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Kultur

Sommerserie: Waldfriedhof Schaffhausen

Einzigartige Kathedrale der Natur

02.08.2021
In Schaffhausen liegt der erste Waldfriedhof der Schweiz. Dort ruhen die Toten eingebettet zwischen Grabkunst und Natur in einer grünen Oase, die als Naherholungsgebiet gilt.

Einheimische bezeichnen den Schaffhauser Waldfriedhof als eine «Kathedrale der Natur». Sie nutzen ihn als Naherholungsgebiet, das mehr Wald ist als Friedhof. Eulen, Eichelhäher, Eidechsen, Igel, sogar Füchse und eine Vielzahl einheimischer Waldpflanzen machen die Ruhestätte zu einem Naturidyll. Unter die Rotbuchen mischen sich Eichen und Waldföhren sowie einige Fichten und Lärchen. Unter den dominierenden Rotbuchen finden sich mächtige, weit über hundert Jahre alte Bäume. Die dichte Strauchschicht besteht zu einem grossen Teil aus immergrünen Gewächsen, so dass sich der Schaffhauser Waldfriedhof auch nach dem herbstlichen Laubfall nicht kahl präsentiert.

Jahrhundertealte Grabsteine
Jahrhundertealte, teilweise mit Moos verwachsene Grabsteine, die kaum mehr lesbare Inschriften zieren, liegen hier ruhig im grünen Halbdunkel, untrennbar mit dem Wald und mit der Zeit verwoben. Genauso die zeitgenössische Grabmalkunst, die sich mit besonderen Steinen und Formen mühelos in die Schönheit des Waldfriedhofs einfügt.

Der Schöpfer des Münchner Zentralfriedhofs Hans Grässel schuf in den Jahren 1913 und 1914 auch den Schaffhauser Waldfriedhof. Er war schweizweit der erste seiner Art: Die Grabfelder verteilen sich zwischen den Bäumen auf eine Fläche von 17 Hektar. Nummerierte Waldwege, die der Topographie des Geländes folgen, führen Friedhofsbesucher und Spaziergänger zu den Gräbern.

In das Leben eingebettet
Einer, der sich damit genau auskennt, ist Markus Sieber. Er führt jeden zweiten Samstag im Monat Besuchergruppen über den Waldfriedhof und erzählt Geschichten zu einzelnen Gräbern und längst vergangen Zeiten. Ein Rundgang führt zum Beispiel zu den Grabstätten berühmter Schaffhauser Persönlichkeiten, ein anderer befasst sich mit den zeitgenössischen Grabkunstwerken, weitere widmen sich den Themen «Schulisches», «Bauliches» oder «Kulinarisches».

Für die Rundgänge recherchiert der Pfarrer im Ruhestand meist lange in Zeitungs- oder Stadtarchiven, findet dabei nicht immer zu einer bestimmten Person etwas, doch «lernt dabei stets etwas dazu». Genau das motivierte ihn auch, diese Art der Friedhofsbegehung anzubieten: Er will zum Neuentdecken animieren. Aber auch zum Wiederentdecken, um die Erinnerung an alte Gräber wachzurufen, die mit der Zeit vielleicht in Vergessenheit geraten sind. So zum Beispiel das Familiengrab der Schaffhauser Pioniere Heinrich und Henri Moser aus dem 19. Jahrhundert, deren Familiensitz «Charlottenfels» heute als Corona-Impfzentrum dient.

Dem Theologen ist es wichtig, das Bewusstsein dafür zu wecken, dass der Tod zum Leben gehört. «Jedes Grab trägt seine Geschichte, das hat mich seit jeher fasziniert. Und hier auf dem Waldfriedhof sind die Gräber in die Natur und somit in das Leben eingebettet», erklärt er.

Sommerliches Lichtermeer
Besonders lebendig wird es jeweils im Sommer, wenn im Waldfriedhof ein besonderes Naturschauspiel stattfindet. Während zwei bis zweieinhalb Wochen lässt sich in der Dämmerung der Paarungsflug einer der grössten Glühwürmchen-Kolonien der Schweiz beobachten.

Die kleinen leuchtenden Punkte verzaubern die Oase der Ruhe jedes Jahr in ein märchenhaftes Lichtermeer, das viele Besucherinnen und Besucher anzieht. Informationstafeln am Eingang des Friedhofs informieren über die Leuchtkäfer und erinnern daran, dass der Waldfriedhof ein Ort der Ruhe, des Gedenkens und des Friedens ist.

Text und Bilder: Adriana Di Cesare, kirchenbote-online