Logo
Spiritualität

Die Kirche Wangen eröffnet einen Unservater-Gebetsweg

29.10.2021
Das Unservater ist das bekannteste Gebet der Christenheit. Jesus hat es seinen Jüngern gelehrt. Ein Gebetsweg zeigt in der Kirche Wangen, welche Botschaft die Bitten haben, und lädt zur Meditation ein.

Mit dem Unservater verhält es sich wie mit der Schweizer Nationalhymne. Jeder kennt sie, doch beim Singen gerät man leicht ins Stocken. Ein Unservater- Gebetsweg in der Kirche von Wangen will da nachhelfen. An sieben Stationen visualisieren Skulpturen das Gebet und zeigen, was hinter den einzelnen Fürbitten steht. Die Objekte, die auf schlanken Holzstelen ruhen, führen in der Kirche Wangen in die Stille und die Andacht.

Initiiert hat das Projekt der Gemeindepfarrer Bruno Waldvogel. Er hat die Skulpturen entworfen, ausgeführt hat sie seine Schwester Barbara Parillo-Serio. «Als Künstlerin würde ich mich nicht bezeichnen», sagt die 53-Jährige und lacht. Doch Parillo-Serio malt, modelliert und dekoriert, Selbstfabriziertes wie eine Lampe aus einer alten Wurzel oder eine Uhr aus einem alten Gussrahmen zieren ihre Stube. «Man kann aus allem Alten, Kaputten und Zerbrochenen wieder etwas Neues machen», ist Barbara Parillo überzeugt.

«A und O des Lebens»
Als ihr Bruder sie anfragte, ob sie diesen Auftrag übernehme, sagte sie sofort zu. Das Unservater hat für Parillo- Serio einen wichtigen Stellenwert, denn es beschreibt das «A und O des Lebens». Beten hat für die vierköpfige Familie seinen Platz im Alltag. «Es gibt so vieles, was wir nicht in der Hand haben, da ist es gut, wenn man dies Gott in die Hand legen kann. Schön wäre es, wenn man in den Skulpturen die Liebe Gottes zu uns Menschen spüren könnte und die Hoffnung, dass Gott für unsere Probleme die Lösung sein kann.»

«Gott schenkt ein neues Herz»
Gesundheitliche Probleme hat Barbara Parillo-Serio zur Genüge. Sie leidet seit Jahren unter Schmerzen und Müdigkeit und nahm starke Medikamente. Die Schlaflosigkeit führte zur Erschöpfungsdepression und zum Aufenthalt in einer Klinik. Inzwischen geht es ihr besser. In der Krise träumt sie, dass sie ein grosses Herz in den Händen hält. Der Traum macht ihr bewusst, dass Gott ihr ein neues Herz schenken wird. Parillo-Serio schöpft daraus die Hoffnung, dass Gott ihre versteinerten Gefühle, ihr Herz, wieder lebendig macht.

Solche Bilder fliessen auch in die Skulpturen ein, deren Symbolik verständlich ist. Etwa, wenn sie zum Vers «Unser Vater im Himmel» eine grosse Hand zeigt, in der ein kleines Kind ruht. Oder wenn sie «Geheiligt werde dein Name» mit einem Lampenschirm darstellt, auf dem die unterschiedlichsten Bezeichnungen Gottes stehen. «‹Heiligen› heisst, etwas ganz besonders zu behandeln», erklärt Pfarrer Waldvogel. «Gottes Namen soll leuchten in unsere Welt und in unserem Leben. » Die Bitte «Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen» stellt ein dickes Seil dar, das sich um eine Wurzel verknotet hat. «Die Verstrickung und die Versuchung führen uns in eine Gefangenschaft. Die Bitte will, dass wir gar nicht erst so weit kommen», sagt Bruno Waldvogel.

Tilmann Zuber

Ausstellung: «Unser Vater – Padre Nostro – Notre Père – ein Gebetsweg», November bis Anfang Dezember, reformierte Kirche Wangen, der Gebetsweg ist täglich von 8 bis 20 Uhr geöffnet Vernissage: Samstag, 30. Oktober, 17 Uhr, Vernissage mit kleiner Feier; Musik und Gesang: Sarah Serio, Einführung in die Skulpturen und einzelne Stationen durch die Künstlerin Barbara Parillo-Serio und Pfarrer Bruno Waldvogel

Das Gebet der Christenheit
Das Unservater verbindet rund 2,3 Milliarden Christen auf der ganzen Welt – egal welcher Konfession. Jesus selbst soll es den Jüngern gelehrt haben, höchstwahrscheinlich auf Aramäisch. Das Unservater fasst den Glauben, die Werte und die Hoffnungen des Christentums auf wenige Zeilen zusammen. Das Gebet steht im Matthäus- und im Lukasevangelium, bei Lukas in der kürzeren Version von fünf Fürbitten. Das Unservater bildet das zentrale Gebet im Gottesdienst. Die wenigsten machen sich Gedanken, was dieses Reich bedeutet oder welche soziale Sprengkraft in der Bitte für das tägliche Brot steckt. Auch im Detail verbirgt sich Brisantes. So monierte Papst Fanziskus, dass es in der deutschen Fassung heisst: «und führe uns nicht in Versuchung ». Für den Papst ist Gott nicht der Verführer. Deshalb lautet der Text in Italien: «und lass uns in der Versuchung nicht im Stich». Auch an anderer Stelle dürfte sich das deutsche Unservater vom Text in den ältesten Handschriften unterscheiden. In der Bitte «wie auch wir vergeben unsern Schuldigern » stand das Verb sehrwahrscheinlich in der Vergangenheit. Ergo: Vergeben wird nur denjenigen, die anderen die Schuld erlassen haben.