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Kultur

Kunst und Religion

Den Dialog via die Kunst suchen

27.09.2021
Die Kirche wird zum Kunstraum. Verschiedene Initiativen schaffen Räume für den Dialog zwischen Kunst und Spiritualität. Ein Vorzeigeobjekt ist die Kunstkapelle in Winterthur Veltheim. Sie versteht sich als «Labor für die Kirche im Wandel».

«Sehr schöne Arbeit, diese Kapelle, und eine grossartige Idee!» So lautet der erste Eintrag im Besucherbuch vom 12. Juli 2019 und der zweite: «Bald wird das Gästebuch gefüllt sein, das habe ich hier gefühlt.» Viel fehlt nicht, nur das letzte Blatt ist noch unbeschrieben. Bis zum Abbau der temporären Kunstkapelle im Herbst 2022 werden die Einträge wohl ein weiteres Buch füllen. Das Konzept scheint zu funktionieren.

Das Ziel des Initianten-Teams rund um den Winterthurer Architekten Markus Jedele war ambitioniert: «Mit der temporären Kapelle bei der Dorfkirche Veltheim schaffen wir uns eine Art Kirchenlabor, welches uns ermöglicht, in der Begegnung zwischen Kunst und Kirche Neues zu erfahren und wahrzunehmen.» Der Kapellenanbau war von Anfang an als Experimentierraum für den Dialog zwischen Kunst und Spiritualität gedacht, als Kommunikationsfeld zwischen Künstlerinnen und Kirchenbesuchern.

Offene Kirche dank Kunst
Eine Zwischenbilanz nach zwei Jahren zeigt: Die beiden Domänen Gemeindebau und Kunstschaffen befruchten sich gegenseitig. Seit der Eröffnung im Juli 2019 hat der Kapellenbau in Winterthur bereits sieben Ausstellungen beherbergt, siebenmal präsentierten die Künstlerinnen und Künstler an einer Vernissage ihre Werke und ihre Konzepte dahinter, siebenmal fanden unter dem Titel «Kunst und Spiritualität im Dialog» Diskussionsrunden statt. Und zahlreiche Besucherinnen und Besucher kamen, um den Kapellenanbau an sich zu bewundern, der sogar in der Architekturzeitschrift Hochparterre Beachtung fand.

Kuratorin Anita Bättig sagt, der erhoffte Austausch habe tatsächlich stattgefunden. «Die Künstlerinnen und Künstler haben sich eingelassen auf den kirchlichen Raum oder spirituelle Fragen.» Und die Angehörigen der Kirchgemeinde hätten mit der Zeit Freude am Projekt bekommen, selbst jene die am Anfang skeptisch gewesen seien: «Die einen mehr an der Kapelle selbst, als Ort des Seins, die anderen an der Kunst.» In den ausstellungsfreien Zeiten sei in dem geschaffenen Freiraum ein Stück offene Kirche entstanden: Ein Mann hat den Bau regelmässig als Ort fürs Krafttraining genutzt, eine Cellospielerin ist zum Üben gekommen.

Kirche als Experimentierfeld
Im kirchlichen Experimentieren hatten die Vältemer bereits Erfahrung: 2015 legten sie den Stimmberechtigten ein Projekt für eine «Kulturkirche» in der unternutzten Kirche Rosenberg vor, welches allerdings an der Urne scheiterte. Stattdessen wurde die Kirche Rosenberg 2015 auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise innert einem Monat zur Asylunterkunft umgebaut – auch das eine Initiative der Kirchgemeinde. 14 kleine Holzhäuschen im Kirchenraum und im Saal darunter boten Unterschlupf für geflüchtete Familien. Im Dezember 2017 wurde die Asylunterkunft geschlossen, die Holzhäuschen kamen ins Depot. Im Zwinglijahr 2019 entstand dann die Idee, einen Raum zu schaffen, wo sich Kirche und Kunst in experimenteller Form begegnen können.

