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Gesellschaft

Pandemie

«Die Impfkritiker denken nicht einfach irrational, wie man ihnen oft vorwirft»

12.10.2021
Der Berner Pfarrer Thomas Philipp äussert sich zur gesellschaftlichen Spaltung in der Impffrage – und wie im christlichen Sinn damit umzugehen ist.

Herr Philipp, was hat sie zu einer Predigt zur aktuellen Situation an der Corona-Front motiviert?
Das Thema rund um die Impfung und das Zertifikat ist gesellschaftlich allgegenwärtig. Ich merke es in meinem persönlichen Umfeld, zum Beispiel im Quartier, in dem ich mit meiner Familie wohne. Bist du geimpft? Wegen dieser Frage kann schnell Gereiztheit aufkommen, bis hinein in alte Freundschaften. Und wenn es nötig wird, dass die Polizei gegen Demonstranten vor dem Bundeshaus Wasserwerfer einsetzt, sind das schon Zeichen an der Wand, die man ernst nehmen muss.

Haben Sie Verständnis für Leute, die sich aufregen, weil die Pandemie «wegen den unverständigen Ungeimpften» nicht so schnell beendet werden kann wie erhofft?
Rational liegt es nahe, so zu denken. In diesem Sinn verstehe ich die Ungeduldigen. Aber wenn meine kleine Tochter partout etwas nicht will und trotzt, komme ich mit autoritären Ansagen nicht weiter.

Dann hat die Haltung der impfskeptischen Menschen etwas Trotziges?
Ja, durchaus. Sie sagen: Ich lass mir da nicht dreinreden, das ist meine Entscheidung, egal, was du jetzt sagst. Aber es bringt nichts, diesen Trotz zu disziplinieren. Man muss verstehen, was zu dieser Reaktion führt und warum diese Menschen so sauer werden. In den Tageszeitungen lese ich wenig vom Bemühen, diese Menschen ernsthaft verstehen zu wollen.

Und warum werden sie so sauer?
Zunächst möchte ich festhalten, dass sie nicht einfach «irrational» denken, wie ihnen oft vorgeworfen wird. Viele Menschen spüren, dass unsere zahlen- und faktenbasierte Gesellschaft vorab auf das Ziel ausgerichtet ist, der Wirtschaft zu dienen. Anders gesagt: Die Gesellschaft muss einzig funktionieren, damit ungehindert produziert und konsumiert werden kann. In einer solchen Welt hat es zum Beispiel auch für pädagogische Empathie, die Neugier auf die Einzigartigkeit eines jeden, keinen Platz.

Dann sehnen sich also viele Menschen, die jetzt gegen die behördlichen Massnahmen antreten, im Grunde nach einem gesellschaftlichen Gegenentwurf?
Ja, ich denke schon, dass es im Kern um diese Frage und nicht so sehr um die Impffrage geht. Die kritischen Menschen wünschen sich eine Gesellschaft, in der die unverwechselbare Eigenart eines jeden zählt, so dass er sich nicht als Teil einer Masse erlebt. Menschen, die der rein wirtschaftsorientierten, zahlenbasierten und durchrationalisierten Gegenwartsgesellschaft kritisch gegenüberstehen, ziehen sich zurück in eine kleine, überschaubare Welt mit einer eigenen Logik, zum Beispiel rund um eine Steinerschule. Kommt nun jemand und nötigt sie zu einer Impfung, die sie als Element einer effizienz- und geldbestimmten Gesellschaft deuten, droht – in ihrer Wahrnehmung – das äusserliche Funktionieren ihren Körper zu vereinnahmen. Da sagen sie Nein.

