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Spiritualität

Das Geheimnis der Träume

22.11.2021
Seit Jahrtausenden versuchen die Menschen die Botschaft der Träume zu entschlüsseln. In vielen Kulturen öffnet das nächtliche Kopfkino den Zugang zum Göttlichen. Auch die Weihnachtsgeschichte erzählt von Träumen.

Flugzeugabstürze, Züge, die man verpasst, und Gauner, die einen jagen. Wer sich mit Träumen beschäftigt, trifft auf viele solcher Berichte. Doch darüber, was in unserem Kopfkino entsteht und welche Bedeutung dies hat, gehen die Meinungen auseinander.

In vielen Kulturen bildet die Traumdeutung einen wichtigen Zugang zu den Göttern und ins Jenseits. Die Ägypter glaubten, ihre Seele versinke des Nachts ins Totenreich und
in den himmlischen Urozean. Von dort steige sie wieder erfrischt und verjüngt auf.

Für die jüdische und die christliche Religion waren die Träume Offenbarungen. In den zentralen Passagen der Bibel spielen sie eine entscheidende Rolle: Jakob erscheint im Schlaf eine Himmelsleiter, auf der Engel hoch- und niedersteigen. Josef sieht das warnende Bild der sieben fetten und der sieben mageren Kühe. Und gemäss den Evangelien gibt es ohne die nächtlichen Offenbarungen kein Christentum. Ein Engel gebietet Josef im Traum, seine schwangere Verlobte Maria nicht zu verstossen. Später warnt ihn der Engel vor Herodes, die Jesus-Familie flieht nach Ägypten.

Im Zeichen des Kreuzes

Auch in der Kirchengeschichte stellen Träume die entscheidenden Weichen. In der Apostelgeschichte gebietet ein Traum Petrus, dass Heiden Christen werden können, ohne das Gesetz der Tora einzuhalten. Das Christentum wird damit zur weltweiten Religion. 300 Jahre später schreibt eine nächtliche Eingebung abermals Weltgeschichte: Kaiser Konstantin sieht im Schlaf, wie sein Heer unter dem Zeichen des Kreuzes bei der Milvischen Brücke siegt. Der Traum erfüllt sich, das Christentum wird  Staatsreligion.

In den späteren Jahrhunderten tun sich Kirche und Gesellschaft mit den Träumen schwer, sie gelten gar als Eingebung des Teufels. Die Aufklärung rückt die Botschaften aus dem Schlaf in den Hintergrund. Heute sehen dies die Kirchen einiges entspannter: «Gott zeigt uns im Traum oft, was eigentlich dran ist», sagt der Benediktiner Anselm Grün. «Da der Schlaf die menschlichen Aktivitäten ausschaltet oder vermindert, kann Gott im Traum leich-ter in das Leben einbrechen», ist der klerikale Erfolgsautor überzeugt. Im bewussten Leben werde Gott allzu leicht überhört. «Deshalb ist es wichtig, auf Träume zu achten, wenn ein Mensch auf Gott hören will.»

Freud: Sexualtrieb und Archetypen

Im 19. Jahrhundert entdeckt die Psychologie das nächtliche Kopfkino. Sigmund Freud erkennt in den Traumbildern das Unbewusste, das im Schlaf ungehindert an die Oberfläche drängt. Meist, meint der Vater der Psychoanalyse, seien es unterdrückte Wünsche, Ängste und sexuelle Triebe.

Sein 1899 erschienenes Buch «Die Traumdeutung» beeinflusst für Jahrzehnte die Wissenschaft, die Literatur, die Malerei und den Film. Salvador Dalí Luis Buñuel, Alfred Hitchcock und René Magritte begeben sich mit Pinsel oder Kamera auf die Suche nach Traumsymbolen. Der Schweizer Psychologe Carl Gustav Jung wendet sich ab von Freuds Theorien und bringt «das kollektive Unbewusste» ins Spiel. Die Träumen werden gemäss Jung geprägt von «Archetypen», den tief im Menschen verwurzelten Bildern und Mythen.