Das Kunstprojekt der Winterthurer Kirchgemeinde Veltheim stand von Anfang an unter dem Zeichen der «Transformation#». Weil das Transformieren die eigentliche Aufgabe der Religion ist, wie Pfarrer Arnold Steiner, der das Projekt von Beginn weg mittrug, erläutert: «Wenn die Religion den Menschen nicht verwandeln kann, hat sie keine Bedeutung mehr», lautet eines seiner Credos. Das Projekt der Kunstkapelle sei ein Versuch, im Dialog mit der Kunst diese Transformation des Menschen zu begünstigen. Aber wohin? «Zu dem, was er oder sie eigentlich ist», sagt Steiner. Kunst könne dabei ein Augenöffner sein: «Ich als spiritueller Mensch erwarte von der Kunst, dass sie eine geistliche Realität sichtbar macht – mit all ihren Abgründen und Schönheiten», sagt Steiner.

Tradition als Schutzmantel
Zum einen soll die Kunstkapelle also transformierend wirken, indem sie spirituelle Erfahrungen vermittelt. Zum anderen will sie aber auch Sinnbild sein für eine Kirche im Wandel. Und so wollten die Initianten rund um den Architekten und Kirchenpfleger Markus Jedele und Pfarrer Arnold Steiner ihre Kirche auch nach dem Reformationsjubiläum weiterbauen. Physisch und inhaltlich. Der Kirchenpfleger und Architekt Jedele nutzte die Überbleibsel der im Dezember 2017 aufgehobenen Flüchtlingsunterkunft kurzerhand als Baumaterial: Die Spanplatten der Flüchtlingsbehausungen wurden zu Wänden, Böden und Decken der Kunstkapelle, übrig gebliebene Dachlatten zieren als Geflecht die Aussenfassade.

Auch die Kultur- und Religionsgeschichte der vergangenen Jahrzehnte und Jahrhunderte floss in die Wärmedämmung ein: 50 Freiwillige der Kirchgemeinde trugen Musiknoten von Chören, alte Bücher und Gesangsbücher zusammen und schredderten sie in einer gemeinsamen Aktion. Mit den so gewonnenen Papierschnipseln wurden die Hohlräume für die Isolation befüllt und so «ein Schutzmantel mit Geist» geschaffen. Die Vältemer betrieben Upcycling im Dienst von Spiritualität und Kunst.

Das Beispiel zeigt: So kann praktisch gelebte, weitergebaute kirchliche Transformation gehen. Auch architektonisch; das Projekt beinhaltete ja einfach einen weiteren Umbau des immer wieder veränderten tausendzweihundertjährigen Kirchenraums. Die Kunstkapelle entstand an dem Ort, wo früher der Chor der alten Marien-Wallfahrtskapelle stand. Nur noch ein Bogen im heutigen Chor erinnerte an den alten, heiligen Kraftort, ein Durchbruch bildet nun das Eingangstor zum Kunstraum.

Pfarrer Arnold Steiner, er wirkt inzwischen in Wildberg, verlieh zur Eröffnung seiner Hoffnung Ausdruck, dass die moderne Kapelle auch traditionelle, christliche Werte transportiere: Sie möge «das Bewusstsein für die Not der Welt schärfen» und die Besucherinnen und Besucher dazu motivieren, «sich voll Gottvertrauen für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung zu engagieren».

Eine Pause einlegen im Schöpfungsgarten
Die Gästebucheinträge der vergangenen zwei Jahre handeln von Berührungen, Anregungen zum Nachdenken, Einblicken und Einsichten. Und ganz oft verleihen sie einfach der Dankbarkeit Ausdruck. Dank «in Raum und Klang» oder «für den Schöpfungsgarten», «für mein Leben». Und die kleine Astrid dankt für «das hiemliesche Liechd», das etwas durch die Deckenöffnung der Kapelle scheint. Ein Eintrag in der Sommerpause lautete: «Wie gern wäre ich jetzt mit der kleinen Emma da, um die Stille des Gemäuers zu überwinden.»

Seit dem 9. September ist die Kunstkapelle nun wieder bespielt. Diesmal von der Zürcher Künstlerin El Frauenfelder. Das Thema ihrer bis 26. November 2021 dauernden Ausstellung: «usswändig». Darin befasst sich Frauenfelder – passend zum gesamten Projekt – mit Mauern und Wänden, den darin enthaltenen Materialien und unseren Sehgewohnheiten beim Betrachten von Gebäudehüllen. Der aktuell letzte Eintrag im Gästebuch lautet: «Das Leben ist eine Baustelle.»

