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Gesellschaft

Kampagne gegen Gewalt an Frauen

«Opfer von sexualisierter Gewalt werden gebrandmarkt»

01.12.2021
Agota Lavoyer leitet die Opferhilfestelle des Kantons Solothurn. Im Interview erklärt sie, was sie von Männern erwartet und wie man Frauen unterstützt, die Opfer wurden.

Agota Lavoyer, zum 14. Mal koordiniert die feministische Friedensorganisation cfd die Kampagne «16 Tage gegen Gewalt an Frauen». Der Fokus liegt dieses Jahr auf sexualisierter Gewalt. Wieso ist dieses Thema wichtig?
Weil es immer noch ein Tabu ist, dass sexualisierte Gewalt auch in unserer Gesellschaft weit verbreitet ist. Auch wenn wir heute mehr darüber lesen und sprechen und #metoo viele Fälle an die Öffentlichkeit gebracht hat, reicht das nicht aus. Eine Kampagne wie diese kann viele Menschen sensibilisieren. Denn ein Umdenken muss stattfinden. Opfer von sexualisierter Gewalt werden immer noch gebrandmarkt. Ihr Umfeld, die Justiz, die Gesellschaft wirft ihnen zu oft vor, dass sie sich vor, während oder nach der Tat falsch verhalten haben. Wir als Gesellschaft schulden ihnen aber eigentlich vorbehaltlose Unterstützung. Zudem wird immer noch viel zu wenig für die Prävention geschlechtsspezifischer Gewalt gemacht.

Was ist sexualisierte Gewalt?
Sexualisierte Gewalt fängt mit Belästigung an: ein Nachpfeifen auf der Strasse, eine ungewollte Berührung in der Bar, anzügliche Bemerkungen des Chefs, ein ungewollt erhaltenes Penisbild und vieles mehr. Und dann gibt es die massiveren Formen sexualisierter Gewalt: sexuelle Handlungen gegen den Willen einer Person, also Vergewaltigung, sexuelle Nötigung oder Schändung. Sexualisierte Gewalt findet überall statt: im öffentlichen Raum, am Arbeitsplatz, online, aber auch zu Hause – dort, wo man sich eigentlich sicher fühlen sollte. Es ist wichtig zu wissen, dass bei Vergewaltigungen 80 Prozent der Frauen den Täter vorher schon kannten und mit ihm ein Vertrauensverhältnis hatten. Das macht eine richtige Einordnung, das Offenlegen und auch eine mögliche Anzeige viel schwieriger. Dabei ist wichtig, dass wir uns bewusst sind: sexualisierte Gewalt ist nie misslungenes Flirten oder schlechter Sex. Es ist eine Machtdemonstration und eine der schlimmsten Formen der Demütigung, Kontrolle und Abwertung einer Frau.

Sie fordern, man müsse über sexualisierte Gewalt sprechen und aufklären. Wieso nutzen Sie gerade die sozialen Medien, wenn Sie für das Thema sensibilisieren wollen?
Weil ich dort Menschen über mein privates und berufliches Umfeld hinaus erreiche. Natürlich erreiche ich damit nicht die breite Gesellschaft und spreche oft Personen an, die sich bereits mit dem Thema befassen. Trotzdem höre ich oft, dass man viel lernt beim Lesen meiner Posts – das freut mich sehr. Und mit Twitter etwa kann ich direkt Journalistinnen und Journalisten auf ihre Berichterstattung öffentlich ansprechen. Früher schrieb ich eine Mail an die Redaktion, die meist unbeantwortet blieb. Neben den sozialen Medien bin ich aber oft offline  mit dem Thema unterwegs, etwa mit Schulungen an Institutionen, Fachhochschulen und Unis.

Sie leiten zudem die Opferhilfestelle des Kantons Solothurn. Opferhilfestellen gibt es schweizweit seit 25 Jahren ...
... und sind trotzdem  noch zu unbekannt. In der Schweiz suchen jährlich rund 7000 Opfer sexualisierter Gewalt eine Opferhilfestelle auf. Das sind 130 Frauen pro Woche. Diese Zahl muss man sich mal vor Augen halten. Zudem muss man davon ausgehen, dass nur jedes 10. Opfer sich bei der Opferhilfe meldet. Alle anderen schweigen. Zudem kommen die Opfer oft erst Monate oder Jahre nach einer Tat zu uns. Wir hoffen, dass unser Angebot bekannter wird. Dass die Opfer wissen, dass wir ihnen glauben und sie unterstützen.