Abfallprodukte der Hirntätigkeit

Die moderne Medizin erteilt in den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts solchen Theorien eine Absage. Der Schlafforscher Allan Hobson degradiert die nächtlichen Bilder zu -«Abfallprodukten» der Hirntätigkeit.  Später findet der Medizin-Nobelpreisträger Francis Crick die «Müllentsorgungstheorie» der Träume: Wie ein PC entledige sich das Gehirn bloss überflüssiger Informationen, um Speicherplatz frei zu machen.

Inzwischen weiss man, dass Träume mehr sind. Aus der Sicht der modernen Traumforschung handeln Träume weniger von einer möglichen Zukunft als von der unmittelbaren Vergangenheit. Zwei Dritteln der Personen und Gegenstände, von denen man träumt, ist man am Vortrag begegnet. Dies ergibt eine Studie der Universität Zürich. Die allermeisten Träume handeln von Banalem: vom Einkaufen, von der Schule, von der Arbeit, von der Familie, vom Alltag. Sie sind so banal, dass wir nicht einmal aufwachen oder sie schnell vergessen. Die Forschung weiter: Albträume kommen bei Kindern und Jugendlichen am häufigsten vor. Kleine Kinder träumen oft von Tieren, Männer von anderen Männern und Frauen von beiden Geschlechtern.

Täume zeigen den Weg des inneren Wachstums

Der Psychoanalytiker und Kinderpsychiater Markus Merz hat sich lange mit den spirituellen Grundlagen der Traumdeutung auseinandergesetzt. In Basel hat er das Trauminstitut -ge- gründet. Für ihn sind Träume Botschaften der Erinnerung. «Sie begleiten einen auf dem Weg des inneren Wachstums. Sie lassen uns Informa-tionen über uns und unser Leben zukommen, die auf eine andere Art nicht zugänglich sind. Diese Botschaften sind kostbar, weil sie die Möglichkeit von Umgestaltung und Heilung eröffnen.»

Für Merz schildert die Bibel authentische Traumerlebnisse. In einem Warntraum sieht Josef etwa die sieben fetten und die sieben mageren Jahre. «Durch diesen Hinweis, den er nicht durch seinen Verstand, sondern aus einer anderen Sphäre empfängt, rettet er die Menschen vor dem Hungertod», sagt Merz. «Diese Berichte sind für mich plausibel und modern.»

Markus Merz ist überzeugt, dass wir in einer unterentwickelten Traumkultur leben. Nur was man rational -erfassen und bestimmen könne, sei gültig. Was in den Bereich des Geheimnisvollen und der Ahnung gehöre, werde oft nicht genügend ernst genommen.

Träume sind in der Kirche lange Zeit wenig beachtet worden. Es scheinen sich aber, so Merz, ein neues Interesse und eine neue Offenheit für das Traumgeschehen anzubahnen. Die Kirche besinnt sich auf die eigene mystische Tradition. Es wird ihr bewusst, dass sie, unabhängig von Psychologie und Esoterik, über eine eigene, therapeutisch orientierte Seelenlehre verfügt. Umgestaltung und Neugestaltung sind zentrale Begriffe der spirituellen Seelenlehre. «Siehe, ich mache alles neu!» Dieser neu gestaltenden und heilenden Kraft begegnen wir in den Träumen.

Und was bedeutet jetzt beispielsweise der Traum vom Flugzeugabsturz? «Man sollte Träume nicht hellseherisch auf zukünftige Ereignisse beziehen», sagt Merz. Der Sinn eines Traumes lässt sich nur aus der Gesamtsituation erschliessen.»

Tilmann Zuber, Kirchenbote

Interview mit Psychotherapeutin Verena Kast über die Bedeutung des Träumens