten-WG noch nach der Enge eines Altersheims. Moosrain erinnert eher an ein Jagdschloss. Die herrschaftliche Liegenschaft liegt etwas erhöht in Riehen und ist das Zuhause von rund 40 Personen. Thomas und Irene Widmer-Huber haben dieses Gemeinschaftshaus wie auch andere in der Schweiz zusammen mit Freunden  ins Leben gerufen.

Ihre Leidenschaft für neue Lebensformen beginnt mit einem Kulturschock. Während der theologischen Ausbildung lebt das Paar in Indien. Hier trifft es auf ein vollkommen anderes Verständnis von Familie, Teilen und Gemeinschaft. Zurück in der Schweiz, stolpern die beiden über die «Hüsli-Mentalität», deren Toleranz an der Thuja-Hecke des Nachbarn endet. «Das war ein Kulturschock», erzählt Irene Widmer-Huber. Die heutige Gesellschaft brauche sozialere, gemeinschaftliche, nachhaltige und umweltfreundliche Formen des Zusammenlebens, ist die 55-Jährige überzeugt. Diese will sie fördern, denn «Einsamkeit tut den Menschen nicht gut, sie werden ängstlicher und ziehen sich zurück».

Nach seiner Rückkehr aus Indien bezieht das Paar in Strengelbach ein Pfarrhaus, das es mit Jugendlichen teilt. Später gründen sie im Basler Stadtteil Kleinhüningen eine Gemeinschaft, die auch Menschen mit psychischen Schwierigkeitenaufnimmt. Thomas Widmer ist damals in der Drogenarbeit tätig, seine Frau ist schwanger und engagiert sich in der Kinderarbeit. 

Die Arbeit mit Drogensüchtigen führt Widmers ins Fischerhaus Riehen, später mit einem neuen Konzept ins Moosrain. Die Diakonissen stellten ihnen diese ehemalige «Pflegeanstalt für Alte und Gebrechliche» zur Verfügung. Widmers arbeiten beim Verein Offene Tür und gründen mit anderen den «Verein Lebensgemeinschaft Moosrain». Mit viel Eigenleistung bauen sie die mehr als 100-jährige Liegenschaft in Wohneinheiten um. Stolz führt Thomas Widmer durch das weitläufige Haus und zeigt in der Kapelle im Untergeschoss auf die Kronleuchter mit unzähligen geschliffenen Glassteinen. Neben solchen von Swarovski hängen solche aus banalem Glas. Für Irene Widmer steht dies als Symbol dafür, dass jeder Mensch leuchten kann und dies erst im Verbund zur Geltung kommt. 

Heute leben im Moosrain rund 40 Personen in vier Gemeinschaften. Familien, Paare und Singles, manche mit psychischen Problemen. «Wir haben hier vier betreute Plätze und eine Notwohnung», erzählt Irene Widmer, mehr sei nicht möglich. Drei- bis viermal in der Woche bekocht man sich gegenseitig und isst zusammen. Gemeinsam unternimmt man Ausflüge und trifft sich am Feierabend. Am Freitagabend feiert man Gottesdienst. Die Zimmer und die Wohnungen lassen genug Raum, um sich zurückzuziehen. 

Die Hausgemeinschaft erregt Auf­sehen. 2012 zeichnet ein christlicher ­Gesundheitskongress in Kassel sie aus. Thomas und Irene Widmer hätten in beispielhafter Weise die «Gemeinschaft der christlichen Urgemeinde auf die heutige Zeit übertragen», so die Laudatio.

Von der Studenten- zur Alters-WG

Gemeinschaftliches Wohnen liegt im Trend. Im Vergleich zu den Alleinstehenden, auf die ein Drittel aller Schweizer Haushalte entfällt, bildet es mit 2 Prozent aber eine Nische. Neben den Studierenden sind es vor allem Senioren, die in Alters-WGs leben.  

Rebecca Niederhauser hat dies in einer Dissertation untersucht. Das Thema «gemeinschaftlich im Alter wohnen» liege in der Luft, erklärt die Kulturwissenschaftlerin. 

Sie selbst trägt das Thema schon seit zwanzig Jahren mit sich herum, seit der Zeit, als sie ihre Grossmutter im Alters- und Pflegeheim begleitete. Ihr wurde damals klar, so wolle sie im Alter nicht leben. Inzwischen hätten sich die Heime geändert, sagt Niederhauser, aber die Angst der Betagten, entmündigt zu werden und anderen zur Last zu fallen, sei geblieben. Deshalb nehme auch das Interesse an den neuen Wohnformen wie Alters-WG und Mehrgenerationenhaus zu.

Niederhausers Dissertation zeigt, dass das Wohnen im Alter so divers ist wie die Phasen im Alter. Im Gegensatz zum Leben in einer Studenten-WG suchen die Seniorinnen und Senioren Verbindlichkeit und wollen zusammen älter werden. Man zieht nicht aus, wenn Probleme auftauchen, sondern versucht diese zu lösen. Die Kunst sei, in der Gemeinschaft Nähe zuzulassen und gleichzeitig selbstständig sein eigenes Leben zu führen.

Meist sind es die Frauen, die nach der Scheidung oder dem Tod des Ehemannes mit anderen zusammenziehen. Für eine Alters-WG brauche es die Bereitschaft, sich auf die Gemeinschaft einzulassen, Konflikte anzugehen, sowie Toleranz. 

Auch wenn das Bedürfnis nach Gemeinschaft gross ist, es ist nicht einfach, eine geeignete Wohnung zu finden. Sie muss mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar und so gestaltet sein, dass alle ihr eigenes Zimmer haben und es genügend grosse Räume für das Zusammenleben gibt. «Für acht Personen kann man nicht auf einem kleinen Herd kochen», sagt 

Rebecca Niederhauser. Hinzu kommt die Finanzierung. Banken gewähren Pensionierten kaum noch Hypotheken.

Bleibt man in einer Alters-WG länger jung? «Wenn jung neugieriger bedeutet, dann ja», sagt Rebecca Niederhauser. «Wer mit anderen zusammenlebt und sich mit ihnen austauscht, erhält neue Impulse und wird bereichert. In der Gemeinschaft sind soziale Kontakte selbstverständlicher, als wenn man alleine lebt. Gerade, wenn die Freunde wegsterben, werden solche Begegnungen wichtig.»

Tilmann Zuber, Kirchenbote, 28.4.2021