Ist der Corona-Konflikt letztlich eine Art gesellschaftlicher Stellvertreterkrieg?
Ja, das kann man so sagen. Naturwissenschaftlich betrachtet lässt sich die Impfung positiv bewerten, das ist wohl den meisten Menschen klar. Aus der Geschichte wissen wir, welchen Segen Impfungen gebracht haben. Aus dieser Überzeugung heraus habe auch ich mich gegen Covid impfen lassen. Wenn heute aber sogar in der Schweiz Tausende von Menschen auf die Strasse und auf die Barrikaden gehen, wenn es um eine Impfung geht, darf man das nicht einfach als Irrationalität oder sogar Dummheit abtun. Dieser gesellschaftskritischen Haltung begegnet das Christentum am besten mit Gehör und Empathie.

Man hört in der aufgeladenen Impfdebatte oft den Spruch: «Du hast ein Recht auf die Entscheidung, dich nicht impfen zu lassen, aber kein Recht, andere anzustecken». Was lässt sich hierzu aus christlicher Sicht sagen?
Aus naturwissenschaftlich-technischer Sicht kann man so argumentieren. Aber eine christliche Haltung wird die eigene Deutung der Situation nicht einfach als normativen Rahmen voraussetzen. Christlich ist vielmehr das Bemühen, den Grund des Widerstands zu verstehen. Selbstverständlich darf ich als Christ auch meine Argumente als Impfbefürworter einbringen. Ich bin froh um die Impfung und auch stolz auf die Wissenschaftlerinnen und Techniker, denen es innert kurzer Zeit gelungen ist, ein wirksames Mittel zur Bekämpfung der Pandemie zu entwickeln und in riesigen Mengen herzustellen.

In Ihrer Predigt laden Sie ein zum doppelten Vertrauen: zum Vertrauen auf die innere Stimme, aber auch zum Vertrauen auf Stimmen von aussen, zum Beispiel auf Expertenstimmen. Warum fällt Ersteres so leicht, Zweiteres vielen aber offenbar so schwer?
Wir Menschen sind mit zwei Welten im Gespräch, mit der inneren und der äusseren. Die äussere erleben viele als von Effizienz und Perfektionismus beherrscht. Deshalb verlassen sie sich lieber auf den inneren Kompass, auf das «Gspüri». Sagt mein Gespür, mein Bauchgefühl aber wirklich immer das Richtige? Es gilt genau hinzuhören, in welchem Geist eine Stimme spricht, so wird es auch im ersten Johannesbrief in der Bibel angemahnt. Vieles von dem, was wir in uns so alles hören, ist einfach Bequemlichkeit. Gut zu unterscheiden gilt es natürlich auch bei «äusseren» Stimmen: Spricht hier wirklich ein Experte, und spricht er in lauterer Absicht? Hören wir gewissenhaft nach innen und nach aussen, kann jenes Vertrauen entstehen, das uns gut durch diese Krise führt.

Was kann die Kirche beitragen, dass Entspannung in die allgemeine Anspannung kommt?
Die Kirche dürfte den Akzent mehr auf das Wirken des Gottesgeistes im Herzen setzen. Gerade die reformierte Theologie ist eher eine Theologie der Aussenwelt, wenn ich an die stark gewichteten Disziplinen wie Geschichte und Philologie denke. Es braucht aber das christliche «Und». Dieses «Und» ist ein dritter Raum der Gegenseitigkeit.

Wie hat die Gemeinde auf Ihre Corona-Predigt reagiert?
Positiv. Meine Gedanken und mein Versuch, die beiden Haltungen miteinander zu versöhnen, haben den – zumeist älteren – Anwesenden gefallen.

Interview: Hans Herrmann, reformiert.info

Thomas Philipp (56)
Mit einer Arbeit über die theologische Bedeutung der Psychotherapie hat Thomas Philipp in Theologie promoviert. 2000-2017 war er Studentenseelsorger in Bern. Derzeit arbeitet er als Pfarrvertreter in Neuenegg, am 1. Januar 2022 tritt er eine Stelle als Pfarrer in Kirchdorf an. 2019 ist sein Buch «Bildungsethik» erschienen, eine philosophische Reflexion über die anzustrebenden Ziele der Bildung in der heutigen Gesellschaft.
Thomas Philipp, Bildungsethik, hep Verlag, 248 Seiten