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Religionen

Internetplattform religion.ch

Gegen Halbwahrheiten und Vorurteile über Religionen

02.07.2021
Dem «religiösen Analphabetismus», Intoleranz und Rassismus entgegenwirken will eine neue Internetplattform. Ein reformierter Pfarrer steht auch hinter religion.ch

«Setzlinge pflanzen – auch wenn der Weltuntergang kurz bevorstünde.» Was ähnlich anmutet wie das meist jugendliche Motto «Yolo» - you only live once, du lebst nur einmal –, ist der Titel eines Beitrags der neuen Webplattform religion.ch. Geschrieben hat ihn die bosnische und muslimische Religionslehrerin Lejla Delic.

«Ziel soll sein, den Edelstein im Heuhaufen zu finden und bei religion.ch zu landen», sagt der reformierte Pfarrer Christoph Knoch. Er ist Vorstandsmitglied der Vereins Iras Cotis, der hinter der neuen Plattform steht. Sie solle eine Innensicht auf die Religionen bieten, aber von allen gefunden werden, die nach Informationen suchen, beschreibt Knoch die Absicht hinter der Website weiter.

Wissen verdunstet
Schliesslich verdunste in der heutigen Zeit das Wissen um Religion und Religionen. «Häufig gilt das auch für die eigene Religion oder Konfession, dass ich zwar noch so knapp weiss, dass ich reformiert oder katholisch bin», sagt der Pfarrer von Muri bei Bern. Doch inzwischen gehe es auch jüdischen Kindern und Jugendlichen so, dass sie wenig über ihre eigene Tradition wüssten. Und: «Vielfach kursieren Halbwahrheiten und setzen sich Vorurteile gegenüber anderen Religionen in den Köpfen fest.»

Dem soll auch durch den «niederschwelligen» Zugang zu den Informationen entgegengehalten werden, wie die religion.ch-Redaktionsleiterin Rafaela Estermann sagt. Iras Cotis wolle neu auch Menschen erreichen, die nicht in Gemeinschaften organisiert sind. Deshalb soll Vielfalt bestimmend sein: «Auf religion.ch kommen verschiedenste Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven zu Wort, welche die Diversität innerhalb und unter Religionsgemeinschaften widerspiegeln und letztlich auch die grosse Bandbreite an Themen beleuchten, die mit Religion in Verbindung stehen», beschreibt Estermann die inhaltliche Ausrichtung.

Ideen aus der Vielfalt
Und wer bestimmt, was publiziert wird? Iras Cotis-Geschäftsführerin Katja Joho verweist auf einen vielfältigen Kreis von Ideenlieferanten. Festgesetzt würden die Themen von der Redaktion. «Die Idee ist aber, dass uns von allen Seiten respektive aus dem Netzwerk Fragen und Themen zugespielt werden, die wir dann aufnehmen können. Die Themen werden möglichst breit aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet.» Das solle mit Innen- und Aussensichten, persönlichen Beiträge, Reportagen, Texten, Videos oder Podcasts erfolgen.

Wie die angestrebten Themen ist auch die Redaktion vielfältig besetzt. Neben Estermann und Joho vom herausgebenden Verein sind Mitglieder aus der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich, von der Moschee Will, von der Tamilischen Hindugemeinschaft Root, eine Medienfachperson und eine Religionswissenschaftlerin dabei, wie Joho auf Anfrage sagt. Ausserdem steht dahinter eine strategische «Steuergruppe» von elf Personen, die noch mehr Institutionen und Gemeinschaften vertreten – darunter die Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn.

«Ohne Fake News!»
Damit überhaupt ein Publikum von der Plattform Kenntnis hat, würde Werbung im Netzwerk von Iras Cotis gemacht, sagt Katja Joho. «Wir arbeiten auch intensiv mit sozialen Medien Facebook und Instagram und werden bei jedem neuen Thema alle zwei Monate die Medien anschreiben und themenspezifisch werben.» Durch die Mitarbeit von Studierenden ergebe sich zudem Verbreitung an Universitäten und in Jugendnetzwerken. Dass eine direkte Interaktionsmöglichkeit fehlt, ist gemäss Iras Cotis-Geschäftsführerin Joho nur zum Start so: «Zu Beginn sollen Kommentare über Facebook laufen. Eine Kommentarfunktion für die Website ist aber geplant.»

Dass die Menschen sich heute eher von religiösen Gemeinschaften abwenden, sieht man auch bei Iras Cotis. Aber viele seien nach wie vor auf der Suche sind nach religiösen und spirituellen Erfahrungen. Und es seien zahlreiche Vorurteile gegenüber Religion, Spiritualität oder auch spezifischen Religionen wie dem Islam im Umlauf.

Deshalb, hält der Pfarrer Christoph Knoch fest, «ist es uns als Vorstand von Iras Cotis wichtig, den Bereich Religion und Konfession in einer multikulti-anything-goes-Gesellschaft sichtbar werden zu lassen – ohne Fake News!»

Marius Schären, reformiert.info

Podium zum grünen Gehalt der Religionen als Podcast
Wie grün sind Religionen in der Schweiz? Auf dem Podium zur Lancierung von religion.ch diskutierten am 1. Juli 2021 unter der Leitung von Amira Hafner-Al-Jabaji von der 18-jährigen Maturandin bis zur feministischen Theologin Mitte 60 mit sehr unterschiedlichen Perspektiven. Mit dabei waren Jens Köhrsen, Sibel Arslan, Doris Strahm, Romana Büchel und Sarah Bloch. Das Podium erscheint demnächst auf der Website als Podcast zum Nachhören.

Iras Cotis – für den Austausch im Einsatz
Der Verein ist ein nationales Netzwerk und bezweckt, den Austausch, den Dialog und die Zusammenarbeit zwischen Menschen mit unterschiedlichem religiösem und kulturellem Hintergrund zu fördern, Vorurteile und Ängste abzubauen und so zum sozialen Zusammenhalt in der Schweiz beizutragen. Das will Iras Cotis durch interreligiöse Projekte in den Bereichen Bildung, Begegnung und Vernetzung erreichen.
Der Verein ist vor 29 Jahren entstanden, seine Mitglieder sind rund 80 Religionsgemeinschaften und Organisationen, die sich für den interreligiösen Dialog engagieren – unter anderem aus den Gemeinschaften der Aleviten, Baha’i, Buddhisten, Christen, Hindu, Juden, Muslime und Sikhs.
iras-cotis.ch