Manchmal, hilft es, die Aussenwände etwas zu verschieben, damit neue Perspektiven ihren Platz haben. Die Kunstkapelle Veltheim führt das überzeugend vor Augen.

Christian Kaiser, reformiert.info

Kunsthaus Zürich: Religiöses Spurenlesen in der Kunst
Die (zeitgenössische) Kunst tritt nicht nur vermehrt in Kirchen auf, Theologinnen und Pfarrer referieren umgekehrt auch in den Tempeln der Kunst über religiöse Themen. Ein spannendes und erfolgreiches Format dafür stellt die Reihe «Kunst und Religion im Dialog» dar, welche im Kunsthaus Zürich im September 2021 gestartet ist.

Sibyl Kraft, Kunstvermittlerin am Kunsthaus Zürich, diskutiert mit einem Theologen über religiöse Inhalte von Kunst: Himmel und Erde, Unterwelt und Paradies sind die Themen. Zum Auftakt sprach sie mit Thomas Münch, katholischer Theologe und Seelsorger an der reformierten Predigerkirche, vor einem berühmten Gemälde von Delacroix über Paradiesvorstellungen und den Einfluss von Religion und Literatur auf dieKunst. Das zweite vorgestellte Werk zum Thema Himmel und Erde: Der aufrechte Mensch als Bindeglied zwischen Erde und Himmel im Werk von Alberto Giacometti.

Der Dialog findet in diesem Format auf drei Ebenen statt: als Gespräch zwischen Kunstexpertin und Theologen, als Wechselwirkung zwischen dem Werk und dem Publikum, nicht zuletzt bezogen die Referierenden aber auch immer wieder das Publikum mit seinen religiösen oder ethischen Vorstellungen geschickt mit ein. Die nächste Führung knöpft sich den Himmel vor.

Reihe Kunst und Religion im Dialog. Bis Mai 2022, Kunsthaus Zürich, Anmeldung: www.kunsthaus.ch/kunst+religion

Brückenschlag mit Kunst in Zürich
Auch die Kirche Balgrist in Zürich nutzt die Kunst als Türöffner für neue Formen des Austausches. Zum Beispiel indem sie Kunstschaffenden die Gelegenheit bietet, im Kirchenraum ihre Werke auszustellen. So lädt sie auch das nicht-kirchenaffine Publikum in den sakralen Raum ein. Zurzeit zeigt dort Beatrice Bosshard ihre farbenfrohen Holzschnitte und Monotypien von figürlich bis abstrakt; Labyrinthe und Spiralen kommunizieren mit Bildern von Ballerinas und auf Wellen schaukelnden Booten.

Die luftig-leichte Präsentation an den Wänden des Kirchenschiffs erinnert nur ganz entfernt an Kreuzwegdarstellungen früherer Zeiten. Die Werke scheinen hell in die Sitzreihen auszustrahlen. Und die Künstlerin aus Winterthur freut sich über den «ehrwürdigen Raum» für ihre Bilder. Ihr gefalle auch, dass die Moschee mit ihrem Minarett gleich auf der anderen Strassenseite steht. Im Idealfall könne es der Kunst gelingen, eine Brücke zu schlagen zwischen Menschen und Religionen, sagt Bossard.

Zudem lädt der Kirchenkreis sieben acht in Zürich – gemeinsam mit der katholischen Kirche St. Anton – aber auch zur Veranstaltungsreihe «Kunst und Theologie» in die Kirche Balgrist ein. Eine Kunsthistorikerin und ein Pfarrer stellen das Werk eines bekannten Künstlers vor; dabei beleuchten sie ein Kernthema dieses Künstlers, das auch theologisch relevant ist. Als nächstes steht am Donnerstag, 7. Oktober (19:00 bis 20:00 Uhr) die französisch-amerikanische Bildhauerin Louise Bourgeois (1911-2010) auf dem Programm. Ihre riesigen bronzenen Spinnen, die «Mamans», stehen in Städten rund um den Globus. Die Referate werden sich u.a. dem Einfluss des Nichtverzeihenkönnens auf ihre künstlerische Arbeit widmen.