Wieso sprechen viele Opfer erst spät über ihre Erlebnisse?
Nicht zuletzt, weil die Opfer nach wie vor stigmatisiert werden. In meinen Augen kann es ein Opfer sexualisierter Gewalt unserer Gesellschaft nie recht machen: Sie solle emotional sein, wenn sie über die Tat spricht. Denn ist sie es nicht, dann glaubt man die Geschichte oft nicht. Andersrum solle die Frau nicht zu oft darüber sprechen, denn dies wäre zu anstrengend. Sie soll bitte direkt nach der Tat zur Polizei gehen und Anzeige erstatten. Wenn nicht, wird angezweifelt, ob tatsächlich etwas geschehen ist. Und so weiter.

Welche Rolle spielen bei sexualisierter Gewalt die Täter?
Eine untergeordnete Rolle, das zeigt sich schon in den Begrifflichkeiten: statt von Männergewalt zu sprechen, reden wir von Gewalt an Frauen. Es herrscht diese Hemmung vor, die Sache beim Namen zu nennen: Dass es fast ausschliesslich Männer sind, die sexualisierte Gewalt ausüben. Auch wenn Männer oder Kinder die Opfer sind. Das müsste öfter öffentlich benannt werden. Stattdessen steht das Opfer im Zentrum, wie sie sich verhalten hat, was sie sagt. Zu lange hat sich die Prävention auf das Opferverhalten fokussiert. Sie ging alleine nachts nach Hause? Sie sollte eben in einer Gruppe unterwegs sein. Zudem wird sexualisierte Gewalt zu oft verharmlost. Es heisst, es handelte sich um ein Missverständnis. Der Mann verstand nicht, dass die Frau keinen Sex wollte. Das geht doch nicht! Dies dürfen wir von den Männern erwarten. Ist man unsicher, lässt man den Sex einfach sein. Punkt.

Welche Rolle spielt die Scham?
Sexualität und auch sexualisierte Gewalt sind immer noch Tabuthemen. Weder in den Familien noch an den Schulen sprechen wir offen darüber. Hinzu kommt, dass sexualisierte Gewalt eine zutiefste Verletzung im intimsten Bereich bedeutet und oft traumatisierend ist. Es ist eine natürliche Reaktion, dass man solche Traumas verdrängt, um sein Leben weiterführen zu können. Und wenn Frauen sehen, wie mit Opfern sexualisierter Gewalt in der Gesellschaft umgegangen wird, dann ist das alle andere als ermutigend, die Taten offenzulegen.

Sie fordern obligatorische Schulungen von Polizistinnen und Polizisten, Staatsanwältinnen und Staatsanwälten, Richterinnen und Richtern, Sozialarbeitenden, Psychologinnen, medizinischen Fachpersonen, Fachpersonen aus dem Bereich Asyl und Migration oder auch von Journalisten und Journalistinnen. Was müssen wir Journalistinnen lernen?
Wie sie sensibel und verantwortungsvoll über häusliche und sexualisierte Gewalt berichten. Die Berichterstattung hat sich in den letzten Jahren zwar stark verbessert. Trotzdem lesen wir immer wieder, dass ein Femizid «Beziehungsdrama» genannt wird,  oder Aussagen wie, er hat sie vergewaltigt, «weil sie sich trennen wollte». Was wiederum suggeriert, dass ein anderes Verhalten der Frau die Vergewaltigung hätte verhindern können. Und schon sind wir beim Thema Mythen. Oder ein Titel wie «Sie haben mit ihr geschlafen, während sie bewusstlos war». Dabei handelte es sich um ein Strafverfahren wegen Schändung. Ich finde: es darf heute nicht mehr passieren, dass in der Berichterstattung Taten verharmlost und die Opfer abgewertet werden.

Wie sollten wir auf ein Opfer reagieren, dass mir von erlebter sexualisierter Gewalt erzählt?
Glauben Sie der Frau. Sagen sie ihr, dass die Verantwortung alleine beim Täter liegt. Stellen sie ihr Verhalten vor, während und nach der Tat nicht in Frage. Seien Sie sich bewusst, dass ihr Verhalten ihre Überlebensstrategie war und ist. Und unterstützten sie die Frau, ihr Schweigen zu brechen und sich Hilfe zu holen.

Nicola Mohler, reformiert.info

Agota Lavoyer ist Leiterin und Opferberaterin der Opferhilfestelle des Kantons Solothurn. Sie ist Expertin für sexualisierte Gewalt undbetreibt als Referentin, Autorin und Netzaktivistin Aufklärungs- und Sensibilisierungsarbeit.
«16 Tage gegen Gewalt an Frauen»: Einen Überblick über alle Veranstaltungen in der ganzen Schweiz zur Kampagne finden Sie hier: www.16tage.ch