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Kirche

«Ich liebe die Vielfalt!»

22.09.2021
Martina Tapernoux-Tanner wird 2022 das Kirchenratspräsidentin der reformierten Kirche beider Appenzell. An der Sommersynode vereinigte sie 39 von 47 Stimmen auf sich und überflügelte damit ihren Gegenkandidaten Thomas Gugger.

Die neu gewählte Kirchratspräsidentin lebt in Trogen und arbeitet in Teilpensen als Pfarrerin in Heiden, im Gehörlosenpfarramt und am Religionspädagogischen Institut St. Gallen. Sie wird für die Landeskirche AR/AI auch in der Synode der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) Einsitz nehmen. Sie ist in der 170-jährigen Geschichte der Appenzeller Landeskirche die zweite Frau im Kirchenratspräsidium.

 

«Dann kam es zum Rollentausch: Ihr Mann wollte mehr von den Kindern haben.»

 

Martina Tapernoux-Tanner liess sich zur Primarlehrerin ausbilden. Als sie in ihrer ersten Realklasse einen kleinkriminellen Jugendlichen erlebte, war ihr Entschluss gefasst: «Das mache ich nicht bis zur Pensionierung; das kostete zu viel Kraft und Energie.» Sie studierte Theologie und wurde Pfarrerin; dazu musste sie noch Griechisch, Hebräisch und Latein büffeln. «Aber es klappte», sagt sie. Während des Studiums lernte sie viele spannende Frauen kennen. In dieser Zeit kippte das Geschlechterverhältnis der Studierenden zugunsten der Frauen in der Theologie.

Rollentausch

Das Vikariat absolvierte sie in Buechen-Staad. Nach der Ordination wurde sie Mutter. Ein halbes Jahr später nahm sie die erste Stelle als Spitalpfarrerin an. Ihr Mann war Oberarzt am Kantonsspital St. Gallen. Zwei weitere Buben wurden den beiden geschenkt. Dann kam es zum Rollentausch: Ihr Mann wollte mehr von seinen Kindern haben und blieb zu Hause. Heute arbeiten beide in Teilpensen. Bevor sie ihre Stelle als Pfarrerin in Heiden antrat, war sie Pfarrerin in Reute-Oberegg. An ihrem Beruf liebt sie die Vielfalt: «Kinder, ältere Menschen, Leute, bei denen nicht alles wie am Schnürchen läuft, und Trauernde. Trauernde sind ehrlich; sie verstecken nichts», sagt Martina Tapernoux.

Ständig auf Pikett

Schwierig sei manchmal die ständige Erreichbarkeit. «Wenn man Teilzeit arbeitet, kann man Trauernden nicht sagen, sie müssten die Bestattung auf diese Tage verlegen. Oft finden Sitzungen abends statt, weil die Menschen tagsüber arbeiten. Das macht die Vereinbarkeit von Familie und Beruf anspruchsvoll.»

Als Kirchenratspräsidentin wird sie sich in der ersten Zeit intensiv mit der neuen Verfassung beschäftigen. Ihr Vorgänger, Koni Bruderer, wird das Geschäft noch in der Herbstsynode vertreten. Martina Tapernoux-Tanner wird die Verfassung wahrscheinlich 2022 zur Volksabstimmung bringen. Sie habe grossen Respekt vor dem Amt, da sie bisher noch nie Mitglied einer Exekutive gewesen sei, sagt sie. «Gleichzeitig freue ich mich auf die neue Herausforderung.»

Text: Margrith Widmer, Journalistin BR, Teufen | Foto: Karin Steffen, Redaktion «Magnet» – Kirchenbote SG, Oktober 2021

 

Gleichberechtigung in der Kirche

 

Wie erleben Sie die Gleichberechtigung in der Kirche? 

Martina Tapernoux: Als normal. In der reformierten Kirche sind Männer und Frauen ebenbürtig. Zum Glück. Ich bin immer sehr gefördert und unterstützt worden. Einzig: Manchmal bekomme ich Tipps von Männern, die wie ein Papa mit mir als kleinem Mädchen reden. Das ärgert mich.

Haben Sie als Frau jemals Nachteile erlebt? 

Nein; ich habe von meinen Eltern viel Selbstbewusstsein mit auf den Weg bekommen. Hätten wir einen Bruder gehabt, hätte unser Vater vielleicht ihm gezeigt, wie man Velos flickt. So haben wir Töchter das gelernt.

Bestehen Mängel?

Gut wäre ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Frauen und Männern.

Gibt es Verbesserungspotenzial?

Nun gibt es schon Diskussionen um Angebote für Männer. (mw)