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Spiritualität

«Gipfelkreuz»

Mit Gott auf den Gipfel

24.09.2021
«Gipfelkreuz» heisst die jüngste Sektion des Deutschen Alpenvereins. Auf ihren Touren stellen sich die Mitglieder bewusst unter den Schutz Gottes. Die Idee stammt aus der Schweiz.

Das Lesen der Losung vor dem Start, ein gemeinsames Lied auf dem Gipfel oder ein Dankesgebet bei der Einkehr in die Hütte am Ende vom Tag: Auf Touren des Schweizer Alpen-Clubs (SAC) oder des Deutschen Alpenvereins (DAV) dürfte religiöses Rahmenprogramm bei vielen Teilnehmern wohl eher befremdliche Reaktionen auslösen.

Anders bei den Veranstaltungen der jüngsten Sektion des Deutschen Alpenvereins. Ihr Name: «Gipfelkreuz». Daniel Jägers hat sie im vergangenen Jahr gegründet mit dem Ziel, das Bergsteigen mit dem Glauben zu verbinden. Jägers kennt sich mit beidem aus: Den Bergen, denn er arbeitet derzeit als Erlebnispädagoge beim CVJM, dem Pendant zum CEVI, im Berchtesgadener Land. Bergsteigen ist seine Freizeitbeschäftigung. Und die Theologie, die er nebenbei im Fernstudium studiert.

Halt am Fels
Erstmals waren Mitglieder der Sektion diesen Sommer auch ausserhalb Deutschlands unterwegs – hierzulande wurde eine Mountainbike-Tour in Flims Laax angeboten. «Wir setzen uns bewusst unter den Schutz Gottes», beschreibt Jägers eine «Gipfelkreuz-Tour». Ziel sei es, nicht nur die Schönheit der Natur zu erleben, sondern auch ihren Ursprung. 

Das Bergsteigen lässt religiöse Analogien zu, die Jägers auf den Touren gerne als Input anbringt. Zum Beispiel: «Das Stahlseil am Klettersteig zeigt den Weg, es führt zum Ziel, ist eine Sicherheit am Fels.» Und wie im Leben allgemein, spüre der angeseilte Kletterer selbst im Fallen noch die Präsenz Gottes. Die 15 ehrenamtlichen Tourenleiter von «Gipfelkreuz» kommen fast alle aus der christlichen Jugendarbeit, haben alle «eine christliche Identität», wie Jägers sagt. Dennoch will die Sektion auch offen für Menschen anderer Religionen sein.

Schwierige Vergangenheit
Ebenso wie der SAC ist der Deutsche Alpenverein geografisch gegliedert. Doch es gibt zusätzlich Gruppen, die sich nach Interessen formiert haben, etwa eine Sektion für besonders leistungsorientierte Wanderer, oder den «Alpenklub Berggeist», der viele Kunstschaffende beheimatet. Auch eine LGBTI-Sektion gibt es mittlerweile.

Die Gründung einer religiösen Sektion ist für den DAV dennoch ein bedeutsamer Schritt, auch wegen seiner Geschichte. Denn schon in den 1920er Jahren wurden Juden und Jüdinnen aus diversen Sektionen ausgeschlossen, 1938 wurde ein «Arierparagraph» für alle Sektionen verpflichtend und der Alpenverein arbeitete eng mit der nationalsozialistischen Wehrmacht zusammen. Aufgrund dieses unrühmlichen Kapitels wird auf eine offene Kultur seitdem besonders geachtet. Auch bei der Diskussion um die Aufnahme von «Gipfelkreuz» in den DAV sei die Vergangenheit Diskussionsthema gewesen, sagt Jägers. 

Dass das neue Angebot auf Nachfrage trifft, zeigt der rasche Mitgliederanstieg: Anfang 2020 offiziell gegründet, zählt die Sektion bereits rund 500 Mitglieder, grossteils zwischen 20 und 50 Jahren.

Cevi Alpin als Vorbild
Die Inspiration für «Gipfelkreuz» holte sich Jägers in der Schweiz, beim Cevi Alpin. Seit 1989 treffen sich hierzulande bereits christliche Bergsteiger für Berg-, Ski und Klettertouren, Familien-, Jugend- oder Kinderbergsteigerlager. Zwischen 350 und 500 Personen nehmen jährlich an Touren teil, es gibt rund 60 Tourenleiter. 

Der Outdoorboom in den letzten Jahren habe sich auch beim Cevi Alpin bemerkbar gemacht, sagt Co-Präsidentin Evelyne Krauer. Die Touren seien gut gebucht, die Bandbreite der Teilnehmer gross. «Zu uns kommen Christen jeglicher Ausrichtung, sowie auch Menschen, die bisher noch nicht gross mit dem Glauben in Berührung kamen, aber miteinander und mit Gott in der Bergwelt unterwegs sein möchten.» Das Angebot des Cevi-Alpins dürfte auch der Grund dafür sein, dass eine christliche Sektion beim SAC kein Thema ist. Diese Frage habe sich gar nie gestellt, heisst es dort.

Cornelia Krause, reformiert.info