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Gesellschaft

Intensive Seelsorge auf der Covid-Station

«Es kann eine gewisse Aggression auslösen»

05.10.2021
Auf den Intensivstationen arbeiten Pflegende am Limit. Seelsorgerin Susanna Meyer erfährt das an forderster Front. Sie fordert Verbesserungen.

Frau Meyer Kunz, wie hat sich die Seelsorge auf der Intensivpflege mit der Corona-Pandemie verändert?
Entspannung und Anspannung kommen und gehen mit den Wellen, aber grundsätzlich wurde es intensiver mit dem Beginn der Pandemie. Vor allem mit der vierten Welle nach den Sommerferien hat sich bei uns die Situation verändert. Bei den Pflegenden wurde es sehr spürbar, sie sind müde und erschöpft.

Was ist dann wichtig?
Sobald der Druck steigt, stehen zuerst mal niederschwellige Angebote im Vordergrund. Deshalb sind wir oft einfach da und hören zu. Das gab es vorher nicht in dem Ausmass. Auch nach Rapporten der Pflegenden sind wir einfach vor Ort. Dann erzählen die Pflegenden oft einfach, was sie gerade belastet. Diese Tür- und Angelgespräche können sehr intensiv sein.

Was belastet die Pflegenden am unmittelbarsten?
Das sind vorab oft sehr basale Dinge, fehlende Möglichkeiten, zwischendurch zu essen oder rasch aufs WC zu gehen wegen der aufwändigen Dekontaminierung auf der Covid-Station, beispielsweise.
Wir beobachten auch eine Belastung durch die immer gleiche Arbeit.  Auf der normalen Intensivstation gibt es eine relativ grosse Diversität bei den Fällen. Aber auf der Covidstation läuft es fast wie in einer Fabrik ab. Es sind immer die mit grossem Aufwand verbundenen gleichen langwierigen Handlungen.

Die Unzufriedenheit geht aber noch weiter?
Ans Eingemachte geht auch, dass die Pflegenden häufig nicht mehr nach den eigenen Kriterien von guter Pflege arbeiten können, weil sie praktisch von der Hand in den Mund funktionieren müssen. Für kurze Zeit müssen sie das aushalten können. Aber auf Dauer, wie es jetzt passiert, ist das sehr belastend.
Und zunehmend öffnen sich leider auch Gräben zwischen den hochspezialisierten Fachleuten und den Pflegenden in der Spitex, die relativ häufig skeptisch eingestellt sind gegenüber Massnahmen oder der Impfung. Autonomie erachte ich als wichtig. Aber man sollte dabei relational die Situationen in den Spitälern und Heimen einbeziehen.

Wie wird in der Intensivstation über die Impfung gedacht?
Hier herrscht schon verbreitet die Ansicht, dass die Situation mit mehr Impfungen hätte vermieden werden können. Es liegen auch an sich gesunde 30- bis 50-Jährige teils wochenlang mit Covid-19 auf der Intensivstation. Ein Arzt hat mir vorgerechnet, dass ein schwerer Verlauf den Platz für sechs bis acht andere Intensiv-Patienten blockiert. Das kann auch eine gewisse Aggression auslösen, sogar ich selbst habe das schon gespürt.

Wie gehen Sie damit um?
Mir hilft es, die persönlichen Geschichten zu sehen. Wir hatten beispielsweise einen schwer erkrankten Mann mit Migrationshintergrund. Sein Sohn im Teenageralter übersetzte. Da stand ich als Seelsorgerin gegen den Willen der Familienmitglieder dafür ein, dass eine professionelle Dolmetscherin engagiert wurde. Der Jugendliche musste Raum haben, um selbst mitleiden und trauern zu können. Er fasste dann Vertrauen zu mir und erzählte, wie er oft hin- und hergerissen sei zwischen den Welten, dem Freundes- und Berufsumfeld mit der Lehre gegenüber den Erwartungen und Traditionen in der Familie.
So verstand ich, dass es unsere Aufgabe ist, Schutzräume zu schaffen für die Verletzlichkeiten. Und diese gibt es auf allen Seiten – auch bei uns selbst. Die theologische Perspektive half mir dann auch, diese Verletzlichkeit anzunehmen.

Was belastet Sie als Seelsorgerin am meisten?
Am belastendsten empfinde ich das Spannungsfeld. Ich arbeite hier auf der Intensivstation mit all den schweren Fällen und Schicksalen. Dann komme ich raus und begegne im Privaten Leuten, die sagen, das sei ja alles gar nicht so schlimm. Das Jonglieren zwischen diesen Welten hat mich zunehmend an die Grenzen gebracht. Das gab es ja schon vor der Corona-Pandemie. Aber seitdem hat es sich deutlich zugespitzt.

Und wie könnten wir die Situation verbessern?
Die Pflegenden müssten wieder nach ihren Prinzipien, ihrem hohen Ethos arbeiten können. Das heisst, es braucht mehr qualifiziertes Personal und bessere Löhne. Das ist nichts Neues, aber durch Corona zeigt es sich noch einmal viel deutlicher. Ich hoffe daher sehr, dass die Pflegeinitiative angenommen wird. Das wäre ein wichtiges Zeichen fürs Pflegepersonal. Es braucht mehr Gerechtigkeit im Gesundheitswesen.

Was können wir als Gesellschaft dafür tun?
Es braucht zwingend eine Debatte darüber, welches Gesundheitswesen wir uns leisten wollen. Entsprechend müssen wir uns dann auch dafür einsetzen, dass dieses gerecht umgesetzt wird. Und es braucht auch ein Bewusstsein dafür, was es für Menschen heisst, verletzlich zu sein. Auch eine Berufsgruppe wie die Pflegenden kann einen Grad der Verletzlichkeit erreichen, bei dem sie Schutzräume brauchen, um den Patientinnen und Patienten eine sichere Pflege zu bieten.

Marius Schären, reformiert.info

Susanna Meyer Kunz, 55
Die Pfarrerin ist Leiterin der reformierten Spitalseelsorge im Universitätsspital Zürich und zuständig für die Seelsorge auf der Covid-19-Intensivstation. Sie war diplomierte Pflegefachfrau HF, bevor sie auf dem zweiten Bildungsweg Theologie studierte.

Debriefing für die Not der Pflegenden
Am Unispital Zürich wurden auf den Intensivpflegestationen «Debriefing-Runden» eingeführt. Dort können sich die Pflegefachleute den Frust von der Seele reden. Mit dabei sind auch Ethikerinnen, Pfarrpersonen, Psychologen. Auch ein Beratungs- und Behandlungsangebot des psychiatrischen Dienstes wird von den Pflegenden beansprucht.
Gemäss der Pflegeexpertin Carmen Karde braucht es das. Sie ist am Unispital für drei Intensivstationen mitverantwortlich und hat im Online-Magazin «Republik» aus ihrem Alltag berichtet. Der Beitrag ist hier  zu lesen.